Helene Weigel: Die „Gralshüterin von Brecht-Inszenierungen“Kategorie: Kultur Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als „Epochen-Schauspielerin“ und „Gralshüterin von Brecht-Inszenierungen“ wurde die aus Österreich stammende Künstlerin Helene Weigel (1900–1971) gefeiert. Sie beeinflusste häufig die Frauengestalten in den Werken Brechts und spielte seine großen Frauenrollen: in „Mutter“, in „Heilige Johanna der Schlachthöfe“, in „Mutter Courage und ihre Kinder“ und im Film „Kuhle-Wampe“.
Helene Weigel erblickte am 12. Mai 1900 als Tochter eines Prokuristen in Wien das Licht der Welt. In der Donaumetropole besuchte sie ein Lyzeum, das sie als 16-Jährige verließ. Danach begann sie in Wien eine Ausbildung als Schauspielerin. Es folgten kurze Engagements an kleineren Bühnen und 1918 der Umzug nach Frankfurt am Main.
Später wechselte Helene Weigel an das „Deutsche Theater“ in Berlin, wo sie bald einen guten Ruf als Schauspielerin genoss. Außerdem trat sie bei Arbeiterversammlungen sowie an der „Berliner Volksbühne“ auf und studierte Dramaturgie bei dem Regisseur und Theaterdirektor Max Reinhardt (1873–1943), der wie sie aus Österreich stammte.
Bei den Proben für das Stück „Trommeln in der Nacht“ begegnete Helene Weigel 1922 in Berlin erstmals dem deutschen Schriftsteller und Regisseur Bertold (Bert) Brecht (1898–1956), der am 3. November jenes Jahres die Opernsängerin Marianne Zoff (1893–1984) geheiratet hatte. Aus dieser Verbindung ging am 12. März 1923 die Tochter Hanne („Hiob“) hervor. Am 3. November 1924 kam der Sohn Stefan von Helene Weigel und Brecht Brecht zur Welt. Noch im selben Monat zogen beide nach Berlin.
Helene Weigel und Bertold Brecht heirateten am 10. April 1929. Am 18. Oktober 1930 gebar Helene die Tochter Barbara. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand in Berlin vom 27. Feburar 1933 floh die Familie über mehrere Stationen nach Paris, wo in jenem Jahr das Stück „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“ uraufgeführt wurde. Es folgte die Übersiedlung nach Skovbostrand bei Svendborg auf der dänischen Insel Fünen.
Bertold Brecht und seinen Kindern wurde am 8. Juni 1934 von den Nationalsozialisten die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1937 trat Helene Weigel in Paris als Mutter in Brechts „Gewehre der Frau Carrar“ und 1938 als Judith in „Die jüdische Frau“ auf. Wegen der Kriegsgefahr siedelte Brecht 1939 nach Schweden über. Dort schrieb er für seine Frau die Rolle der stummen Kattrin in „Mutter Courage“, da sie die schwedische Sprache nicht beherrschte.
Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Dänemark und Norwegen flüchtete Brecht mit seiner Familie in die finnische Hauptstadt Helsinki. 1941 reiste die Familie über die Sowjetunion in die USA aus, wo sie im Juli ankam und sich im Stadtteil Santa Monica von Hollywood niederließ.
In den Vereinigten Staaten erhielt Helene Weigel neben Spencer Tracy (1900–1967) eine kleine stumme Rolle in dem Film „Das siebte Kreuz“ (1944) nach dem Roman der deutschen Schriftstellerin Anna Seghers (1900–1983). Am 30. Oktober 1947 wurde der Kommunist Brecht vor dem „Committee on Unamerican Activities“ in Washington verhört. Sofort danach flog er am 1. November aus den USA über Paris nach Zürich.
1948 gründeten Brecht und seine Frau im Berliner Ostsektor das „Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm“, das Helene Weigel von 1949 bis zu ihrem Tod leitete. Sie spielte die Antigone, die Natella Abaschwili im „Kaukasischen Kreidekreis“, die Teresa Carrar, die Mutter Courage und die Volumnia in „Coriolan“. Die gelungene Premiere von Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ konnte am 11. Januar 1949 in Ost-Berlin gefeiert werden.
Anfang Oktober 1951 wurde in schweizerischen und österreichischen Zeitungen gemeldet, dass Bert Brecht und seine Frau auf Antrag bereits am 10. April 1950 die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten haben. Von 1953 bis zu ihrem Tod lebten Brecht und Helene in der Chausseestraße 125 in Berlin, wo seit dem 80. Geburtstag Brechts 1978 die originalgetreu restaurierten Wohn- und Arbeitsräume des Paares besichtigt werden können. Im selben Gebäude befindet sich auch das „Bertold-Brecht-Archiv“.
1954 trat Helene Weigel als parteilose Kandidatin der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) für die Wahlen zum Westberliner Abgeordnetenhaus auf. Am 14. August 1956 erlag Bertold Brecht den Folgen eines Herzinfarkts.
Ende August 1956 erlebte Helene Weigel als Mutter Courage im Londoner „Palace-Theater“ einen triumphalen Erfolg. Anna Seghers lobte Helene Weigel einmal mit folgenden Sätzen: „Man könnte sagen, die Weigel spielt, als hätte sie keine Zuschauer. Sie zieht ihren Karren als Mutter Courage über das öde Feld. Sie spielt nicht nur, sie ist völlig allein. Die Zuschauer packt das Entsetzen vor dem Krieg, als erlebten sie ihn zum ersten Male.“
Im August 1969 beging Helene Weigel ihr 50. Bühnenjubiläum damit, dass sie zum 200. Male als Pelageja Wlasso in Brechts „Mutter“ auf der Bühne stand. 1949, 1953 und 1960 wurde sie mit dem Nationalpreis der früheren Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ausgezeichnet. 1960 ernannte man sie anlässlich ihres 60. Geburtstages zur „Professorin“.
Im Sommer 1970 verbreiteten westdeutsche Zeitungen das Gerücht, Helene Weigel habe SED-Funktionären gedroht, die DDR zu verlassen, wenn sie nicht Intendantin des „Berliner Ensembles“ bleiben dürfe. Doch dazu kam es nicht: Am 6. Mai 1971 starb sie – immer noch in Amt und Würden – wenige Tage vor ihrem 71. Geburtstag in Ost-Berlin.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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