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Steinschneidekunst - der Höhepunkt europäischer Sammlungen des 16. und frühen 17. Jahrhunderts

Kategorie: Kultur
Artikel veröffentlicht von: Michael Brey


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Nirgendwo sonst findet man bedeutendere Zeugnisse der Steinschneidekunst als im Grünen Gewölbe in Dresden und der Schatzkammer in Wien.
Die Werke der Glyptik unterscheiden sich in drei Arten. Als Gemmen versteht man einerseits hoch geschnittene Steine, die Kameen, und andererseits die Intaglie, die tief geschnitten sind. Dann folgen die sog. commessi in pietre dure. Commessi in pietre dure sind aus "harten Steinen" zusammengesetzte Bilder. Als dritte Art des Steinschnitts versteht man den Gefäßschnitt in alle nur erdenklichen Formen.
Diese Preziosen waren vor allem im sechzehnten Jahrhundert in Europa sehr beliebt und zogen die Aufmerksamkeit der Sammler auf sich. Grundsätzlich befanden sich drei Arten von Objekten in damaligen Sammlungen.
Die scientifica waren eher wissenschaftlichen Themen gewidmete "Maschinen" wie Uhren, Vermessungsinstrumente oder Tierautomaten. Meistens vermischte man diese drei Typologien untereinander.
Dann galt vor allem noch die Gruppe der artificialia als besonders sammelnswert. Während die scientifica die Erkenntnisfähigkeit des Menschen in Bezug auf die Naturwahrnehmung betonten, waren die artificilia mehr darauf aus die Virtuosität und Erfinderkraft des Menschen vereint mit handwerklicher Leistungsfähigkeit zur Schau zu stellen.
Schließlich folgen die als naturalia, als curiosa oder auch mirabilia bezeichneten Objekte. Und diese waren eindeutig die kostbarsten Sammlungsstücke. So sehr die meisten Sammler an technisch vollkommenen Automaten und Instrumenten interessiert waren, so sehr galt es dieses Interesse über den eher naturwissenschaftlich orientierten Blick über die naturalia mit der Natur rück zu koppeln.
Rudolf Distelberber hat in seiner "Kunst des Steinschnitts" (Katalog zur Ausstellung Wien Kunsthistorisches Museum, 2002/2003) einige Preisvergleiche angeführt, die das Verhältnis der naturalia zu den anderen Gattungen veranschaulicht. Gerade der Vergleich von Gemälden mit Werken der Steinschneidekunst ist frappierend.
1598 wurden am spanischen Hof die ehemals im Besitz des gerade verstorbenen Königs Philipps II. befindlichen Objekte geschätzt. Mit dem Verkauf von Stücken aus dessen Kunstsammlung wollte man die Schulden des Königs tilgen. Die Bilder Tizians wurden dabei auf 60 bis 200 Dukaten (z. Bsp. Schlacht am Mühlberg) geschätzt. Eine Galeere aus Bergkristall wurde auf 500 Dukaten und ein Vogelgefäß auf 800 Dukaten geschätzt. Ein anderer Vergleich zeigt den vergleichsweise hohen Wert der Arbeiten aus Steinschnitt noch deutlicher. Michelangelo handelte 1508 6000 Dukaten für die Ausmalung der gesamten Sixtinischen Kapelle aus. Nach Distelberger kostete eine Schale aus Bergkristall, die Albrecht V. von Bayern bei der Familie Saracchi bestellte, 6000 Goldscudi, wobei der Goldscudi 1579 aufgrund des gleichen Goldgewichts mit dem Dukaten gleichzusetzen sei.
Diese enormen Preise ergaben sich einerseits aus dem Wert des Materials und andererseits aus dem Hochtechnologieprozess des Schleifens. Der Bergkristall kann aufgrund seiner Härte und seiner Sprödigkeit nur in eine Richtung und nur mit Hilfe von äußerst hartem Gesteinspulver (meist Diamantpulver) geschliffen werden.
So hat Fürst Karl von Lichtenstein 1638 einen einzigen Kristall aus Rauchquarz für 1200 Gulden gekauft und Dionysio Miseroni für das Schleifen des Kristalls zur Vase immerhin zusätzliche 3000 Gulden bezahlt.
All diese Vergleiche belegen die ganz anders geartete Wertschätzung der Gemälde, d. h. der artificialia, und der Gefäße aus Steinschnitt, die den technischen Aspekt der Herstellung betonen und zugleich die Schöpfung Gottes über das wertvolle Material betonen. Da uns heute die Bewunderung für die technischen Voraussetzungen der Bearbeitung von Schmucksteinen in einer hochtechnisierten Welt fehlt, fällt es uns zunächst schwer uns in die Wertewelt des sechzehnten Jahrhunderts zu versetzen.


Veröffentlicht von: Michael Brey
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Über den Autor:
Michael Brey http://www.brey-kunstkultur.de
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