Sarah Bernhardt: Die umjubelte „Kameliendame“Kategorie: Kultur Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
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Frankreichs gefeiertste Schauspielerin um die Jahrhundertwende war Sarah Bernhardt (1844–1923), eigentlich Henriette-Rosine Bernard. Die „göttliche Sarah" brillierte in klassischen, modernen und sogar männlichen Rollen wie Hamlet. Besonders gelobt wurde ihre Rolle als „Kameliendame" von Alexandre Dumas dem Jüngeren (1824–1895). Aus ihrer Feder stammen Lustspiele, Romane und Erinnerungen.
Henriette-Rosine Bernard kam vermutlich am 22. Oktober 1844 in Paris zur Welt. Als Geburtsdatum wird manchmal auch der 25. September 1844 genannt. Ihr Geburtsort ist ebenfalls nicht gesichert. Vier Städte – darunter sogar Frankfurt an der Oder – stritten sich schon um die Ehre, ihr Heimatort zu sein.
Erzogen wurde Henriette-Rosine Bernard im Kloster Grand-Champs in Versailles. Ab 1858 ließ sie sich am Pariser Konservatorium ausbilden. 1862 feierte sie als Iphigenie ihr Debüt an der „Comédie Française", was jedoch vom Publikum kaum beachtet wurde. Auch ihre Auftritte am „Porte-Saint-Martin Theater" und am „Theater du Gymnase" fanden wenig Echo.
Ab 1866 trat Sarah Bernhardt im Odeon-Theater auf. Dort schaffte sie 1867 als spanische Königin in „Ruy Blas" des Dichters Victor Hugo (1802–1885) und 1869 in „Le Passant" („Der Wanderer") des Dichters François Coppée (1842–1908) den künstlerischen Durchbruch. Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871 diente sie als Pflegerin. 1872 wurde sie Mitglied der „Comédie Française" und spielte die Cherubin in „Figaros Hochzeit", Donna Sol in „Hernani", Phädra und Zaire.
1880 gab Sarah Bernhardt ihr Engagement im Odeon-Theater auf und ging nach Amerika. Aus der Zeit ihrer Reise durch den Westen der Vereinigten Staaten gibt es eine amüsante Anekdote über eine Begegnung mit Sam Davis, dem damaligen Korrespondenten für die Zeitungen „Appeal", „San Francisco Examiner" und die Nachrichtenagentur „Associated Press" (AP):
Davis hatte über die Bernhardt eine Story geschrieben, die ihr sehr gut gefiel und die sie rührte. Als sich die Künstlerin von dem Korrespondenten auf dem Bahnhof verabschiedete, küsste sie ihn auf beide Wangen und zum Schluss auf die Lippen. Sie erklärte verschmitzt, der Kuss auf die rechte Wange sei für den „Appeal", der auf die linke für den „San Francisco Examiner" und der auf die Lippen für ihn persönlich. Davis antwortete schlagfertig, er vertrete außerdem „Associated Press", die 380 Zeitungen westlich des Mississippi versorge.
Nach der Rückkehr aus Amerika gründete Sarah Bernhardt eine eigene Theatergruppe, mit der sie in vielen Ländern Europas gastierte. In London spielte sie die Marguérite Gauthier in „Die Kameliendame". Diese Rolle entwickelte sich zur berühmtesten ihres Lebens. Sie mied Deutschland und übte damit auf ihre persönliche Weise Revanche für den Krieg von 1870: Alle Völker durften an ihrer Kunst teilhaben, nur das Land jenseits des Rheins nicht.
Während eines Engagements an einem Theater in Neapel verliebte sich Sarah Bernhardt in den elf Jahre jüngeren griechischen Schauspieler Aristidis Damalas (1855–1889). Er war nach Paris und London gereist, um dort Fremdsprachen zu lernen und auf Wunsch seines Vaters eine Händlerlaufbahn einzuschlagen. Wegen seiner Bekanntschaften in Schauspielerkreisen kam er zum Theater von Sarah Bernhardt und spielte dort unter dem Pseudonym „Daris" Nebenrollen.
