Heilige Genovefa: Die Schutzherrin von ParisKategorie: Religion Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als Retterin in höchster Not erwies sich während schlimmer Zeiten im fünften Jahrhundert für die Bevölkerung von Lutetia, wie Paris damals hieß, die heilige Genovefa (um 422–502), die man in Frankreich „Geneviève de Paris“ nennt. Auf ihre Initiative geht auch die Gründung der Kirche Saint-Denis bei Paris zurück. Genovefa wird als Patronin der Hirten, Hutmacher, Wachszieher, Weinbauern, Hirten und der Stadt Paris verehrt.
Genovefa wurde um 422 als Tochter armer Bauern in dem Dorf Nanterre, etwa zwei Stunden zu Fuß von Lutetia entfernt, geboren. Ihr Vater trug den römischen Namen Severus, ihre Mutter hatte den griechischen Namen Gerontia. Als kleines Mädchen arbeitete Genovefa als Hirtin.
Laut Legende begegnete die siebenjährige Genovefa dem heiligen Germanus von Auxerre (um 378–448), der während einer Missionsreise nach England in ihrem Heimatort übernachtete. Als sich eine größere Menschenmenge segnen lassen wollte, rief Germanus die Kleine und ihre Eltern herbei, sagte die Heiligkeit Genovefas voraus und schenkte ihr am nächsten Tag vor seiner Abreise eine Kupfermedaille, in die ein Kreuz eingraviert war.
Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wurde die 15-jährige Genovefa von einer Tante in Lutetia aufgenommen, wo sie ein zurückgezogenes Leben führte. Sie half Armen, pflegte Kranke und spendete allen, die in Not gerieten, Trost. Im jugendlichen Alter gelobte sie ewige Jungfräulichkeit und erhielt aus der Hand des Bischofs von Lutetia den Schleier. Als Nonne aß sie wenig und verbrachte betend die Nächte.
451 offenbarte Gott – einer Legende zufolge – der frommen Genovefa, die in Gallien eingefallenen Hunnen von König Attila (gest. 453) würden Lutetia nicht angreifen. Daraufhin beschwor sie die Einwohner, Lutetia nicht zu verlassen, weil die Gegend, in die sie flüchten wollten, von Attila verwüstet werde. Statt dessen sollten sie beten und fasten, um sich Gottes Schutz würdig zu erweisen.
Erboste Männer beschimpften Genovefa als Verräterin, die sie den Hunnen ausliefern wolle, und drohten, sie zu steinigen und in den Fluss zu werfen. Doch Frauen ließen sich von Genovefa umstimmen, knieten nieder und beteten mit ihr. Es geschah ein Wunder: Die Hunnen umgingen Lutetia und wandten sich Orléans zu, wo die Bevölkerung Lutetias ursprünglich Zuflucht suchen wollte.
Die eingetroffene Prophezeiung bewirkte, dass Genovefa als Dienerin Gottes respektiert und als Retterin gefeiert wurde. Gemäß einer anderen Legende verhielt sie sich auch bei einer späteren Belagerung von Lutetia durch die Franken heldenhaft. Sie durchbrach den Ring der Belagerer und versorgte eingeschlossene Bürger mit dringend benötigten Lebensmitteln.
Während einer Hungersnot besorgte Genovefa bei Bauern aus der Umgebung Korn und transportierte es selbst auf Kähnen nach Lutetia. Als eine Seuche ausbrach, kümmerte sie sich vorbildlich um die Kranken. Ungeachtet dessen verbreiteten missgesinnte Zeitgenossen üble Gerüchte über sie, weswegen der Bischof von Lutetia eine Untersuchung vornehmen ließ, die jedoch alle Anschuldigungen Lügen strafte.
Genovefa war eine glühende Verehrerin des französischen Nationalheiligen Dionysius (Denis) aus dem dritten Jahrhundert, der als erster Bischof von Paris und einer der 14 Nothelfer gilt. Dionysius wurde während der Christenverfolgungen um 285 zusammen mit dem Priester Rustikus und dem Diakon Eleutherius auf dem Montmarte enthauptet. Auf Genovefa geht die Gründung der Dionysius geweihten Kirche Saint-Denis nahe dem Montmartre zurück.
Am 3. Januar 502 starb Genovefa im Alter von etwa 80 Jahren in Lutetia. Wo sie begraben wurde, ließ der fränkische König Chlodwig I. (um 466–511), der das gallisch-römische Lutetia 508 zur Hauptstadt seines Reiches machte, eine Kirche erbauen. Etwa 100 Jahre nach dem Tod Genovefas wurden ihre Gebeine in die Kirche „St. Etienne-du-Mont“ übertragen und in einem kostbaren Schrein beigesetzt.
Nach einer weiteren Legende erwies sich Genovefa 1129 erneut als Helferin in höchster Not. Damals grassierte in Frankreich eine bis dahin unbekannte Fieberkrankheit, die Blattern, die man „feu sacre“ nannte. Weil dagegen jegliche menschliche Heilkunst versagte, rief man Genovefa um ihre Hilfe an. Alle Kranken, die ihre Reliquien berührten, wurden geheilt.
Von 1764 bis 1790 wurde an der Stelle, wo einst das Grab von Genovefa lag, die Abteikirche Sainte-Geneviéve errichtet. Letzteres Gotteshaus ist 1791 in einen Ehrentempel, das „Panthéon“, umgewandelt worden, in dem man im Laufe der Zeit 60 berühmte Franzosen bestattete. Auf Wandgemälden des Künstlers Puvis de Chavannes (1824–1898) im „Panthéon“ werden Szenen aus dem Leben der heiligen Genovefa dargestellt.
Während der „Französischen Revolution“ (1789–1799) wurden die Reliquien der Heiligen und ihr kostbarer Schrein zerstört. Man hat ihre Gebeine 1793 öffentlich verbrannt. Auf Kunstwerken stellte man Genovefa mitunter als Schäferin mit Hirtenstab und Tasche, häufiger jedoch mit brennender Kerze, den Teufel zu Füßen, oder mit einem Kelch und zwei Schlüsseln der Stadt Paris dar.
Die Kerze und der Kelch erinnern an weitere Legenden, die sich um das Leben von Genovefa ranken. Als der Teufel ihr nachts beim Gang zum Gottesdienst eine Kerze ausblies, soll ein Engel diese wieder angezündet haben. Der Kelch soll sich auf das Gebet von Genovefa hin solange gefüllt haben, bis der Durst der Bauleute von St. Denis gelöscht und der Kirchenbau vollendet war. Der Gedenktag von Genovefa wird am 3. Januar begangen.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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