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Alva Myrdal: Schwedens große Sozialreformerin
Kategorie: Politik
Veröffentlicht von: Ernst Probst


Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Die erste Abrüstungsministerin der Welt und Schwedens bedeutendste Sozialreformerin war die Politikerin Alva Myrdal (1902–1986), geborene Reimer. Auf ihre Anregung gehen zahlreiche soziale Errungenschaften ihres Heimatlandes zurück. Sie war die einzige Frau, die mehr als ein Jahrzehnt lang an der Genfer Abrüstungskonferenz teilnahm. Ihre Leistungen wurden mit dem „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ und mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt.

Alva Reimer wurde am 31. Januar 1902 als ältestes von fünf Kindern des Bauunternehmers und aktiven Sozialdemokraten Albert Reimer sowie seiner Frau Lowa in Uppsala geboren. Ihr technikbegeisterter Vater gab ihr wegen seiner Wertschätzung für den amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison (1847–1931) den männlichen Vornamen Alva. Die Familie Reimer wohnte jahrelang in Neubauten, die der Vater errichtet hatte, bevor sie sich bei Eskilstuna niederließ und nebenbei einen kleinen Bauernhof bewirtschaftete.

Nach Abschluss der Hauptschule und einjährigem Besuch der Handelsschule arbeitete die 15-jährige Alva Reimer im Rechnungsamt der Stadt Eskilstuna als Kassiererin. Nebenbei lernte sie Englisch und las schwedische Literatur. 1919 begegnete die 17-jährige dem 21 Jahre alten Studenten Gunnar Myrdal (1898–1987). Sie bestand 1922 ihr Abitur und studierte Literaturgeschichte, nordische Sprachen und Religionsgeschichte in Stockholm. In jenem Jahr erlitt sie eine erste Fehlgeburt, der später weitere folgten.

1924 heiratete Alva Reimer den inzwischen am Stadtgericht Stockholm arbeitenden Juristen Gunnar Myrdal. 1927 kam ihr gemeinsamer Sohn Jan zur Welt. 1929 erhielten Alva und Gunnar ein Stipendium des Rockefeller-Instituts für einen Studienaufenthalt in den USA. Deswegen ließen sie ihren zweijährigen Sohn Jan bei den Großeltern zurück, mit dem sie später nie wieder einen innigen Kontakt fanden. Nach ihrer Rückkehr traten sie 1932 der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Schwedens“ bei.

Zwischen 1932 und 1934 arbeitete Alva Myrdal in einem schwedischen Gefängnis. Bis 1934 studierte sie in Großbritannien, Deutschland, in den USA und in der Schweiz die Fächer Psychologie, Pädagogik, Philosophie und Statistik. 1934 gebar sie ihre Tochter Sissela und promovierte sie in Pädagogik.

Heftig diskutiert wurde Alva und Gunnar Myrdals 1934 publiziertes Buch „Kris i befolkningsfragen“ (1934, „Krise der Bevölkerungsfrage“), das in die Annalen der Sozialwissenschaften einging. Die beiden Autoren unterbreiteten darin Vorschläge zur Reformierung der Gesellschaft in Schweden, wo die Geburtenziffern drastisch zurückgegangen waren und eine Überalterung drohte.

Ab 1935 erstellte Alva Myrdal für die schwedische Regierung fundierte Sachverständigengutachten in Erziehungsfragen. Seit dieser Zeit arbeitete sie in nationalen und internationalen Frauenverbänden in leitender Funktion mit und war Mitglied vieler Kommissionen für Erziehungsreform, Jugendfürsorge und Versorgung von Invaliden.

Die Interessen von Alva Myrdal galten den Kindern sowie der Doppelrolle von Frauen und Müttern. Schon in den 1930-er Jahren sagte sie mit Blick auf die wachsende Industriegesellschaft voraus, Frauen müssten wachsenden Anteil an dem bis dahin vornehmlich „männlichen“ Berufsleben haben, es gelte rechtzeitig neue Voraussetzungen für Haus und Familie zu schaffen. Sie setzte sich für Veränderungen ein, die sozialistische – nach Auffassung ihrer Kritiker sogar kommunistische – Züge trugen.

Unter Alva Myrdals Leitung entstanden in Schweden die ersten Elternkurse, die das mangelnde Verständnis für hochbegabte Kinder mildern sollten. Außerdem regte sie Kollektivheime mit hotelartigen Serviceleistungen an, in denen kinderreichen Familien ein großer Teil der Hausarbeit abgenommen werden sollte. Damit wollte sie Frauen gleichzeitig Mutterschaft und Berufstätigkeit ermöglichen. Zudem gründete sie in Stockholm das erste sozialpädagogische Seminar zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen.

1936 brachte Alva Myrdal ihre Tochter Kaj zur Welt und erschien ihre Schrift „The Missing Father“ („Der fehlende Vater“). Von 1936 bis 1948 war sie Direktorin des von ihr gegründeten „Sozialpädagogischen Seminars“ in Stockholm. Außerdem wirkte sie von 1936 bis 1938 und von 1940 bis 1942 als Präsidentin der schwedischen Landesvereinigung berufstätiger Frauen und von 1938 bis 1947 als Präsidentin des „Internationalen Bundes berufstätiger Frauen“.

1938 erhielt Gunnar Myrdal einen Forschungsauftrag der amerikanischen Carnegie-Stiftung: Er sollte die „Negerfrage“ in den USA analysieren und praktische Lösungsvorschläge erarbeiten. Seine Frau folgte ihm mit den drei Kindern und half ihm bei der Arbeit. 1940 kehrte das Ehepaar nach Schweden zurück, 1941 ging es erneut in die USA. 1944 erschien Alva Myrdals wichtiges Werk „Folk och familje“.

1945 lehnte Alva Myrdal eine Nominierung zur Erziehungsministerin in Schweden ab. Im selben Jahr wurde ihr Mann schwedischer Handelsminister. 1946 verzichtete Alva aus familiären Gründen darauf, Direktorin der „United Nations Educational Scientific and Cultural Organization“ (UNESCO) zu werden. 1947 wechselte die Familie nach Genf, wo Gunnar als Chef der Wirtschaftskommission der „United Nations“ (UN) tätig war.

1949 ging Alva Myrdal ohne ihre Familie nach New York, um dort den dritthöchsten Posten der UN als Direktorin des „Sozialen Amtes“ anzutreten. Sie ließ ihren Mann Gunnar sowie die von einem schwedischen Kindermädchen betreute 15-jährige Tochter Sissela und den 13-jährigen Kaj in Genf zurück. Der Sohn Jan führte damals bereits sein eigenes Leben.

Von 1951 bis 1955 arbeitete Alva Myrdal als Direktorin der Abteilung für Sozialwissenschaften der UNESCO in Paris. Nun war sie nur noch „eine Nachtzugfahrt“ von ihrer Familie in Genf entfernt. Von 1955 bis 1961 wirkte sie als schwedische Botschafterin in Indien, Ceylon, Birma und Nepal. Während der Sommermonate lebte sie bei ihrem Mann in Europa und dieser besuchte sie in den Zwischenzeiten.

Von 1962 bis 1970 gehörte Alva Myrdal dem schwedischen Reichstag an. Zwischen 1962 und 1973 nahm sie als einzige Frau unter 67 Männern an der Genfer Abrüstungskonferenz teil. 1964 entwickelten Alva und Gunnar Myrdal die Idee für das „Internationale Institut für Friedensforschung“ (SIPRI), das 1966 eröffnet wurde. Von 1967 bis 1973 war Alva Ministerin für Abrüstungsfragen und von 1969 bis 1973 Ministerin für kirchliche Angelegenheiten.

1970 bekamen Alva und Gunnar Myrdal den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“. 1973 ging Alva in Pension. 1974 erhielt Gunnar Myrdal zusammen mit Friedrich von Hayek den „Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften“. Im Dezember 1982 verlieh man Alva Myrdal und dem mexikanischen Diplomaten Alfonso Garcia Robles den Friedensnobelpreis. Mit dem Friedensnobelpreis ist ihr Engagement für die atomare Abrüstung gewürdigt worden. Sie war die siebte Frau, der man diese Auszeichnung zusprach.

1984 musste Alva Myrdal wegen eines Hirntumors, dessen Wachstum mehrere Operationen nicht stoppen konnten, ihre Arbeit aufgeben und in ein Alterspflegeheim ziehen. Sie litt ständig an Kopfschmerzen und verlor ihr Sprachvermögen und -verständnis. Am 1. Februar 1986 starb sie im Alter von 84 Jahren in Stockholm. Ihr erstgeborener Sohn Jan, der seit mehr als 15 Jahren ihre Briefe nicht beantwortete, erschien nicht zu ihrer Beerdigung. Die Tochter, Sissela Bok, würdigte die Mutter in dem Buch „Alva – Ett Kvinnoliv“ („Alva – ein Frauenleben“, 1988).

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Veröffentlicht von: Ernst Probst
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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler