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Spielverderber Mama
Kategorie: Familie
Veröffentlicht von: Leilah Lilienruh


Wie alle kleinen Kinder, probiert auch unser Vierjähriger wahnsinnig gern schwierige Dinge aus, und wählt dabei vornehmlich solche Sachen , die seiner Mutter heftige Schweißausbrüche verursachen. Im Augenblick ist er gerade in der „Guck mal, wo ich draufgeklettert bin“ - Phase, die sich dadurch auszeichnet, dass er zum Beispiel freudestrahlend auf einem wackeligen Wandregal, einem Gartentor oder einem enorm hohen Klettergerüst hockt und auf Applaus wartet, während ich sprungbereit dastehe, die Luft anhalte und inbrünstig hoffe, dass der kleine Lausejunge auch den Abstieg durchdacht hat.

Noch vor kurzem hatten wir die weniger gefährliche, aber nicht minder nervenaufreibende „Wetten, ich kann das ganze Geschirr auf einmal weg tragen?!“ -Phase. Die letzte Tasse samt Frühstücksteller vom Blümchenservice macht sich recht gut in der Vitrine. Ich wollte schon lange ein wenig Platz schaffen. Zu dieser Phase zählen auch der Versuch, gleichzeitig zwei Saft-Pakete und eine Zeitschrift von der Garage in die Wohnung zu schleppen, mit der Folge, dass unser Sohn uns jetzt beim Einsteigen immer zeigen kann, wo es „ganz doll platsch gemacht“ hat, sowie sein inniges Bestreben, allein die randvolle Waschschüssel unseres Babys ins Bad zu befördern und dort auszugießen. In dem Au-genblick wünschte ich mir sehnlichst, wir hätten uns damals zur Hochzeit doch diesen genialen Staubsauger mit Wassersaugfunktion schenken lassen.
Ob der Kleine bettelt, sich ein großes Glas Gemüsesaft im Wohnzimmer selbst eingießen zu dürfen, begeistert eine abschüssige Straße hinunterflitzt (eine von denen, wo man sich aufwärts beim Anfahren mit Handbremse so übel blamiert) oder partout beim Ponyreiten auf den höchsten Gaul will und nach drei Metern unheimlichen Rechtsdrall bekommt: Ich versuche erst einmal ruhig zu bleiben und sage mir mit meiner vernünftigsten Erwachsenenstimme, dass Kinder experimentieren und etwas wagen müssen, um ihre Grenzen zu finden und Selbstbewusstsein aufzubauen. Schließlich muss ich als seine Mutter ihm doch etwas zutrauen und es ihm auch zeigen, damit er nicht verunsichert wird. Man will sich ja keinen kleinen Hasenfuß erziehen. Lauter kluge Einsichten und vor allem so päda-gogisch.

Ich reiße mich also zusammen und beschließe, nur noch in wirklichen Ausnahmefällen einzugreifen. Genau eine Stunde und acht Minuten geht das gut, dann entweicht meinem Mund doch wieder ein quiekendes: „Vooorsiiiicht!!!“ (Für Laien: Mütter holen nach diesem Aufschrei ruckartig und hörbar Luft und greifen sich mit der rechten Hand in die Herzgegend.) Ich wollte bestimmt nicht überreagieren, aber aus mütterlicher Perspektive sieht es irgendwie recht wackelig aus, wenn Vierjährige ohne Zirkuserfahrung einen Turm in Stadtmusikantenmanier aus Kindertisch, Stuhl und Fußbank bauen, um diesen dann mit fünf Stofftieren im Arm zu erklimmen.
Wenn da nicht diese bedrückende Angst um den kleinen Wicht wäre! Schließlich kann er Gefahren tatsächlich noch nicht so richtig abschätzen, und ein wenig tapsig ist er halt auch manchmal... Mama steht also hin und her gerissen dabei und versucht bei jedem seiner kindlichen Experimente zu beurteilen: „Schafft er’s oder schafft er’s nicht?“ Blödes Spiel!

So ein Glas Gemüsesaft auf dem neuen Teppichboden der Mietwohnung von Bekannten kann fatale Folgen haben, von ernsthaften Stürzen eines Kindes ganz zu schweigen. Mindestens zehnmal pro Tag geraten wir momentan also in solche Situationen, in denen mein Adrenalinspiegel schlagartig ansteigt und ich nur noch „Neiiiiin, Schatz, nein, nein, nicht machen“ hervorstoßen kann.

