Eva („Evita) Perón: Die Frau, die in Argentinien zur Legende wurdeKategorie: Politik Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Argentiniens am meisten verehrte Politikerin war die Sängerin, Rundfunksprecherin, Filmschauspielerin und Präsidentengattin Eva („Evita“) Perón (1919–1952), geborene Eva María Ibarguren. Als „First Lady" tat sie sich als Vorkämpferin für die sozialen Rechte der Besitzlosen und für die politischen Rechte der Frauen in Argentinien hervor. Sie starb früh an einer unheilbaren Krankheit.
Eva María Ibarguren erblickte am 7. Mai 1919 als eines von fünf unehelichen Kindern des Landwirts Juan Duarte und seiner Geliebten Juana Ibarguren in Los Toldos (Provinz Buenos Aires) das Licht der Welt. Ihr Vater hatte nebenher noch eine „richtige“ Familie mit seiner Ehefrau. Eva nahm später den Familiennamen Duarte ihres Vaters an.
Der Vater, der die Mutter und die gemeinsamen Kinder finanziell unterstützt hatte, starb, als Eva sechs Jahre alt war. Danach erlebte sie eine entbehrungsreiche Kindheit. Nur vorübergehend besuchte sie eine höhere Schule in Junin. Mit zwölf versprach Eva ihrer Schwes-ter: „Ich werde Schauspielerin oder Präsidentin“. Sie sah sich im Kino drei Filme hintereinander an, schnitt aus Zeitschriften die Storys über Stars aus und aß wenig, weil sie nicht so dick wie ihre mollige, jedoch vitale Mutter werden wollte.
Im Alter von 17 Jahren zog Eva Duarte mit dem Tangosänger Magaldi in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires. In der Folgezeit hatte sie zahlreiche Liebhaber. Ihr Debüt auf der Bühne feierte sie als Dienstmädchen in einem Theaterstück, in dem ihr erster Satz lautete: „Es ist serviert“.
Danach hörte man Eva Duarte am Nachmittag in Seifenopern des Rundfunks, bei denen meistens arme Dienstmädchen vom Lande den Sohn ihres Herrn eroberten. Ihre schrille und gebrochene Stimme brachte die armen Frauen zum Weinen und die reichen zum Lachen. Es folgten Auftritte in Werbespots, Reklamefotos und Berichte in Klatschmagazinen.
Im September 1942 meldete eine Zeitschrift, „die berühmte Schauspielerin Eva Duarte“ werde die Hauptrolle in einer Programmreihe von Radio Belgrano übernehmen und große Frauen der Weltgeschichte spielen. Dies bedeutete den Durchbruch, die Serie entwickelte sich zur Kultsendung, und Eva Duarte, die sich jetzt „Evita“ nannte, erlangte nationalen Ruhm.
Bei einer Kundgebung im Februar 1944 zugunsten von Erdbebenopfern begegnete die 24-jährige Eva Duarte dem damals doppelt so alten verwitweten Oberst Juan Domingo Perón (1895–1974), der eine Vorliebe für frühreife Mädchen hatte. Seine Geliebte vor „Evita“ war minderjährig. Später behauptete er, Eva sei dünn gewesen, habe dünne Beine und dicke Fesseln gehabt, nicht ihr Äußeres, sondern ihre Güte habe ihn angezogen.
Bei einer Staatskrise im Jahre 1945 verlor Perón sein Amt als Vizepräsident, Kriegs- und Arbeitsminister. Man sperrte ihn ein, und „Evita“ durfte nicht mehr in Rundfunksendungen auftreten. Dagegen liefen die Arbeiter Sturm und sangen auf den Straßen „Oligarcas a otra parte, viva el macho de Eva Duarte“ („Weg mit den Oligarchen, es lebe der Mann von Eva Duarte“). Neun Tage nach Peróns Absetzung legten Hunderttausende bei einem Generalstreik die Arbeit nieder, bis der freigelassene Gefangene zu ihnen sprach.
Weihnachten 1945 heiratete der 50 Jahre alte Juan Domingo Perón die 26jährige Eva Duarte. Im Mai 1946 wurde „Evita“ durch die Wahl ihres mittlerweile zum General beförderten Gatten zum Präsidenten zur „First Lady“ Argentiniens. Von da ab wuchs ihr politischer Einfluss in zunehmendem Maße.
Mit diktatorischen Mitteln betrieb Juan Domingo Perón eine Politik des sozialen Ausgleichs mit Umverteilung von oben nach unten. Außerdem förderte er die Industrialisierung und Nationalisierung der Wirtschaft. Presse- und Meinungsfreiheit legte er massive Einschränkungen auf. Das Herrschaftsmodell der Peróns wurde unter anderem als Sozialfaschismus bezeichnet.
Ungeachtet der Proteste konservativer Kreise und des großen Unbehagens in der Armee kämpfte Eva Perón für die sozialen Rechte der Besitzlosen in Argentinien, der so genannten „Descamisados“ („Hemdlosen“). Außerdem tat sie sich als Vorkämpferin für die politischen Rechte der Frauen hervor.
Kurz vor ihrer Europareise im Sommer 1947 forderten Eva Peróns politische Gegner ihren Rücktritt von allen Ämtern. In Spanien wurde sie von Staatschef General Francisco Franco (1892–1975) empfangen. Die Peróns hatten immer eine gefährliche Nähe zu den Faschisten. In Rom gewährte Papst Pius XII. (1876–1958) „Evita“ eine Sonderaudienz.
Eva Perón gründete ein soziales Hilfswerk, das durch den Bau von zahlreichen Sanatorien, Krankenhäusern, Altersheimen, Schulen, Kinderheimen und Ferienkolonien in Argentinien beispiellos war. Außerdem schenkte sie den Frauen das Wahlrecht, errichtete Frauenzentren und Zufluchtsheime für Dienstmädchen und hob die Frauenpartei „Partido Perónista Femenino“ aus der Taufe. Die Frauenpartei und die Gewerkschaft CGT wurden zu wichtigen Stützen der Peróns. Als Gegenleistung wurde ihnen widerspruchslose Gefolgschaft abverlangt.
Die Methoden, mit denen „Evita“ Spenden eintrieb, waren teilweise etwas zweifelhaft. Wer nicht freiwillig gab, wurde massiv bedroht und diffamiert. Andererseits galt „Evita“ als sehr verschwendungssüchtig. Sie erklärte dies unter anderem damit, sie habe der Oberschicht deutlich machen wollen, dass auch Bauernmädchen mit Stil Garderobe von Dior tragen könnten. Vor allem für Schmuck gab sie bzw. der Staat ein Vermögen aus.
Auf Drängen der Gewerkschaften erklärte sich Eva Perón Mitte August 1951 dazu bereit, bei den Präsidentenwahlen am 11. November 1951 für das Amt des Vizepräsidenten zu kandidieren. Doch am 31. August 1951 teilte sie im Rundfunk die Rücknahme ihrer Kandidatur mit. Am 29. September 1951 meldete ein ärztliches Bulletin eine ernstliche Erkrankung „Evitas“ infolge fortgeschrittener Anämie.
Mitte Oktober 1951 erschienen Eva Peróns Lebenserinnerungen unter dem Titel „Der Sinn meines Lebens“ in einer Auflage von 300000 Exemplaren, der höchsten, die bis dahin ein Buch in spanischer Sprache erreicht hatte. Das Werk verherrlichte die Person des Präsidenten Juan Domingo Perón und sein Regime.
Anfang 1952 verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Erkrankten zunehmends. Am 26. Juli 1952 erlag Eva Perón im Alter von nur 33 Jahren in Buenos Aires an Unterleibskrebs, was in Argentinien große Trauer auslöste. Am Abend von „Evitas“ Todes kam es aber auch vor, dass Angehörige der Oberschicht Champagnerflaschen köpften, während das Hauspersonal mit den Tränen kämpfte.
Zu Ehren der Verstorbenen wurde die Stadt La Plata in „Eva Perón“ umbenannt. Man bestattete die Tote provisorisch im Hauptquartier der Gewerkschaften und plante ihre Überführung in ein gewaltiges Mausoleum. Letzterer Plan scheiterte allerdings wegen Juan Domingo Peróns Sturz im Jahre 1955. Danach entfernte man den Leichnam aus dem Hauptquartier der Gewerkschaften und hielt seinen Verbleib geheim, da Eva Perón über ihren Tod hinaus politische Bedeutung besaß.
1959 schilderte der deutsche Schriftsteller Jürgen Thorwald in seinem Bericht „Aller Ruhe auf Erden“ die letzten Lebenswochen von Evita Perón. Demnach war die Ehe „Evitas“ mit Perón längst zerrüttet und wurde nur nach außen hin als intakt dargestellt. Nachdem sie sich schon längere Zeit nur noch durch Reizgifte aufrechterhielt, hat eine Untersuchung durch international anerkannte Spezialisten die Bestätigung der unheilbaren, weit fortgeschrittenen Krebserkrankung gebracht.
Am 3. September 1971 wurde die Leiche Eva Peróns auf Anordnung der argentischen Regierung nach Madrid, dem Wohnsitz des Exdiktators, überführt. Dies bewog den perónistischen Gewerkschaftsverband CGT, zu einem Gedächtnisstreik aufzurufen, der jedoch verboten wurde. Danach lag „Evita“ 16 Jahre lang unter falschem Namen auf einem Friedhof in Italien.
21 Jahre nach dem Tod von Eva Perón hörte Tim Rice im Autoradio einen Bericht über Juan Domingo Perón. Dabei kam er auf die Idee, ein Musical über das Leben „Evitas“ zu schreiben, zu dem Andrew Lloyd Webber die Musik komponierte. 1997 wurde dieses Musical mit den Superstars Madonna und Antonio Banderas verfilmt. Auch in Argentinien setzte ein erneuter „Evita“-Boom ein, der die problematischen Seiten der Regierungsweise der Peróns in Vergessenheit geraten ließ.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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