Add to My Yahoo!
RSS Feeds
Deutsch
English

Verona des Nordens oder warum Mozarts Don Giovanni wenig arenatauglich ist

Kategorie: Kultur
Artikel veröffentlicht von: Sven-David Müller-Nothmann


E-Mail Article
Print Article

22. August 2006: In der Inszenierung von Thomas Wünsch gelangte am vergangenen Samstag Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Don Giovanni über die ausverkaufte Braunschweiger Burgplatz-Arena zur Aufführung. Das Publikum zollte den beteiligten Künstlern frenetischen Beifall und zeigte, dass es die Freilichtaufführungen des Niedersächsischen Staatstheaters Braunschweig als Ereignis schätzt. In den angemessenen historischen Kostümen von Heiko Mönnich ging eine Aufführung über die Bühne, die praktisch ohne Bühnenbild auskam und nur wenige Versatzstücke und Requisiten in der Ausstattung von Heiner Heumann zeigte. Die Inschrift Libertá prangte an dem den Fixpunkt bildenden Burglöwenstandbild und ein Holzuntergrund bildete die weitläufige Arena-Spielfläche. Ob „Regie-Mätzchen", wie das Zerschlagen der Urne des Komtur oder der Auftritt von schwarzgewandeten Kunstblondinen während der Ouvertüre nebst dem gellenden Schrei „Giovanni" notwendig waren, um
da Pontes Drama darzustellen, darf bezweifelt werden. Auch dass diese Frauen in morbider Kleidung und Frisur zum Schluss nochmals erschienen, um zu verdeutlichen, dass der Bösewicht Don Giovanni Frauen zu seinem Lustgewinn missbraucht, ist Wünsch als Ungeschicklichkeit anzurechnen. Der Frauenheld ist mehr als ein Bösewicht, aber die anderen Charakter-Ebenen blieben dem Publikum in Braunschweig bedauerlicherweise vorenthalten. Demgegenüber machte die Darstellung der von Susanna Pütters als Blinde dargestellte Donna Elvira durchaus Sinn, denn dass Liebe blind machen kann, ist wohl eine Tatsache. Überhaupt beeindruckte die Personenführung von Thomas Wünsch wenig und er präsentierte nicht mehr aber auch nicht weniger als ein kaum innovatives oder gar inspirierendes Regiekonzept. In seiner Inszenierung ist Don Giovanni nicht arenatauglich. Unglücklich und für die Aufführung in szenischer wie musikalischer Hinsicht überflüssig war der Wechsel zwischen Deutsch und Italienisch in den Arien.

Das Braunschweiger Publikum kann sich glücklich schätzen, mit Jan Zinkler einen erstklassigen dramatischen Bariton mit herausragenden schauspielerischen Qualitäten im Ensemble des Staatstheaters zu wissen. Trotzdem bleibt der Don Giovanni Darsteller, dessen Stimme Schmelz und Lyrik vermissen ließ, ein in Darstellung und Stimme harter, unbezwingbarer Don Giovanni. Er hatte einen Lebemann in der Kehle, der mit Gewalt durchs Leben und über Leichen geht. Vom lyrischen Bariton hat er sich weit entfernt und so ist er einfach gefährlich und dramatisch, aber nicht der einschmeichelnde Liebhaber. Stefan Sevenich erfüllte mit seiner Interpretation des Leporello nicht die Notwendigkeiten. Er zeigte in magerer Stimme und zuweilen alberner Darstellung einfach zuviel Bass-Buffo Attitüde für den Leporello. Sevenichs Don Giovanni Diener war ungefährlich und der extreme körperliche Einsatz wirkte im Gesamtkonzept der Inszenierung unpassend. Dagegen ragten der sonore Spielbass von Mario Klein als darstellerisch unscheinbarer Masetto und der tiefschwarze mit großem Volumen ausgestattete Bass von Selcuk Hakan Tirasoglu als Komtur positiv heraus. Der türkische Bassist stattet seine Rolle mit der erforderlichen darstellerischen und stimmlichen Würde aus und zeigte im Finale die notwendige Dämonie.

Susanna Pütters führte ihren zarten Sopran bruchlos durch die Koloraturen, aber ihr fehlte leider die für die Rolle der Donna Elvira erforderliche Durchschlagskraft. Das ließ sich bei Stefanie Krahnenfelds Donna Anna nicht konstatieren. Mit blitzendem lyrisch-dramatischem Gesang errang sie die Krone der Sängerinnen des Abends. Aufhorchen ließ die attraktive Mezzosopranistin Isabel Seebacher, die Zerlina keck und selbstbewusst darstellte. Der Liedgesang erfahrene, lyrische aber nicht weichliche Tenor von Jörg Dürrmüller bot in beiden Don Ottavio Arien vollendeten Mozartgesang. Zu Recht erhielt er dafür Szenenapplaus und Bravi. Seine Darstellung war nicht die eines langweiligen Donna Anna Verehrers, denn er spielte den wohl ewig unerhört bleibenden Edelmann aufrecht und selbstbewusst. In der Braunschweiger Inszenierung geht szenisch und musikalisch vieles verloren. So ist Don Giovanni – auch im Mozartjahr – keine ideale Freilicht-Oper. Die Feinheiten der Partitur kamen durch die elektronische Verstärkung kaum zur Geltung, zumal der erste Kapellmeister des Staatstheaters Braunschweig Georg Menskes das Staatsorchester unspektakulär und nur solide führte. Der traditionsreiche Klangkörper war schon inspirierter und engagierter zu vernehmen. Es gelang dem Dirigenten aber kapellmeisterlich, die Fäden in den Händen zu halten und Wackler zu vermeiden. In ihren wenigen Aufgaben bewährten sich die Sänger des Staatstheater-Chores. Für die kommenden Freiluft-Spielzeiten bleiben dem Staatstheater Braunschweig und seinem Publikum eine stimmigere Stückauswahl und die Aufführung von Opern wie Nabucco, Aida, Fidelio, Die Kluge oder sogar Der fliegende Holländer zu wünschen. Dann könnte sich die Arena auf dem Braunschweiger Burgplatz zum kleinen Verona oder gar zum alternativen Bayreuth des Nordens entwickeln. Don Giovanni ist noch bis zum 3. September täglich außer mittwochs zu erleben: Restkarten sind unter www.staatstheater-braunschweig.de buchbar.


Veröffentlicht von: Sven-David Müller-Nothmann
Web: http://www.qualimedic.de
Kontakt: e-mail


Über den Autor:
Kritiker: Sven-David Müller-Nothmann, Freier Kulturjournalist, Zentrum für Kommunikation (ZEK), Viktoriastraße 8, 52066 Aachen, 0177-2353525, www.svendavidmueller.de, kritik@svendavidmueller.de
Dieser Artikel darf von Dritten für die Inhalte von Newslettern oder Websitecontent verwendet werden. Voraussetzung für eine Veröffentlichung durch Dritte ist, die jeweilige Autoreninfo aus 'Über den Autor', unter jedem Artikel vorhanden, unverändert mit zu veröffentlichen. Ein Verstoß gegen diese Regel, verstößt gegen die Copyright-Bestimmung. Es wäre ebenfalls von Vorteil den Verfasser des Artikels per e-Mail zu informieren, wo sein Artikel veröffentlicht wurde.


Weitere Artikel von Sven-David Müller-Nothmann: