Arbeit und Arbeitsmarkt: Bedeutung und Stellenwert aus philosophischer PerspektiveKategorie: Bildung & Beruf Veröffentlicht von: Renate Miethner
Im Zuge anhaltender Krisenbelastung auf dem Arbeitsmarkt und der nicht selten reißerischen öffentlichen Auseinandersetzung mit unterstellter Arbeitsunwilligkeit, offensichtlicher Überbürokratisierung der Vermittlungsagenturen und vermeintlich unvermeidlichen Entlassungswellen zur Betriebsoptimierung, verschwindet das Bewusstsein um die zentrale Bedeutung der Arbeit für den Menschen nahezu uneingeschränkt. Der Arbeitstätige oder Arbeitslose verschwindet hinter statistischen Werten und ökonomischen Überlegungen. Der Mensch hinter den Zahlen wird zum passiven Erfüllungsgehilfen für die Interessen von Politik, Konzernen und Gewerkschaften und so zum Mittel für fremde Zwecke degradiert. Nicht gering ist aber auch der Einfluss solcher Degradierung auf das Denken der Betroffenen, und nicht selten wird aus den Augen verloren, welchen Stellenwert die Arbeit im menschlichen Leben eigentlich haben könnte und sollte.
Beschränkt man den Begriff der Arbeit auf Mehrwert erbringende Erwerbstätigkeit, so verkürzt man ihn ungebührlich. In der Arbeit bietet sich dem Menschen vielmehr die Gelegenheit und Möglichkeit, Erfolg in vielfacher Hinsicht zu generieren: zum einen fraglos in materiell-finanzieller Hinsicht, zum anderen aber auch unter schöpferischen Gesichtspunkten. Der Mensch kann sich schöpferisch und schaffend betätigen, aktiv sein, etwas leisten. Arbeit bietet den Raum, in dem der Mensch seine Energeia und Schaffenskraft „ausleben“ kann. Und sie bietet Orientierung, ermöglicht Positionierung im Leben und wirkt dem Gefühl, sich verloren zu glauben, entgegen. Gerade in der Vielzahl möglicher Arbeitstätigkeiten eröffnet sich dem Menschen ein weites Feld, konkrete Zwecke zu setzen bzw. zielgerichtet und zweckorentiert zu handeln.
Dazu ist zu bedenken: Der Mensch ist ein sich Zwecke setzendes Wesen, und zwar ein solches, das nicht zugleich mit der bloßen Errichtung eines Gedankens auch schon die Verwirklichung desselben zustande bringt. Er ist zwangsläufig immer auch ein tätiges, ein handelndes Wesen. Und er ist – in den Worten Kants - niemals bloß als Mittel, sondern stets zugleich auch als Zweck an sich selbst zu betrachten. Vor dieser Betrachtung seiner selbst jedoch, vor allem aber seiner Mitmenschen schreckt er offenbar nur allzu gern zurück. Denn um der Zurückgeworfenheit auf sich selbst vermeintlich entgehen zu können, positioniert sich der Mensch zunehmend als Mittel, das für anderes „benötigt“ wird. Seine Haltung der Arbeit gegenüber trägt so den unangenehmen Beigeschmack kruder Sklavenmoral, und diese ist es dann auch, von der die öffentliche Diskussion stillschweigend bestimmt wird. Essentiell für jedwedes menschliches Leben jedoch ist genau das Gegenteil.
Arbeit kann als vermeintlicher Selbstzweck angesehen werden, aber auch als bloße, mithin lästige Mühsal und „Pflicht“. Nicht zuletzt aber kann Arbeit auch als Mittel verstanden werden, um etwas ganz anderes erreichen oder verwirklichen zu können - z.B. sich und seine Familie zu versorgen, sich zu beschäftigen, seine Zeit vermeintlich sinnvoll zu nutzen, oder gar sich zu vervollkommnen. Arbeit mag als lästiges „Wohl oder Übel“, als Zwang angesehen werden oder als freudebringende Muße - in jedem Falle stellt Arbeit aber die Folie dar, vor deren Hintergrund „freie“ Zeit genossen und wertgeschätzt werden kann. Etwas geleistet, vollbracht, erreicht zu haben, all dies sind Charakteristika von Arbeit. Sie wird so zur Rechtfertigungsgrundlage, vor der man vermeint, sich etwas gönnen zu dürfen, etwas „verdient“ zu haben.
Um im vollständigen Wortsinne Mensch als homo faber zu sein und sich als solcher in Ausschöpfung seiner Möglichkeiten akzeptieren und rechtfertigen zu können, ist Arbeit als ein unverzichtbarer Bestandteil eines menschlichen Lebens zu begreifen, das auf dieser Grundlage als gelungen und glücklich charakterisierbar wird. Hier hätte die öffentliche Diskussion anzusetzen, um auf humanere Weise mit der bestehenden Problematik umgehen und Lösungen erarbeiten zu können.
Veröffentlicht von: Renate Miethner Web: http://www.philosophieberatung.de/ Kontakt: e-Mail
| Über den Autor: |
| Apeiron Philosophieberatung, 2005 gegründet von der Bonner Philosophin Renate Miethner, ist ein dezidiert philosophisch ausgerichtetes Beratungsunternehmen. Renate Miethner studierte Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn und arbeitete ausführlich über Kant und die erkenntnistheoretischen Ansätze des deutschen Idealismus. |
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