Sirimawo Bandaranaike: Die erste Regierungschefin der WeltKategorie: Politik Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
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Sowohl erste Premierministerin von Ceylon – heute Sri Lanka – als auch erste Regierungschefin der Welt wurde die Politikerin Sirimawo Bandaranaike (1916–2000), geborene Ratwatte. Sie erlebte außer großen politischen Erfolgen auch bittere Stunden: Ihr Mann wurde während seiner Amtszeit als Premierminister ermordet, auf sie selbst verübte man später ebenfalls einen Anschlag, zeitweise warf man ihr Machtmissbrauch und Korruption vor und nahm ihr die staatsbürgerlichen Rechte.
Sirimawo („die Glückliche") stammt aus der aristokratischen Großgrundbesitzerfamilie Ratwatte. Mitglieder dieser Familie dienten über Generationen hinweg den singhalesischen Königen als hohe Beamte. Sirimawo kam am 17. April 1916 als Tochter des Distriktsvorstehers des Ratnapura Distrikts in Balangoda im ceylonesischen Hochland zur Welt. Obwohl sie die Schule eines katholischen Klosters („Ratnapura Convent") und das von katholischen Nonnen geführte College „Saint Bridget’s Convent of Colombo" besuchte, blieb sie Buddhistin.
Im Oktober 1940 heiratete Sirimawo Ratwatte den ebenfalls einer aristokratischen Familie angehörenden Gesundheitsminister Solomon Bandaranaike (1899–1959). Nach der Ernennung ihres Mannes am 12. April 1956 zum Premierminister von Ceylon übernahm sie sozialfürsorgerische Aufgaben, leitete die patriotische Frauenvereinigung „Lanka Mahila Samiti" und setzte sich für Familienplanung, bessere Erziehung und politische Rechte der Frauen ein.
Am 26. September 1959 fiel Salomon Bandaranaike in Colombo einem Mord zum Opfer. Seine Witwe wurde einstimmig zur Präsidentin der sozialistisch orientierten „Sri Lanka Freedom Party" („Sri-Lanka-Freiheitspartei" = SLFP) gewählt. Nach einem emotional geführten Wahlkampf, in dem Sirimawo Bandaranaike bei ihren Auftritten oft Tränen vergoss und das Volk rührte, zog die „weinende Witwe" 1960 als erste Premierministerin Ceylons in das Regierungspalais ein. Zugleich war sie weltweit der erste weibliche Regierungschef.
Die erste Amtszeit von Sirimawo Bandaranaike als Premierministerin dauerte von 1960 bis 1965. Sie entwickelte ein Geschick und eine Robustheit, die im In- und Ausland verblüfften und ihr den Ehrentitel „Ceylons Mutter Courage" eintrugen. Andererseits verärgerte sie mit ihrer rigorosen Sprachenpolitik die Tamilen und mit ihrer Erziehungspolitik die Christen und entging im Februar 1962 unverletzt einem Attentatsversuch. Im Herbst 1964 nahm sie die „Sama-Samaj-Partei" (Trotzkisten) in die Regierung auf, worauf sich die „Sri Lanka Freedom Party" spaltete.
Am 22. März 1965 verlor Sirimawo Bandaranaike die Parlamentswahlen und ihr Amt als Premierministerin. Von 1965 bis 1970 stellte die konservative „United National Party" (UNP) unter Dudley Shelton Senanayake (1911–1973) die Regierung. Bei den Parlamentswahlen am 27. Mai 1970 schlug Sirimawo Bandaranaike die Regierungspartei mit einer unerwarteten Zweidrittelmehrheit. Danach fungierte sie von 1970 bis 1977 als Premierministerin sowie als Außen-, Verteidigungs- und Planungsministerin.
Im April 1971 kam es zu einem Umsturzversuch der mit dem Sozialisierungstempo in Ceylon unzufriedenen „Ché-Guevara-Bewegung". Wegen andauernder Unruhen verhängte Sirimawo Bandaranaike im Mai 1971 über ihr Land den Ausnahmezustand. Der Aufstand der linksradikalen Studenten- und Jugendorganisation konnte mit ausländischer Waffenhilfe niedergeschlagen werden.
Im August 1972 erhielt Ceylon eine neue Verfassung und als Republik – zuvor war es als Dominion im Commonwealth verblieben – den neuen Namen „Sri Lanka". Verschärfte Notstandsmaßnahmen der Regierung und die katastrophale Wirtschaftslage Sri Lankas verhalfen im Juli 1977 der UNP unter Führung von Junius Richard Jayawardene (1906–1996) zu einem überwältigenden Wahlsieg.
1983 begannen bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den Regierungstruppen und den „Liberation Tigers of Tamil Eelam" (LTTTE), die im Norden und Osten der Insel für einen von Sri Lanka unabhängigen Staat der tamilischen Volksgruppen kämpfen. Bei diesem Bürgerkrieg kamen schätzungsweise 50000 Menschen ums Leben.
Anfang 1989 entging Sirimawo Bandaranaike knapp einem Attentat. Im Oktober 1990 wurden ihr unter dem Vorwurf des Machtmissbrauchs und der Korruption während ihrer Regierungszeit die staatsbürgerlichen Rechte aberkannt. Sirimawo Bandaranaike brachte zwei Töchter (Sunethra und Chandrika) sowie einen Sohn (Anura) zur Welt. Die am 29. Juni 1945 geborene Chandrika studierte Soziologie an der Pariser Sorbonne. Nach der Ermordung ihres Mannes Vijaya Kumaratunga 1989 durch politische Extremisten lebte sie kurze Zeit im Exil in London. Im parteiinternen Kampf und die Vorherrschaft in der SLFP setzte sie sich gegen ihre Mutter durch und wurde Regierungschefin der West-Provinz.
Aus den Parlamentswahlen am 16. August 1994 ging die 49-jährige Chandrika Kumaratunga mit der oppositionellen People’s Alliance, angeführt von der SLFP, als Siegerin hervor. Staatspräsident Dingiri Banda Wijetunge beauftragte sie mit der Regierungsbildung und vereidigte sie am 19. August 1994 als Premierministerin. Auch bei den Präsidentschaftswahlen am 9. November 1994 siegte Chandrika. Am 13. November 1994 wurde Chandrika als erstes weibliches Staatsoberhaupt ihres Landes vereidigt. Sie ernannte ihre Mutter zur Premierministerin, die ihr damit im Amt nachfolgte. Sirimawo Bandaranaike starb am 10. Oktober 2000 im Alter von 84 Jahren.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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