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Wer einmal lügt ...

Kategorie: Meinung
Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst


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Von der Schwierigkeit, immer die Wahrheit zu sagen

Frauen, so sagt man, verziehen alle Lügen, wenn sie sich nur geschmeichelt fühlten. Das dürfte, so pauschal ausgedrückt, kaum stimmen. Wer aber ließe sich nicht gern Schmeichelhaftes ins Ohr flüstern, auch wenn er daran zu zweifeln Anlass hätte? Die Männer machen da keine Ausnahme. Allzu durchsichtige Komplimente bewirken jedoch das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Sicher ist aber auch, dass derjenige weniger Chancen bei den Frauen und Nachteile im Leben hat, der in jeder Situation brutalst möglich sagt, wie er eine Person oder Sache sieht.

Können wir uns die ungeschminkte, die ganze, die volle, die ungeteilte, die reine, die lautere, die unverhüllte, die traurige, die bittere und die unangenehme Wahrheit überhaupt leisten? Oder leben wir mit der Lüge, wir lügten nicht, obwohl wir es tun? Psychologen meinen sogar, dies komme bei jedem täglich mehrmals vor. Es beginnt mit der pädagogischen Lüge beim Kleinkind und endet mit der barmherzigen Lüge am Sterbebett. Am meisten gelogen wird angeblich vor Wahlen, in der Werbung, von Liebhabern und in Nachrufen.

Viele Lügen werden als solche gar nicht erkannt oder empfunden. Manche sind, wie das unwahre Kompliment, von der Gesellschaft sogar akzeptiert. Will die Welt belogen sein? Ja, es gibt Leute, die so ganz genau die Wahrheit gar nicht wissen wollen. Ob seiner Grobheit gescholten, sagt der Baccalaureus in Goethes „Faust" zu Mephisto: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist".

Täuschung gilt vielen als legitimes Mittel, sich das Leben angenehmer zu machen. Nicht selten wird die Unwahrheit nur noch bei anderen gesehen. Sich selbst gegenüber sind die Leute sowieso nachsichtiger. Sonst hätten nicht so viele auf die Frage, welche Fehler sie am ehesten verzeihen, gesagt: die eigenen. Wer’s aber in scheinbar verzeihlichen Angelegenheiten mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, erliegt leichter der Versuchung, die Lüge auch als schwere Waffe einzusetzen. In der Regel geht es darum, die eigene Position zu verbessern, einen Vorteil zu erzielen, den Konkurrenten zu schwächen, einen Feind zu erledigen. Lügen können im schlimmsten Fall töten. Weil er log, wird ein anderer umgebracht. Wie oft geschah das in der menschlichen Geschichte.

Das achte Gebot im Dekalog verbietet nicht das Lügen im allgemeinen, sondern das falsche Zeugnis. Es brandmarkt die Verleumdung als die schwerwiegendste Form der Lüge.

Die christliche Morallehre geht über das Alte Testament hinaus und fordert, „alle Bosheit, alle Falschheit und Heuchelei, allen Neid und alle Verleumdung" abzulegen. Wegen falschen Zeugnisses und Meineids werden Unschuldige verurteilt, Schuldige entlastet. Wie viele Frauen und Männer mögen deshalb als Hexen und Häretiker verbrannt worden sein!

Die Kirche bereut die Verfehlungen der Vergangenheit. Sie bekämpft die Lüge auf allen Ebenen. Die Rücksicht auf den guten Ruf eines Menschen verbiete jede Haltung und jedes Wort, die ihn ungerechterweise schädigen könnten, heißt es im neuen Katholischen Katechismus. Er hebt hervor, dass sich des „vermessenen Urteils" schuldig mache, „wer ohne ausreichende Beweise von einem Mitmenschen annimmt, er habe einen Fehltritt begangen". Wer ohne objektiv gültigen Grund Fehler und Vergehen eines Mitmenschen aufdecke, betreibe üble Nachrede, und wer durch wahrheitswidrige Aussagen dem guten Ruf anderer schade und zu Fehlurteilen über sie Anlass gebe, mache sich der Verleumdung schuldig.

Basilio empfiehlt stimmgewaltig im „Barbier von Bagdad" die Verleumdung als wirksamstes Mittel, um einen unerwünschten Nebenbuhler loszuwerden. Nach § 187 StGB wird Verleumdung, die nicht zuletzt den Verlust der Kreditwürdigkeit zur Folge haben kann, auf Antrag mit Freiheitsentzug bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe bestraft.

Schmeichelei und Lobhudelei, Prahlerei und Aufschneiderei gelten ebenfalls als Verfehlungen gegen die Wahrheit. Das gleiche gilt von der Ironie, die jemanden herabzusetzen versucht, indem sie den einen oder anderen Aspekt seines Verhaltens böswillig ins Lächerliche zieht. Keine Frage, dass jede Verfehlung, die einen Schaden bewirkt, die Verpflichtung zur Wiedergutmachung mit sich bringt.

