Camille Claudel: Die Meisterin der modernen PlastikKategorie: Kultur Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als bildhauerisches Genie des 19. Jahrhunderts gilt die französische Künstlerin Camille Claudel (1864–1943). Sie war die Schülerin, Geliebte und Werkstattpartnerin des 24 Jahre älteren französischen Bildhauers Auguste François Rodin (1840–1917). Nach der Trennung von ihm verbrachte sie die letzten drei Jahrzehnte ihres Lebens in einer psychiatrischen Anstalt.
Camille Claudel wurde am 8. Dezember 1864 als zweites Kind von Louis-Prosper Claudel und seiner Frau Louise-Athenaïse Cerveaux in Fère-en-Tardenois (Departement Aisne) geboren. Der vor ihr zur Welt gekommene Erstgeborene Charles Henri war am 1. August 1863 im Alter von nur 16 Tagen gestorben. Der Vater freute sich riesig über die Geburt der Tochter, doch die Mutter, die sich einen Jungen gewünscht hatte, wandte sich ab, weinte und redete stundenlang kein Wort.
Am 26. Februar 1866 bekam Camille eine Schwester, die Louise Jeanne genannt wurde. Zwei Jahre später – am 6. August 1868 – erblickte der Bruder Paul Louis das Licht der Welt. Mit 13 Jahren erklärte Camille ihrem Vater, sie wolle Bildhauerin werden. Der Vater unterstützte diesen Wunsch seiner Tochter. Die Mutter dagegen war darüber entsetzt und meinte, dies sei kein Beruf.
Auf Einladung des Vaters begutachtete 1879 der Bildhauer Alfred Boucher (1850–1934) im Gartenschuppen der Familie Claudel in Nogent-sur-Seine die von der 14-Jährigen geschaffene Gruppe „David und Goliath“. Er erkannte die große Begabung von Camille und meinte, sie müsse unbedingt und sehr bald nach Paris, um dort den schweren Beruf des Bildhauers zu erlernen.
1880 wohnte die Familie Claudel in Wassy-sur-Blaise und ab 1881 in Paris. In der französischen Hauptstadt sollte Camille ihre Bildhauerei weitermachen, ihre Schwester Louise sich als Pianistin vervollkommnen und ihr Bruder Paul Louis das Lehrerseminar („Lycée Louis-le-Grand“) besuchen. Noch 1881 begann die 16-jährige Camille ein Studium auf der „Akademie Colarossi“.
Als 18-Jährige begegnete Camille Claudel 1883 in ihrem Atelier erstmals dem 42-jährigen Bildhauer Auguste François Rodin. Dieser zeigte sich beim ersten Treffen von einer Büste Camilles beeindruckt, die ihren 14-jährigen Bruder Paul Louis darstellte. Dagegen kritisierte er an ihrem Werk „David und Goliath“ die zu starken Kontraste der Form. Außerdem lud er sie ein, in seinem Atelier zu arbeiten.
Ab November 1884 nahm die 20-jährige Camille bei Rodin Unterricht. Sie war sehr attraktiv, hatte dunkelblaue Augen, einen großen mehr stolzen als sinnlichen Mund und rötlich-kastanienbraune Haare. Im September 1885 wurde sie im Atelier die Geliebte des Künstlers. Für Rodin stand Camille Modell für seine berühmte Plastiken „Der Kuß“ (1886), die eine sehr innige Umarmung darstellt, und „Der Gedanke“ (1886). Diese Werke wurden in Glasmasse modelliert, einem Material, das so weich und zart war wie Camille.
Den künstlerischen Durchbruch schaffte Camille Claudel im Alter von 24 Jahren, als sie bei der Ausstellung des Champs Elysées 1888 ihr Werk „Sakuntala“ präsentierte. Dabei handelt es sich ebenfalls um die Darstellung einer Frau und eines Mannes in inniger Umarmung. Damit löste sich die Schülerin aus dem Schatten ihres Lehrers, aber als Frau kam sie von ihm nicht mehr los. Auguste Rodin sagte einmal: „Ich habe ihr gezeigt, wo man Gold findet, aber das Gold, das sie findet, gehört ganz und gar ihr.“ 1898 vollendete Camille die Plastik „Perseus“.
