Die „Mistinguett“: Die „Königin des Variétés“Kategorie: Kultur Veröffentlicht von: Ernst Probst
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Zu den berühmtesten Varietékünstlerinnen und Chansonsängerinnen der goldenen Jahre der französischen Kleinkunst gehörte Jeanne-Marie Bourgeois (1873–1956), die unter dem Künstlernamen „Mistinguett“ besser bekannt ist. Zeitgenossen beschrieben sie als eine Gestalt von bezwingendem Charme sowie als Verkörperung ganzer Jahrzehnte eines Pariser Lebensgefühls mit einem speziellen Flair.
Jeanne-Marie Bourgeois kam am 5. April 1873 als Tochter des Matratzenmachers Antoine Bourgeois sowie der Federbett- und Federschmuckarbeiterin Jeanne Debray in Enghien-les-Bains bei Paris zur Welt. Nach anderen Angaben wurde sie erst zwei Jahre später – am 5. April 1875 – geboren und sollen ihre Eltern ein Blumengeschäft oder eine Tapeziererwerkstatt besessen haben. Ihr Vater stammte aus Belgien, ihre Mutter aus Lille in Frankreich.
Bereits als Dreijährige verkleidete sich Jeanne-Marie Bourgeois gerne. Sie stellte aus Stoffresten Kostüme her, schneiderte, zerriss alte Lappen, färbte sie und fertigte sich daraus Halstücher an. Im Alter von sieben Jahren rezitierte sie vor dem Spiegel auswendig gelernte Fabeln und machte dazu Grimassen. Als Achtjährige kündigte sie ihren Eltern an: „Ich bin eine geborene Künstlerin und will zum Theater“.
Anfangs nahmen Vater und Mutter diesen Berufswunsch nicht ernst, reagierten aber allmählich zornig darauf, weil für sie eine Schauspielerin dasselbe war wie eine Dirne. Weil Jeanne-Marie nicht lockerließ, erlaubten sie ihr Violin- und Gesangsunterricht in Paris. Bei Kunden des Vaters galt Jeanne-Marie bald als geborene Komödiantin, weil sie beim Kassieren überfälliger Rechnungen hinreißend weinte, lächelte oder rührende Geschichten erzählte.
Als 16-Jährige erhielt Jeanne-Marie Bourgeois 1889 im „Casino d’Enghien“ eine Stelle als Blumenmädchen. 1891 feierte sie im Pariser Café-concert „Trianon“ ihr Debüt auf der Bühne. Danach wechselte sie ins „Eldorado“, wo sie von 1897 bis 1907 arbeitete.
Ab 1908 trat Jeanne-Marie im Pariser Nachtlokal „Moulin-Rouge“ („Rote Mühle“) am Boulevard Clichy auf. Auch als sie dieses Etablissement zeitweise leitete, stand sie mit ihren Tänzen und Chansons im Mittelpunkt der Revuen. Ihre Chansons handelten von der Sehnsucht nach einem Ausbruch aus der Tristesse des Alltags.
Mit dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) endete die große Zeit des „Moulin Rouge“ in der französischen Hauptstadt. Die „Mistinguett“ blieb auch in der Folgezeit die ungekrönte Königin der Pariser Revuetheater „Casino de Paris“, „Folies Bergère“ und „Moulin Rouge“. Das zunehmende Alter konnte ihr wenig anhaben.
Zu Beginn ihrer künstlerischen Karriere trat Jeanne-Marie unter dem Pseudonym „Miss Tinguett“ auf, der aus ihrem ersten Schlagerrefrain abgeleitet wurde. Daraus entstand später der Künstlername „Mistinguett“. Anfangs verdiente sie nur zwei Francs pro Abend. Später gestand sie, mehr sei sie nicht wert gewesen. Denn man habe über die dritte Orchesterreihe hinaus keinen Ton von dem gehört, was sie sang, geschweige denn, ein Wort ihres Liedes verstanden.
Erst als sie Chansons solo sang, allein auf der Bühne stand und man dabei ihre wohlgeformten Beine sah, schaffte die „Mistinguett“ den künstlerischen Durchbruch. Bald galten ihre Beine als etwas, das man unbedingt gesehen haben musste. Es lässt sich heute nicht mehr eruieren, wer als erster die Beine der „Mistinguett“ für die schönsten der Welt erklärt hat.
Auf dem Höhepunkt ihrer künstlerischen Laufbahn galt die „Mistinguett“ als „Königin des Variétés“, des Kabaretts und der Singspielbühne. Mehrfach trat sie auch als Schauspielerin, unter anderem in „Madame Sans Géne“, sowie in Filmen, wie „Le Miserables“ (1913) und „Mistinguett détecitive“ (1917) auf. Sie beherrschte die Kunst, harte Arbeit und strenge Disziplin so lange voranzutreiben, bis sie sich als spielerische Leichtigkeit und schwerelose Anmut zu offenbaren schienen.
1949 dementierte die „Mistinguett“ die Meldung, sie wolle sich von der Bühne zurückziehen, indem sie ein Gastspiel in Kanada abschloss. Es folgten weitere Auftritte in Rom (1951), New York (1951), Düsseldorf (1951) und in London (1954). Fast bis zu ihrem Tod trat sie allabendlich in Paris auf. 1953 kündigte sie die langjährige und kostspielige Versicherung ihrer berühmten schönen Beine. Hierzu sagte sie: „Das Geld entwertet eher als meine Beine“.
Die „Mistinguett“ soll als ihr eigener Impressario äußerst erfolgreich gewesen sein. Ihr Vermögen wurde auf umgerechnet zehn Millionen Mark geschätzt. Daneben besaß sie eine Luxuswohnung in Paris und eine Villa an der Riviera. Sowohl die „Mistinguett“ als auch der französische Sänger und Schauspieler Maurice Chevalier (1888–1972) schrieben in ihren Büchern „Toute ma Vie“ und „Chansons meines Lebens“ freimütig über ihre Liebe zueinander, in der beide Höhen und Tiefen erlebten.
Nach einer Lungenentzündung starb die „Mistinguett“ am 5. Januar 1956 im Alter von 82 Jahren in Bougival (Departement Yvelines) an einer Embolie.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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