Sarah und Aristidis kündigten den Vertrag mit dem Theater in Neapel und gingen nach London, wo sie im April 1882 heirateten. Damals war Sarah bereits Mutter mehrerer Kinder. Nach der Trauung begann das Ende der Liebesbeziehung. Damalas zeigte sich in der Öffentlichkeit ungeniert mit seinen Geliebten und schien es besonders zu genießen, Sarah zu demütigen. Das Paar trennte sich schon im ersten Ehejahr, beide blieben jedoch gute Freunde und arbeiteten weiter zusammen. Damalas wurde morphiumsüchtig und starb bereits mit 34 Jahren.
Sarah Bernhardt wurde in Dramen, die der Bühnenautor Victorien Sardou (1831–1908) für sie geschrieben hatte, zu einer der bekanntesten französischen Schauspielerinnen. 1900 übernahm sie das „Théaˆtre des Nations" in Paris, das sie in „Théâtre Sarah Bernhardt" umbenannte. Dieses Theater existiert heute noch unter demselben Namen.
Die zarte Schauspielerin beeindruckte vor allem durch den Wohlklang ihrer „goldenen Stimme", die leise klirrte. Ihre Gesten, Bewegungen und Schritte entsprachen der Tradition der französischen Bühne. Bei Liebesszenen auf der Bühne wirkte sie deshalb so überzeugend, weil die männlichen Hauptdarsteller meistens ihre Liebhaber waren. Im Laufe ihres Lebens soll sie es auf mehr als 1000 Liebhaber gebracht haben.
1906 wurde Sarah Bernhardt Professorin am Pariser Konservatorium. Sie schrieb auch Lustspiele, Romane und ihre Memoiren „Ma doble vie" („Mein Doppelleben", 1907). Ein Kritiker meinte über ihre Memoiren, darin seien wohl 70 Prozent Dichtung und nur der Rest Wahrheit.
Nach Deutschland kam Sarah Bernhardt erstmals 1909, als sie bereits mehr als 60 Jahre alt war. Sie spielte in Berlin im Hebbeltheater sowie in München und in Dresden. Obwohl sie nicht mehr jung war, begriffen auch die deutschen Zuschauer die Wirkung, die von ihr seit Jahrzehnten ausging.
Bei einer Tournee durch die USA begann die 66-jährige Sarah eine Liaison mit dem mehr als drei Jahrzehnte jüngeren Lou Tellegen (1883–1934), eigentlich Isidore Louis Benard Edmon van Dommelen. Der blonde Muskelmann mit niederländischer Abstammung berichtete später in seiner Biographie an, die Zeit mit Sarah seien die wunderbarsten Jahre seines Lebens gewesen.
Immer wieder wirkte Sarah Bernhardt als ihr eigener Regisseur. Sie wollte sogar ihren letzten Auftritt auf der Bühne des Lebens zu einem Gipfelpunkt ihrer künstlerischen Laufbahn machen. Weil sie einmal träumte, sie würde im Ausland sterben, führte sie auf allen Reisen einen Sarg aus Rosenholz bei sich, der mit weißem Atlas ausgeschlagen und in einer großen Kiste verpackt war.
Noch als 70-Jährige spielte Sarah Bernhardt glaubhaft die Mädchenrolle der „Heiligen Johanna". Mit 71 Jahren musste sie sich ein Bein amputieren lassen, danach stand sie mit einer Prothese auf der Bühne.
Entgegen ihren Befüchtungen ist Sarah Bernhardt nicht in der Fremde, sondern in der Heimat gestorben. Bevor sie am 26. März 1923 im Alter von 78 Jahren in Paris ihre Augen für immer schloss, ging sie noch einmal pedantisch ihre Anordnungen für den letzten Abschied durch. Ungeduldig, als ob es sich um einen verspäteten Schauspieler handelte, sagte sie: „Wie unpünktlich ist doch der Tod!"
Geplant war eine Messe in der Kirche „Saint François de Sales". Als der Sarg mit ihrem Leichnam in das kleine, dunkle Gotteshaus getragen wurde, stieß der Küster drei Mal mit dem Stab auf die Steinplatten des Seitenschiffs, was in Frankreich als Zeichen dafür gilt, dass sich der Vorhang hebt. Während der Nacht zog ein nicht enden wollender Strom von Menschen in der Kirche an dem Sarg vorbei. Die Blumen, um die Sarah Bernhardt gebeten hatte, bedeckten den Boden der Vorhalle und das Platz davor fast einen Meter hoch.
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| Über den Autor: |
| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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