Als Camille von Rodin schwanger wurde, zog sie 1890 in das Schloss Islette ein, wo sie eine Fehlgeburt erlitt. Während dieser Zeit lernte sie ein kleines Mädchen kennen, das sie später in ihrer Skulptur „Die kleine Schlossherrin“ (1894) verewigte. Anschließend kehrte sie nach Paris zurück. Dort befreundete sie sich mit dem Komponisten Claude Debussy (1862–1918) und machte die Bekanntschaft des französischen Romanschriftstellers Marcel Proust (1871–1922) und des Malers Henry de Toulouse-Latrec (1864–1901).
In ihrem eigenen Atelier am Boulevard d’Italie in Paris, das sie drei Jahre lang benutzte, schuf Camille Claudel 1892 eine bronzene Büste von Auguste Rodin. Viel Anerkennung fand sie mit ihren aus Marmor und Onyx geschaffenen Werken „Der Walzer“ (1893), „Clotho“ (1893) und „Die Schwätzerinnen“ (1895 in Gips, 1896 in Marmor, 1897 in Jade). Für eine Ausstellung in Genf stellte sie 1896 insgesamt 19 Skulpturen zur Verfügung.
Nach Jahren großer Leidenschaft und enger Zusammenarbeit trennte sich Camille Claudel Ende 1898 endgültig von dem begnadeten und egozentrischen Auguste Rodin. Vom 4. bis 16. Dezember 1905 beteiligte sich Camille mit 13 Skulpturen in Paris bei Jacques Emile Blot (1885–1960) zum letzten Mal an einer Ausstellung.
Während ihrer Zeit an der Seite Rodins stand Camilles Schaffen (Porträts, Akte, Allegorien) stark unter dem Einfluss ihres Geliebten und entwickelte sie einen zu Pathos und Monumentalität neigenden Stil. Nach dem Bruch mit Rodin entwickelte sie einen individuellen plastischen Stil, der sich vor allem in Kleinplastisken dokumentierte.
Bei ihren Werken bediente sich Camille Claudel der Formensprache des Japonismus und Jugendstils. Unter Japonismus – auch „Art Noveau“ genannt – versteht man die seit den 1860-er Jahren vor allem in Frankreich zu beobachtende Beeinflussung der bildenden und dekorativen Künste durch japanische Vorbilder.
1906 zeigte die stark dem Alkohol zusprechende Camille Claudel erste Zeichen geistiger Umnachtung: Sie zerstörte ihre Skulpturen, zog sich von der Umwelt ganz zurück, vereinsamte und litt immer stärker unter Verfolgungsängsten. Am 3. März 1913 erhielt Camille ein Telegramm, in dem ihr der Tod ihres Vater mitgeteilt wurde. Danach verließ sie nicht mehr ihr Atelier, verharrte dort nackt und aß nichts. Eine Woche später – am 10. März 1913 – holte man sie im Atelier ab und brachte sie zunächst in die Anstalt von Ville-Evrard und später in die Irrenanstalt von Montdevergues, wo sie 30 Jahre lang lebte. Dort schrieb sie ergreifende Briefe an ihren Bruder, den Schriftsteller und Diplomaten Paul Louis Claudel (1868–1955). Sie schilderte ihr Leben in der Anstalt, war darüber verzweifelt, klagte über die Schreie der Mitinsassen und meinte, sie habe Besseres verdient, als namenlos in einem Irrenhaus zu enden.
Am 19. Oktober 1943 starb Camille Claudel im Alter von 78 Jahren in der Anstalt von Montdevergues. Als ihr Bruder Paul Louis an den Bürgermeister von Montdevergues schrieb und ihn im Namen der Familie Claudel bat, Camille eine letzte Ruhestätte zu geben, die dieser großen Künstlerin würdig sei, erhielt er von der Friedhofsverwaltung die traurige Antwort: „Das Grab existiert nicht mehr, da das betroffene Terrain für Dienstzwecke requiriert worden ist“.
Das eindrucksvolle Werk Camille Claudels, die von Auguste Rodin als „geniale Frau“ bezeichnet wurde, war längst vergessen, als 1984 eine Ausstellung ihrer Werke in Paris der Nachwelt in Erinnerung rief, wie einzigartig diese Bildhauerin war. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ urteilte über sie: „Sie war eine jener mutigen Frauen, die sich ins offene Wasser hinaus wagten. Sie hatte das Zeug zu einer Königin.“ Der Regisseur Bruno Nuytten verfilmte in dem Streifen „Camille Claudel“ (1988) das Leben der Bildhauerin mit Isabelle Adjani in der Titelrolle.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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