Maria Wimmer: Die „Callas des Theaters“Kategorie: Kultur Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als eine der bedeutendsten Tragödinnen des deutschen Theaters gilt die Schauspielerin Maria Wimmer (1911–1996). Besonders lagen ihr das heldische und dämonische Fach. Ihren Rollen verlieh sie virtuos Tragik und Ausweglosigkeit. Kritiker nannten sie respektvoll die „Callas des Theaters“ oder die „Callas des Wortes“. Auf der Leinwand und dem Bildschirm sah man sie selten.
Maria Wimmer kam am 27. Januar 1911 als Tochter des Baurats Max Wimmer und seiner Frau Helene, geborene Friedrich, in Dresden zur Welt. Wie viele andere Kinder ihrer Zeit baute sie gerne aus Holzfiguren eine „kleine Stadt“ auf, dachte sich aber im Gegensatz zu ihren Altersgenossinnen ganze Romane aus und spielte sie ihren Schulfreundinnen in wochenlangen Fortsetzungen vor.
Im Alter von 14 Jahren lernte die Gymnasiastin die Rollen der Luise aus „Kabale und Liebe“, der Thekla aus „Wallensteins Tod“ und des Klärchens aus „Egmont“ auswendig und spielte sie heimlich und alleine. Vor dem Abitur fuhr die 16-Jährige ohne Wissen ihrer Eltern nach Leipzig und sprach dort dem Leiter einer Schauspielschule, der sofort ihre Begabung erkannte, als „Luise“ vor.
Die Eltern gaben Maria Wimmer jedoch erst nach dem Abitur die Zustimmung für eine Bühnenlaufbahn. Anfang der 1930-er Jahre schloss sie ihre Schauspielausbildung in Leipzig ab.
1930 gab Maria Wimmer ihr Debüt als Marei in dem Stück „Florian Geyer“ von Gerhart Hauptmann (1862–1946) am Stadttheater in Stettin (Pommern), wo sie bis 1933 spielte. Ihr Partner auf der Bühne war der als Gast auftretende große deutsche Schauspieler Heinrich George (1893–1946). Der Autor Hauptmann beglückwünschte Maria nach der Aufführung seines Werkes.
Von 1934 bis 1937 arbeitete Maria Wimmer an den „Städtischen Bühnen Frankfurt am Main“, von 1937 bis 1947 am „Deutschen Schauspielhaus Hamburg“, 1948/1949 am „Münchner Residenztheater“ und von 1949 bis 1952 an den „Münchner Kammerspielen“. Der künstlerische Durchbruch gelang ihr 1949 an den „Münchner Kammerspielen“ als Laura in dem Stück „Der Vater“ des schwedischen Dichters August Strindberg (1849–1912).
1950 heiratete Marie Wimmer den gleichaltrigen Rechtsanwalt Dr. jur. Otto Seemüller (1911–1987). Die glückliche Ehe des Paares blieb kinderlos.
Ab 1953 war Maria Wimmer freie Schauspielerin, gastierte an den „Städtischen Bühnen Düsseldorf“, an der „Volksbühne Berlin“, am „Schauspielhaus Zürich“, am „Wiener Burgtheater“, am „Schillertheater Berlin“, am „Renaissance-Theater“ in Berlin und ging auf Tournee.
1956 feierte Maria Wimmer in der Titelrolle des Stückes „Iphigenie auf Tauris“ von Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) einen triumphalen Erfolg bei den „Ruhrfestspielen“ in Recklinghausen. Die Iphigenie war ihre Lieblingsrolle. Ihren letzten großen Bühnenauftritt hatte sie bei den „Salzburger Festspielen“ 1993 als Volumnia in dem Stück „Coriolan“ des britischen Dichters William Shakespeare (1564–1616).
Maria Wimmer nahm nur selten Film- und Fernsehrollen an. Auf der Leinwand sah man sie in den Streifen „Der fallende Stern“ (1950), „Der große Zapfenstreich“ (1952), „Sauerbruch – das war mein Leben“ (1954) und „Der Engel mit dem Flammenschwert“ (1954). Der Film „Sauerbruch – Das war mein Leben“ handelte von dem bedeutenden deutschen Chirurgen Ernst Ferdinand Sauerbuch (1875–1951).