Übermäßige Neigung zur Lüge kann Ausdruck einer psychischen Fehlentwicklung sein, die mit Erziehungsfehlern zusammenhängt. Es gibt auch eine pathologische Neigung, phantastische, jedoch glaubwürdig erscheinende Geschichten zu erzählen. Beim Kind kann man nicht von Lüge sprechen, wenn es zwischen den Produkten seiner Phantasie und der Realität nicht unterscheiden kann.

Mit der Wahrheit ist es allerdings auch nicht so einfach. Das Recht auf Mitteilung der Wahrheit sei an Bedingungen geknüpft, stellen die Moraltheologen fest, denn das ganze Leben sei nach dem Gebot der Nächstenliebe auszurichten. Diese Liebe verlange, dass man in der konkreten Situation abschätzt, ob es angemessen ist oder nicht, jedem die Wahrheit zu sagen, der sie wissen will. „Das Wohl und die Sicherheit anderer, die Achtung des Privatlebens oder die Rücksicht auf das Gemeinwohl sind hinreichende Gründe, etwas zu verschweigen oder sich einer diskreten Sprache zu bedienen". Die Pflicht, Ärgernis zu vermeiden, fordere oft strenge Diskretion. – Bemerkenswerte Formulierungen, bei denen auch die bitteren Erfahrungen vor dem Staatsgerichtshof der Nazis eine Rolle gespielt haben mögen.

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht", behauptet der Volksmund. Verspieltes Vertrauen ist in der Tat schwer zurückzugewinnen. Ganz Clevere setzen die Wahrheit ein, um zu täuschen. Andere sagen die Wahrheit, indem sie lügen. „Alle Kreter lügen", sagt der Mann aus Kreta. Und die alten Griechen stellten fest, dass er lüge wie ein Kreter.

Was ist die Wahrheit? – Franz Grillparzer widmete der Frage, ob man immer die reine Wahrheit sagen könne, das 1838 in Wien uraufgeführte Lustspiel „Weh’ dem, der lügt". Er stellt darin die absolute Forderung nach Wahrhaftigkeit dem Zwang gegenüber, die Wahrheit in den Wirrnissen des Lebens gelegentlich zu „modifizieren".

Gregor, zur Zeit der Merowinger Bischof von Chalons, vertritt die konsequente Linie: „Dein Wort soll aber sein: Ja, ja; nein, nein. Denn was die menschliche Natur auch Böses kennt, Verkehrtes, Schlimmes, Abscheuwürdiges, das Schlimmste ist das falsche Wort, die Lüge. Wär’ nur der Mensch erst wahr, er wär’ auch gut".

Der kesse Küchenjunge Leon will den Neffen des Bischofs namens Attalus aus germanischer Gefangenschaft befreien und dazu die Lüge einsetzen, was ihm verboten wird. So sagt er dem Bewacher, Graf Kattwald, direkt und dreist, was er vorhat, die Wahrheit also, und wird nicht ernst genommen. Die Befreiung gelingt tatsächlich.

Diese Geschichte, die ihre Quelle in der zehnbändigen Historia Francorum des Gregor von Tours (etwa 538–594) hat, entbehrt nicht einer pikanten Note. Die Kerne beider Geschichten decken sich. Im Gegensatz zu Gregor, der von der Gegend um Trier spricht, siedelt Grillparzer die unkultivierten Barbaren, die den Neffen gefangen halten, aber im Rheingau an. Dichterische Freiheit? Wie auch immer, ein Irrtum ist keine Lüge, wenn das Bemühen vorhanden war, ihn zu vermeiden. Hätte bereits Gregor die jetzige Landschaft gleichen Namens gemeint – was im lateinischen Text nicht zu finden ist – dann wäre es die früheste Erwähnung des Rheingaus überhaupt gewesen. Nach dem aktuellen Stand der Forschung war das aber erst 772 der Fall.

Nicht unerwähnt bleiben soll die unterhaltende Form der Lüge. Seit dem Altertum gibt es Lügendichtungen. Jedermann kennt die Abenteuer Sindbads des Seefahrers oder Münchhausens wunderbare Reisen. Erfindungsreiche Geschichten, die sich gegen die seriöse Dichtung und ihren letztlich nicht erfüllbaren Wahrheitsanspruch wenden. Seemannsgarn und Jägerlatein gehören auch in diese Kategorie. Wenn schon gelogen wird, dann auch dick aufgetragen, dass es jeder merkt und seinen Spaß daran hat. Im privaten wie im beruflichen Leben gilt aber noch immer die alte Weisheit, dass Lügen kurze Beine haben: Man kommt nicht weit damit.

*

Eine Lüge
ist bereits dreimal
um die Erde gelaufen,
bevor sich die Wahrheit
die Schuhe anzieht

Mark Twain (1835–1910)

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Veröffentlicht von: Ernst Probst
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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler
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