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Kein Tag wie jeder andere: Plädoyer für die Erhaltung der Sonntagskultur
Kategorie: Meinung
Veröffentlicht von: Ernst Probst


Von Karl Heinz Hock

Als der römische Kaiser Konstantin I. im Jahre 321 kraft Gesetzes den Sonntag einführte, dürfte er kaum geahnt haben, wie viele Millionen Menschen künftiger Generationen er mit dieser Entscheidung die dringend benötigte Pause in ihrer täglichen Fron sicherte. Konstantin verbot analog der Sabbatruhe nicht nur alle knechtlichen Arbeiten, sondern auch Gerichtsverhandlungen. Er löste zugleich die römische 8-Tage-„Planetenwoche“ durch die aus dem Vorderen Orient stammende siebentägige Woche ab.

Während die Griechen zunächst mit einer zehntägigen Woche rechneten, fand sich die 7er-Einteilung schon im 2. Jahrtausend vor Christus bei Babyloniern und Juden. Zwar wurde immer wieder gegen das Gebot der Sonntagsruhe verstoßen, letztlich hielt sich aber der in der Bibel verordnete Rhythmus „Sechs Tage sollst Du arbeiten, am siebten sollst Du aufhören“ als dem Menschen gemäßeste Regelung. Weder die französischen Revolutionäre von 1789 noch die russischen von 1917 konnten den Zehnertakt durchsetzen. Ihre Bestrebungen hatten, wie die heutigen Versuche, den Sonntag zu einem „Tag wie jeder andere“ zu machen, ökonomische Gründe.

Soweit die alten Völker Ruhetage hatten, meistens nach dem lunaren Kalender, verehrten sie an diesen Tagen ihre Götter. Für die Juden galt die Heiligung des Sabbats wie die Beschneidung als Zeichen der Zugehörigkeit zu Israel und zu dessen ewigem Bund mit Gott. Deshalb wurde Sabbat-Arbeit zeitweilig sogar mit dem Ausschluss aus der Gemeinde und dem Tode bedroht. In der Makkabäerzeit hat man das Sabbatgebot als so heilig angesehen, dass an diesem Tag Erfolg versprechende Positionen im Krieg nicht ausgenutzt werden durften; man sollte sich nicht einmal verteidigen, wenn Todesgefahr drohte. Das Neue Testament berichtet von Auseinandersetzungen Jesu mit der religiösen Obrigkeit, weil er dem Menschen dienende Tätigkeiten wie die Krankenheilung aus dem Arbeitsverbot herausnahm. Nach wie vor nehmen viele Juden das Gebot der Sabbatheiligung sehr ernst. Das neue Israel erlebt deshalb seit seiner Gründung immer wieder scharfe Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Reformern.

Vor diesem historischen Hintergrund wird deutlich, wie herrlich weit es die Deutschen zu Beginn des dritten Jahrtausends n. Chr. gebracht haben. Nicht mehr das Bedürfnis nach beschaulicher Ruhe, Zeit zum Nachdenken und die Gottesverehrung sind maßgeblich, sondern „notwendige“ Maschinenlaufzeiten, die Furcht vor globaler Konkurrenz und vermutete unersättliche Konsumentenwünsche.

Die Christen feiern am Sonntag den Tag der Auferstehung Christi. Ihre Lehre geht über die jüdischen Sabbatvorstellungen hinaus. Für sie setzt der Sonntag ein Zeichen für die „höhere Berufung“ des Menschen. Alle sieben Tage wird so der Welt vor Augen gehalten, dass Menschen nicht nur animalische Wesen sind. Der Sonntag wird zum immerwährenden Appell, der in allen Kontinenten millionenfach leidenden Kreatur Mensch ihre Würde zu erhalten.

Eine erste, wenngleich in ihren Auswirkungen weniger bedeutsame Entscheidung gegen den christlichen Sonntag fiel, als 1976 aufgrund einer internationalen Abmachung der Montag zum ersten Tag der Woche erklärt und der Sonntag zum „Wochenende“ wurde. Mit dem zum 1. Juli 1994 reformierten Arbeitszeitgesetz wurde es dann den Firmen leicht gemacht, Ausnahmegenehmigungen für die Arbeit an Sonntagen zu bekommen. Selbst Gewerkschaften befürworteten diese Regelungen, in der Furcht, die Realeinkommen ihrer Mitglieder könnten sonst sinken. Ein Paradoxon: Deutschland, das Land mit der kürzesten Wochenarbeitszeit dehnte die Gesamtarbeitszeit auf den Samstag und Sonntag aus. Die Erfahrungen mit dieser Neuregelung sind zu kurz, um ein endgültiges Urteil zu fällen. Allem Anschein nach hat die große Mehrheit der Arbeitgeber noch so viel Achtung vor dem Sonntag, dass sie ohne Not keine Arbeit ansetzten.