Was dann kommt, ist echt gemein, für mich das Schlimmste überhaupt an der Kindererziehung: Unser Sprössling schaut mich vorwurfsvoll mit großen, feuchten Kulleraugen an, macht mit der Unterlippe ein „Schippchen“ und fragt mit herzzerreißendem Unterton: „Aber Mama, warum denn nicht? Ich wollte doch sooo gern...!“. Pfui, was für ein Gefühl. Man kommt sich so richtig schlecht vor. Ein großer, fieser Spielverderber. Womöglich wäre gar nichts passiert, und nun bin ich schuld daran, dass er keinen Spaß hatte. Für liebevolle Argumente wie: „Ich wollte doch nur, dass du dir nicht wehtust“ ist ein derartig ausgebremstes Kind wenig zugänglich. Wenn unser Vierjähriger ganz besonders sauer auf mich ist, antwortet er in solchen Momenten mit Türenknallen und, ich höre ihn wenige Augenblicke später im Kinderzimmer vor sich hin brummen: „Das ist total fies von der Mama. Gemein, gemein, gemein.“ Zum Glück schmollt er selten länger als fünf Minuten, weil er dann wieder eine neue „ganz tolle Idee“ hat.
Anfangs dachte ich immer, ich sei in dieser Beziehung als Frau und Mutter besonders empfindlich und ängstlich, eben eine richtige „Glucke“. Mein Mann wirkt äußerlich meistens recht zuversichtlich und cool, es sei denn, es passiert tatsächlich einmal etwas Unangenehmes. Sein häufigster Kommen-tar: „Nun lass ihn doch ruhig mal machen. Er ist schließlich kein Baby mehr.“ Und ich kontere jedes Mal: „Deine Ruhe möchte ich mal haben.“ Dass der Schein da trügt, wurde mir erst kürzlich beim einem Rummelplatzbesuch bewusst: Unser kleiner Abenteurer entdeckte schon von weitem ein Kinderkarussell mit wunderbaren alten Holzpferdchen, die allerdings nicht auf einer Plattform, sondern von oben her befestigt waren, so dass die Pferdepaare über dem Rasen schwebten. Ich überlegte kurz und kam zu dem Schluss, dass prinzipiell nichts passieren könnte. Mein Mann hielt den Kleinen, der im Geiste schon seine Runden drehte, noch unschlüssig am Ärmel fest. „Und wenn er dazwischen fällt? Vielleicht hält er sich nicht richtig fest. Und überhaupt. Ach, ich weiß nicht.“ Sekunden später saß der junge Mann strahlend hoch zu Ross und winkte. Mein Mann sah ihn gar nicht, weil er angestrengt auf seine Stiefelspitzen starrte und ständig nur murmelte: „Hoffentlich geht das gut!“ Es ging gut.

Bis vor kurzem habe ich mich damit getröstet, dass auch die wagemutigen Experimente unseres Sprösslings nur eine Phase darstellen, die irgendwann vorübergeht, so wie fast alle schweißtreibenden Kinderphasen. Da gab es vorher schließlich schon die „Kneif und Beiß-Monate“, die „Ich-kenne-ein-echt-ekliges-Wort-Zeiten“ und nicht zuletzt die „Immer-ich-Wochen“. Und wir haben sie alle unbeschadet überstanden, na ja relativ: Mit der Kneiferei vertrieb der junge Mann seine eigene beste Freundin aus der Wohnung, mit den ekligen Worten unsere. Da müssen Mama und Papa halt durch, nur: Seit ein paar Tagen versucht nun unser neunmonatiges Baby im Kinderstuhl zu stehen, und gestern wollte es vom Sofa auf den Tisch krabbeln...


Veröffentlicht von: Leilah Lilienruh
Web: http://www.wortquelle.de
Kontakt: e-Mail


Über den Autor:
-Geboren am 1.4.1963 in Offenbach a. Main -verheiratet, drei Kinder, wohnhaft in der Nähe von Kassel -Nach dem Abitur Ausbildung zur Zeitungsredakteurin, anschließend Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen -Während des Studiums und später langjährige Tätigkeit als Freie Journalistin, Schwerpunkte Frauenpolitik, Reise und Kultur -Als Ghostwriterin für Verlage, Unternehmen und Privatpersonen tätig -Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Gedichten in Zeitungen -Seit 2000 maßgebliche Mitwirkung als Texterin, Komponistin und Zeichnerin bei der Realisierung von Hörbüchern, Hörspielen und Gedichtheften in Horatio Hudls Projekt „Atelier Wortquelle“. www.wortquelle.de -Aus Gründen künstlerischer Freiheit und zur Wahrung der Privatsphäre der Familie ausschließliche Arbeit unter Pseudonymen, im Lyrik –und Prosabereich Leilah Lilienruh. -2005 Aufnahme in die „Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts“ durch die „Brentano-Gesellschaft & Cornelia Goethe Akademie“ zu Frankfurt a. Main. Das ausgewählte Werk entstammt der Lyriksammlung „Gezeitenlos“, die von „Atelier Wortquelle“ als Hörbuch realisiert wird. -Das Manuskript zu einem sozialkritischen Roman wurde kürzlich vollendet.