Jeanne d’Arc: Die französische NationalheiligeKategorie: Religion Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als Retterin und Nationalheilige Frankreichs ging die heilige Jeanne d’Arc (1412–1431), die sich selbst „Jeanne la Pucelle“ („Johanna die Jungfrau“) nannte, in die Geschichte ein. Unter ihrer Führung gelang es 1429 dem französischen Heer, das von den Engländern eingeschlossene Orléans zu befreien. Damit führte sie zugunsten der Franzosen die Wende im „Hundertjährigen Krieg“ (1337–1453) herbei, in dem der englische König seinen Anspruch auf den französischen Thron geltend machte.
Jeanne d’Arc kam am 6. Januar 1412 in Domrémy als Tochter des Bürgermeisters Jacques d’Arc zur Welt, der Mitbesitzer eines Schlosses war. Streng genommen kann man sie eigentlich nicht als Französin bezeichnen, weil Domrémy damals im lothringischen Herzogtum Baar lag, das erst ab 1766 zu Frankreich gehörte. Jeanne wurde von ihren Eltern religiös erzogen, lernte aber nie das Lesen und Schreiben.
Seit ihrem 13. Lebensjahr hörte Jeanne im Garten ihres Elternhauses die „Stimmen“ des heiligen Michael, der heiligen Katharina und der heiligen Margarethe, die sie dazu aufforderten, dem von den Engländern bedrängten französischen Thronfolger Karl VII. (1403–1461), dem Sohn des Königs Karl VI. der Wahnsinnige (1368–1422), zu helfen. Jeanne hielt die Erscheinungen mehrere Jahre lang geheim.
Im Februar 1429 sagte eine überirdische „Stimme“, Jeanne solle heimlich ihre Eltern und Geschwister verlassen, die von den Engländern umzingelte Stadt Orléans befreien und dem Thronfolger Karl VII. zur Krönung verhelfen. Die 17-Jährige bestieg ein Pferd, ritt zu einem älteren Vetter bei Vaucouleur und bat ihn, sie mit dem Ritter Baudricourt bekannt zu machen, von dem sie ein Empfehlungsschreiben für den König benötigte.
Mit dem Ritter sprach das Bauernmädchen so feurig und überzeugend über seine Mission, dass dieser dem Wunsch entsprach. Nach der Unterredung tauschte Jeanne ihren bäuerlichen roten Rock mit einem dunkelfarbenen Kriegsgewand und kürzte ihre Haare zu einer Pagenfrisur. Ein solcher Garderobenwechsel galt damals als etwas Unerhörtes und stand im Widerspruch zum Alten Testament.
Anschließend brach Jeanne mit zwei Begleitern nach Chinon auf, wo Kronprinz Karl VII. residierte. Zwei Tage nach ihrem Eintreffen wurde ihr am 6. März 1429 eine Audienz gewährt. Dabei erkannte sie den Thronfolger unter 300 Anwesenden sofort, obwohl er einen Adligen auf seinem Thron sitzen ließ und sich selbst unter die Höflinge begab, und trug ihre Mission vor.
Danach musste sich Jeanne nach Blois begeben, wo die Herzoginnen von Alençon ihre Jungfernehre bestätigten. Diese intime Prüfung erfolgte, weil sich Gott schon öfter durch eine unberührte Jungfrau dem Volk geoffenbart hatte und der Teufel mit keiner Jungfrau einen Pakt schließen konnte. Außerdem wurde Jeanne von Theologen in Poitiers drei Wochen lang in Augenschein genommen, die jedoch keine Bedenken äußerten.
Am 23. April 1429 brach Jeanne mit einem kleinen Heer von Tours nach Orléans auf und erschien am 28. April 1429 vor den demoralisierten französischen Soldaten. Sie ließ im Lager sämtliche Dirnen entfernen, forderte von den Soldaten eine Generalbeichte, feuerte sie in der Schlacht an, wurde einmal von einem Pfeil in der Schulter getroffen, zog ihn heraus und kämpfte weiter. Bereits nach wenigen Tagen konnten die Franzosen die Engländer verjagen und Orléans nach sechsmonatiger Belagerung befreien.
Es folgten weitere militärische Erfolge der Franzosen, die fast an Wunder grenzten. In einem „Blitzkrieg“ wurden eine Stadt und eine Festung nach der anderen zurückerobert. Am 17. Juli 1429 führte Jeanne den 26-jährigen Thronfolger Karl VII. in das von den Engländern befreite Reims, wo man ihn in der Kathedrale zum König salbte und krönte. Sie kniete vor ihm nieder und sagte: „Edler Herr, jetzt ist Gottes Wille vollbracht“.
Bei weiteren Kämpfen war Jeanne das Glück weniger hold, weil sie bei ihren Unternehmungen vom König keine ausreichende Unterstützung erhielt. Die von ihr geplante Rückeroberung von Paris schlug fehl. Wegen Geldmangel löste man das Heer kurzerhand auf.
Am 23. Mai 1430 wurde Jeanne d’Arc beim Versuch, mit einer kleinen Streitmacht der stark bedrohten Stadt Compiègne beizustehen, von einer gegnerischen Übermacht zurückgedrängt. Sie konnte noch bis zum Festungsgraben von Compiègne flüchten, doch die Soldaten in der Stadt zogen aus Angst vor den Angreifern die Brücke hoch. Ein feindlicher Bogenschütze riss Jeanne vom Pferd, und sie geriet in die Gefangenschaft der Burgunder.
Der undankbare König Karl VII. unternahm nichts, um die Retterin Frankreichs zu befreien, sondern überließ sie schmählich ihrem Schicksal. Die Burgunder beschlossen, Jeanne für eine hohe Geldsumme an die mit ihnen verbündeten Engländer auszuliefern. Als Jeanne dies erfuhr, unternahm sie verzweifelt einen Fluchtversuch, stürzte sich von einem 20 Meter hohen Turm und blieb bewusstlos am Boden liegen.
Die Engländer steckten Jeanne in einen Eisenkäfig, ketteten sie an Hals, Füßen und Händen an einen schweren Block und ließen sie ununterbrochen von fünf Kriegsknechten bewachen. Jeanne wurde vor einem aus 60 Geistlichen bestehenden Inquisitionsgericht angeklagt und drei Monate lang verhört. Man warf ihr das skandalöse Tragen von Männerkleidung und die nach Art der Sklaventreiber kurz geschnittenen Haare sowie ihre Visionen und ihre Stimmen vor.
Unter Leitung des Bischofs von Beauvais, Pierre Cauchon (um 1371–1442), der im Dienst der Burgunder stand, wurde Jeanne wegen Hexerei und Ketzerei verurteilt. Angesichts des drohenden Flammentodes unterschrieb sie einen Widerruf und wurde zu ewiger Kerkerhaft begnadigt. Doch wenig später bereute sie dies und erklärte, sie habe das, was auf dem Widerruf stand, nicht begriffen. Damit war ihr Schicksal endgültig besiegelt.
Am Morgen des 30. Mai 1431 führte man die 19-jährige Jeanne in Rouen zum Scheiterhaufen. Sie kniete nieder und betete eine halbe Stunde lang, wobei Tränen aus ihren Augen strömten. Ihr letzter Wunsch war ein Kreuz, das ein englischer Soldat rasch aus zwei Holzstäben anfertigte. Dieses Kreuz küsste sie, verbarg es an ihrer Brust, bestieg den Scheiterhaufen und wurde an einen Pfahl gebunden. In den lichterloh auflodernden Flammen schrie sie „Jesus, Jesus“, bevor sie erstickte und verbrannte.
Am 7. Juli 1456 hob Papst Kalixt III. (1378–1458) in einem neuen kirchlichen Prozess das Urteil gegen Jeanne d’Arc auf. 1909 wurde sie selig- und am 16. Mai 1920 von Papst Benedikt XV. (1851–1922) heilig gesprochen sowie zur zweiten Patronin Frankreichs erklärt. Der Gedenktag der französischen Nationalheiligen fällt jeweils auf den ersten Sonntag nach dem Fest Christi Himmelfahrt.
Heute erinnern in Nachbarschaft der Hinrichtungsstätte in Rouen eine Gedenkstätte und die 1979 eingeweihte Kirche Sainte-Jeanne-d’Arc an das tapfere Mädchen aus Domrémy. In Orléans steht ein großes Reiterstandbild von ihr an der Place du Martroi.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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