Doch die Aushöhlung des Sonntags wurde fortgesetzt. Im Herbst 1996 kam die Initiative von Bundestagsabgeordneten aller Parteien für verkaufsoffene Sonntage. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man das Nachtbackverbot erkämpft und als große soziale Errungenschaft gefeiert hat. Jetzt werden sogar frische Sonntagsbrötchen angeboten. Wenn es dem Bäcker Spaß macht, sei es dem Konsumenten gegönnt. Ob allerdings auch das Kaufhaus, die Boutique und das Schuhgeschäft öffnen müssen, kann nach den schlechten Erfahrungen mit den langen Verkaufsabenden während der Woche auch von der Bedarfsseite her bestritten werden.

Das Ökonomische dominiert immer totaler die deutsche Gesellschaft. Jedermann weiß aber, dass nicht nur Arbeit, Konsum und sportliche Betätigung in der Freizeit das Leben ausmachen. Auf Dauer nehmen alle Schaden, wenn die geistige Dimension des Menschen unberücksichtigt bleibt. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, gilt auch in einer säkularisierten Gesellschaft. Die Kirchen halten gerade an Sonntagen geistige „Nahrung“ vor, haben aber wegen eines durch tausend Missverständnisse verdorbenen Klimas zur Zeit wenig Chancen, die auf Distanz Gegangenen zurückzuholen. Viele suchen ihr Heil, wie oft in Krisen alter Autoritäten, in allerlei obskuren Ersatzheilslehren.

Um so höher ist es den beiden großen Kirchen anzurechnen, dass sie sich immer wieder zu Anwälten der geistigen Dimension des Sonntags machen. Mit einer Stimme sprechend fordern sie seine Erhaltung nicht nur für die Gläubigen, sondern für alle Menschen als notwendigen Tag der Ruhe, der Muße, der Besinnung und der Familie. Eine ihrer kaum bestreitbaren Hauptthesen lautet: Wer nicht zum Nachdenken kommt, dessen Beziehungsfähigkeit zu Gott und den Menschen zerbricht immer mehr. Längst haben die Kirchen ihr Gottesdienst-Angebot auf das geänderte Freizeitverhalten eingestellt, und sie sind bereit, weiterhin flexibel auf neue Gewohnheiten zu reagieren.

Die Politiker sind unter dem Vorschub wirtschaftlicher Überlegungen im Begriff, die „gleitende“ Arbeitswoche durch- und damit die Sonntagskultur ganz aufs Spiel zu setzen. Jedem seine Ruhetage an anderen Tagen der Woche! Das zerstört Familien, fördert Streit unter Nachbarn, von denen der eine ruht und der andere die Bohrmaschine brummen lässt, und das schafft Probleme für Vereine, Theater, Orchester und andere Kulturträger.

Sonntagsarbeit und Sonntagsöffnungszeiten sollten deshalb nur nach strengster Prüfung zugestanden werden, und zwar lediglich dort, wo es nicht zu vermeiden ist. Alles, was darüber hinausgeht, laugt den Sonntag aus. Eine große kulturelle und soziale Errungenschaft, die sich in 1700 Jahren mehr als bewährt hat, droht zu sterben für ein Linsengericht.


Der Autor Karl Heinz Hock

Karl Heinz Hock wurde am 13. Dezember 1930 in Rüdesheim am Rhein geboren. Seine journalistische Laufbahn begann im Rheingau. Von 1963 bis 1980 leitete er das Büro der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Mainz, war landespolitischer Korrespondent für Rheinland-Pfalz und fungierte vier Jahre lang als Sprecher der Landespressekonferenz. Zwischen 1980 und 1986 arbeitete er als stellvertretender Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung, Mainz. Danach wirkte er bis Mitte 1997 als Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn. Während dieser Zeit hatte er den Vorsitz des von Nachrichtenagenturen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Belgien getragenen „Centrum informationis catholicum“ in Rom inne. Heute arbeitet er als freier Journalist. Karl Heinz Hock erhielt unter anderem das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und das vom Papst verliehene Komturkreuz des Gregoriusordens.

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Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler