Séraphine: Frankreichs große naive MalerinKategorie: Kultur Veröffentlicht von: Ernst Probst
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Die einflussreichste naive Malerin Frankreichs war die Künstlerin Séraphine (1864–1932), eigentlich Séraphine Louis, manchmal auch Séraphine de Senlis genannt. Ihre mystisch-religiösen Bilder zeigen meistens Pflanzen und offenbaren eine suggestive Phantasie. Eines ihrer bekanntesten Werke heißt „Der rote Baum“ und ist um 1927/1928 entstanden. Das Original wird im „Musée National d’Art Moderne“ in Paris, aufbewahrt.
Séraphine Louis kam am 2. September 1864 in Assy (Département Oise) zur Welt. In ihrer Kindheit arbeitete sie als Hirtin, später zog sie nach Senlis, wo sie sich als Putzfrau betätigte. Sonst ist über ihr Leben nicht viel bekannt. Man weiß auch nicht, wie ihr Interesse an der Malerei geweckt wurde.
Auf Séraphines Talent wurde 1913 der deutsche Kunstschriftsteller Wilhelm Uhde (1874–1947) aufmerksam, der sich meistens in Paris aufhielt und früh für die zeitgenössische Kunst einsetzte. Er förderte unter anderem Pablo Picasso (1881–1973) und Georges Braque (1882–1963, aber auch Laienmaler, deren Bedeutung er als erster erkannte.
Wilhelm Uhde hatte sich in Senlis eine kleine Wohnung gemietet, um sich dort in den Ferien zu erholen, und eine Putzfrau eingestellt. Als ihm bei Einwohnern des Städtchens ein kleines Stilleben mit Äpfeln auf einem Tisch auffiel und ihn tief beeindruckte, erfuhr er, dass dieses Werk von seiner Putzfrau Séraphine stammte.
Die ersten Bilder, die Wilhelm Uhde von der 47-jährigen Séraphine erwarb, wurden zu Beginn des Ersten Weltkieges (1914–1918), als der Deutsche Frankreich verlassen musste, zusammen mit seiner Sammlung beschlagnahmt und verkauft. Diese früh von Seraphine erstandenen Werke gelten als verschollen. Erst viel später sah Uhde, der sich inzwischen in Chantilly niedergelassen hatte, auf einer Ausstellung provinzieller Maler im Rathaus von Senlis wieder Bilder von Séraphine.
Tief betroffen von der Weite und Tiefe dieser neuen Werke nahm Wilhelm Uhde mit der betagten Séraphine Kontakt auf. Diese wohnte zurückgezogen in einem armseligen Zimmer, in dem ständig eine kleine Lampe vor einem Bild der heiligen Maria brannte, und malte eifrig.
Wilhelm Uhde beschaffte der kleinen Malerin mit ausgebleichten Haarsträhnen, blassem Gesicht und fanatischem Blick große Leinwände, die sie für ihre Gemälde benötigte. Das Malen in Öl war für Séraphine etwas Magisches, bei dem ihr niemand – auch Uhde nicht – zusehen durfte. Ihre Bilder entstanden gleichsam in Trance.
Innerhalb weniger Jahre schuf Séraphine ein beachtliches Werk. Sie malte Bäume, Früchte, Blätter oder Blumen, die sie mit einer Phantasie gestaltete, die über jede Ähnlichkeit mit der Natur erhaben ist. Ihre phantasievollen Formen sind sehr präzise und mit ungewöhnlichen Details reiner Erfindung hingesetzt. Niemals verriet sie das Geheimnis ihrer emaillierenden, farbenfrohen Technik.
In „Knaurs Lexikon moderner Kunst“ wird über Séraphine gemutmaßt: „Möglicherweise haben die großen farbigen Flammen auf den Glasfenstern der Kirche von Senlis ihr die Idee zu den aufstrebenden Rhythmen ihrer großen Leinwände eingegeben, deren Details eine seltsame Welt offenbaren: Blätter deren Herz eine Frucht ist, oder auf denen sich Augen öffnen, von Wimpern umgeben, die an die Federn kostbarer Vögel denken lassen.“
Séraphine gehörte zusammen mit ihrem männlichen Kollegen Henri Rousseau (1844–1910), genannt „le Douanier“ („der Zöllner“), zu den besten naiven Malern Frankreichs. Rousseau arbeitete als Beamter beim Pariser Stadtzoll, ließ sich jedoch 1893 pensionieren, um sich ganz der Malerei widmen zu können
1930 verlor Séraphine Louis den Verstand und gab für sinnlose Dinge viel Geld aus. Am 11. Dezember 1942 starb sie im Alter von 78 Jahren im Hospital von Senlis. Ihr Entdecker Wilhelm Uhde rechnete sie zu den „großen Unsterblichen, die sich nicht in den Rahmen einer Bewegung oder einer Schule zwängen lassen“. Séraphines Werk wurde so berühmt, dass es nach ihrem Tod als französischer Beitrag für die Biennale in Sao Paulo (Brasilien) akzeptiert wurde.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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