Toleranz und Ignoranz: Die Philosophie der GleichgültigkeitKategorie: Wissenschaft Artikel veröffentlicht von: Renate Miethner
Der Begriff der „Gleichgültigkeit" wird im alltäglichen Sprachgebrauch zumeist in einem verkürzten und abwertenden Sinne gebraucht. Dabei gilt: der Wissenschaftler wie auch der humanistisch gebildete Denker, der sich der Nüchternheit, Unvoreingenommenheit und Vorurteilslosigkeit verschrieben hat, ist keinesfalls per se desinteressiert, teilnahmslos und frei von jeglicher Stellungnahme.
Die Frage muss vielmehr lauten: Wo hört die wertfreie Anerkenntnis des individuellen Freiraums eines jeden auf, Toleranz zu sein und in Ignoranz oder Desinteresse umzukippen? Ist die unausbleibliche Konsequenz nüchterner, vorurteilsloser, sich dem Bewerten enthaltender und nicht emotionsbeladener Betrachtungsweise zugleich auch schon der vollständige Verzicht auf Prinzipien jedweder Art? Schließen Gleichgültigkeit und Interesse einander aus? Die Antwort lautet fraglos nein. Denn die bewusste Einnahme eines Standpunktes der „Gleichgültigkeit" erfordert gerade erst ein Verlangen der grundliegenden Kenntnisnahme. Andernfalls kann gar nicht erst befunden werden, etwas sei „gleich-gültig", also in demselben gleichwertigen Maße gültig. Die Haltung der „Gleich-Gültigkeit" ist also keineswegs zu verwechseln mit einem bloß nivellierenden „Einerlei" oder „Egal".
Als Forschungsmaxime empfiehlt und bewährt es sich, zunächst einmal alles für gleich gültig anzusehen oder in Erwägung zu ziehen, wobei sich die entscheidende Frage auftut: bis zu welchem Grade? Auch hier ist die Antwort eindeutig: der Wendepunkt liegt dort, wo Ungültigkeit oder Widersprüchlichkeit auftauchen. Gleich-Gültigkeit zum alleinigen letzten Grundsatz zu erheben, wie es die Lehre der Pyrrhoniker versuchte, wird dem Menschen, der sich den Ansprüchen der Vernunft konsequent stellt, jedoch nicht möglich sein, ohne dass er sich in Widersprüche verstricken müsste. Begriffen als Standpunkt größtmöglicher Objektivität und Neutralität ist Gleich-Gültigkeit vielmehr der unverzichtbare Anspruch, den die Vernunft an jeden aufgeklärt-mündigen Menschen stellt.
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Veröffentlicht von: Renate Miethner Web: http://www.philosophieberatung.de/ Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Apeiron Philosophieberatung, 2005 gegründet von der Bonner Philosophin Renate Miethner, ist ein dezidiert philosophisch ausgerichtetes Beratungsunternehmen. Renate Miethner studierte Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn und arbeitete ausführlich über Kant und die erkenntnistheoretischen Ansätze des deutschen Idealismus. |
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