Im Fernsehen konnte man Maria Wimmer in „Glückliche Tage“, „Im Schlaraffenland“, „Die Zimmerwirtin“, „Der vierte Platz“, „Zinngeschrei“, „Richelieu“, „Die Dämonen“ und „Kolportage“, in einigen Aufzeichnungen von Theaterinszenierungen – wie „Gertrude Stein“ aus den „Münchner Kammerspielen“ – sowie als Gast der Krimi-Serie „Derrick“ des „Zweiten Deutschen Fernsehens“ (ZDF) bewundern.
Für ihre schauspielerischen Leistungen wurde Maria Wimmer mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Am 14. Mai 1961 überreichte ihr der Düsseldorfer Oberbürger–meister Dr. h.c. Fritz Vomfelde im Dumont-Lindemann-Archiv in Düsseldorf den „Louise-Dumont-Goldtopas“ (1961). Damals gehörte sie zum Ensemble des „Düsseldorfer Schauspielhauses“ unter Karl Heinz Stroux.
Beim Louise-Dumont-Goldtopas handelt es sich um einen in Perlen gefassten Topas mit einer Goldkette, den die Königin Charlotte von Württemberg (1866–1946) der von 1889 bis 1894 am „Stuttgarter Hoftheater“ wirkenden Schauspielerin Louise Dumont (1862–1932) schenkte. Ihr Mann Gustav Lindemann (1872–1960) stiftete diesen Goldtopas zum Andenken an seine Frau als eine Auszeichnung für deutschsprachige Schauspielerinnen. Er sollte jeweils auf Lebenszeit von der deutschen Schauspielerin getragen werden, die in ihrem Streben menschlich-geistig und künstlerisch dem nahesteht, was Louise Dumont gelebt hat.
Bei der Verleihung des „Louise-Dumont-Goldtopas“ hielt der Kunst- und Theaterkritiker Albert Schulze Vellinghausen (1905–1967) die Laudatio. Von ihm stammt auch die ein Jahr später erschienene Biographie „Maria Wimmer“ (1962).
1967 erhielt Maria Wimmer für zehn Jahre als hervorragendste Vertreterin der deutschen Schauspielkunst den „Tilla-Durieux-Schmuck“, 1970 zusammen mit Bernhard Minetti (1905–1998) den „Kulturpreis des Deutschen Gewerkschafts-Bundes“, 1973 den Orden „Pour le mérite für Wissenschaft und Künste“ und 1974 das „Große Bundesverdienstkreuz mit Stern“ (1974).
In der „Süddeutschen Zeitung“ wurde Maria Wimmer am 27. Januar 1994 von C. Bernd Sucher mit folgenden Worten gewürdigt: „Die Menschen, die sie spielt, erwachen zu Leben durch ihre Hände und durch ihre Stimme. Sie wird die ,Callas des Wortes‘ genannt, weil sie in einer Aufführung von kalter Brillanz, einer sehr äußerlichen Präzision, sekundenschnell wechseln kann zu den innigsten, den zärtlichsten Tönen: Maria Wimmer ist ein Orchester! Ihre Monolog-Abende, ihre Lesungen sind Sternstunden des deutschsprachigen Theaters.“
Maria Wimmer beherrschte außer ihrer Heimatsprache auch Französisch, Englisch und Italienisch. Als ihr Hobby gab sie das Kochen an. Am 4. Januar 1996 starb Maria Wimmer im Alter von 84 Jahren in Bühlerhöhe (Baden-Württemberg).
Maria Wimmer, der es vergönnt gewesen ist, 65 Jahre lang in ihrem Beruf höchst erfolgreich tätig zu sein, verfügte, dass der Großteil ihres Nachlasses in eine Stiftung übergeht. Zweck dieser Stiftung ist es, die Kunst und Kultur zu fördern und in finanzielle Not geratene Schauspielier zu unterstützen. Der gesamte künstlerische Nachlass von Maria Wimmer – Bilder, Kritiken, Tonmaterial und Briefe – befindet sich im Archiv der „Akademie der Künste“ in Berlin.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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