Philosophie der Verantwortung: Energiepolitik und VogelgrippeKategorie: Wissenschaft Veröffentlicht von: Renate Miethner
Die fortwährend diskutierte Aufgabe, wie der aktuelle und künftige Energiebedarf gedeckt werden soll und kann, scheint mit der Vogelgrippe auf den ersten Blick nichts gemein zu haben. Da halten einige die Weiterbeförderung von Atomenergie, andere den Verzicht auf eben diese für unerlässlich. Da wird gemahnt, schonend und umsichtig mit Ressourcen umzugehen, und die Nutzung regenerativer Energiequellen wird als Mittel der Wahl gepriesen. Bei dem als H5N1 bezeichneten Erreger geht es um das Errichten von Sperrbezirken, um das Impfen von „Nutztieren“, vorsorgliches Massenschlachten, sowie um die Versorgung mit und das Bereithalten von „Grippemedikamenten“.
Nun geht es sowohl bei der Frage der Energiepolitik als auch bei der Thematik des „richtigen“ Verhaltens angesichts einer möglichen Bedrohung durch Seuchen grundsätzlich darum, angemessene „gute“ Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Um eben dies zu ermöglichen, ist es unabdingbar, die jeweils geeigneten Mittel zur Erreichung des entsprechenden Zweckes zu kennen und einzusetzen. Die Forderung nach Kenntnis desjenigen, womit man es im Einzelfall zu tun hat, und nach Kenntnis der diesbezüglich zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, lässt sich bündig als die Forderung nach intensiver Forschung fassen.
Was kann und muss erwartet, verlangt und gefordert werden vom Staat, beispielsweise in Anbetracht der Sicherstellung von Energieversorgung oder des größtmöglichen Schutzes vor Gefährdung und Ausbreitung von Krankheitserregern (wie z.B. Viren)? Zunächst einmal ist man versucht zu antworten: „das Ergreifen und Durchsetzen von geeigneten Maßnahmen“ und die sachliche Information darüber, welche Maßnahmen denn geeignet und einzusetzen sind.
Die grundlegende Frage, welche Maßnahmen denn jeweils geeignet sind - was man aber erst befinden kann, wenn man überhaupt in der Lage ist, so weit als möglich zu wissen, womit man es zu tun hat - wird dabei unverständlicherweise häufig vernachlässigt. Stattdessen wird zu voreiligem Aktionismus übergegangen, um „Schuldige“ oder Verantwortliche ausfindig zu machen. Dabei kann keinem Menschen Verantwortung zukommen oder aufgebürdet werden für Naturgewalten, weder für das Wetter, noch für Mikroorganismen, noch für das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Rohstoffen - Verantwortung kommt dem Menschen vielmehr hinsichtlich des Umgangs mit diesen Fakten und deren Auswirkungen auf Mensch und Mitlebewesen zu. Geeignete Verhaltensweisen aufzufinden und entsprechend zu handeln: dies liegt in der Verantwortung des Menschen, wozu allerdings primär der Erwerb entsprechender Kenntnisse unverzichtbar und erforderlich ist.
Es ist wesentlich die Verantwortung der Regierung, der Volksvertreter, dafür Sorge zu tragen, entsprechendes umfangreiches und detailliertes Wissen bereitzustellen und zu befördern bzw. dessen Erwerb nach Kräften zu ermöglichen bezüglich dessen, womit man es im Einzelfall zu tun hat, und welche Spielräume und Möglichkeiten jeweils bestehen. Es geht hingegen keinesfalls um das vermeintlich beruhigende Beschließen und medienwirksame Aufbereiten irgendwelcher Maßnahmen, egal ob angebracht oder nicht.
Aus Versäumnissen vergangener Jahrzehnte scheint man diesbezüglich bedauerlich wenig gelernt zu haben. Und offenbar möchte man es immer noch nicht wahrhaben, dass der Mensch grundsätzlich niemals völlig vorbereitet sein kann, was künftige Ereignisse und Entwicklungen anbetrifft. An der naturbedingten Bedürftigkeit, Abhängigkeit und Verwundbarkeit des Menschen ist grundsätzlich nichts zu ändern, denn das gehört wesentlich zu demjenigen, was den Menschen als Menschen ausmacht. Von diesem unumstößlichen Faktum sieht man gerne ab und gibt sich bereitwillig und fahrlässig der Illusion hin, der „moderne“ Mensch sei weitestgehend autark und immun. Die Aufgabe der Wissenschaften möchte man unbescheiden darin sehen, letzten Endes der grundsätzlichen Unmöglichkeit nachzueifern, den Menschen allmächtig zu machen, ihn in einen Stand zu versetzen, da ihm keinerlei Naturgewalten mehr das Geringste anhaben könnten. Dasjenige jedoch, was vernünftigerweise erwartet werden kann, ist, ein möglichst breites umfangreichen Spektrum an Erkenntnissen anzustreben, der Möglichkeit von unerwartet Eintretendem und Überraschendem stets gewahr zu bleiben und die Irrtumsanfälligkeit von Prognosen nicht zu vergessen. Mit Gedanken dieser Art wollen aber allzu viele offenbar in ihrem alltäglichen Leben nicht behelligt werden und sich lieber weiterhin bewusst oder unbewusst vielgestaltigen Illusionen hingeben. Hier gilt es einzuhaken und die öffentliche Wahrnehmung zu schärfen.
Diese und weitere Überlegungen finden sich in der Aprilausgabe des von dem Bonner Beratungsunternehmen Apeiron herausgegebenen „Philosophiemonatsbriefes“. Auf der Homepage des Unternehmens lässt sich die digitale Publikation zu philosophischen Themen kostenfrei via Email abonnieren. Behandelt wird jeweils ein klassisches philosophisches Thema anhand aktueller Diskussionen aus Politik und Gesellschaft. Abgerundet wird die Publikation mit einem Literaturtipp.
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Veröffentlicht von: Renate Miethner Web: http://www.philosophieberatung.de/ Kontakt: e-Mail
| Über den Autor: |
| Apeiron Philosophieberatung, 2005 gegründet von der Bonner Philosophin Renate Miethner, ist ein dezidiert philosophisch ausgerichtetes Beratungsunternehmen. Renate Miethner studierte Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn und arbeitete ausführlich über Kant und die erkenntnistheoretischen Ansätze des deutschen Idealismus. |
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