Waltraud Klasnic: Die erste Landeshauptfrau der SteiermarkKategorie: Politik Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Die erste Frau, die zur Chefin einer österreichischen Landesregierung aufstieg, war die Politikerin Waltraud Klasnic, geborene Tschiltsch. Sie regiert seit 23. Januar 1996 als Landeshauptfrau die Steiermark. Damit krönte sie ihren kometenartigen Aufstieg vom armen Adoptivkind zu einer der erfolgreichsten Frauen Österreichs. Ihre Karriere ist ein Musterbeispiel dafür, dass Autodidakten es im Leben ebenso weit wie Akademiker bringen können.
Waltraud Tschiltsch kam am 27. Oktober 1945 als fünftes Kind ihrer Eltern in der steiermärkischen Landeshauptstadt Graz zur Welt. Bereits zwei Tage nach ihrer Geburt wurde sie von einem Ehepaar adoptiert, trug fortan den Familienamen Mlinaritsch und wuchs als Einzelkind auf. Ihre Adoptiveltern ließen sich später scheiden, danach lebte Waltraud mit ihrer „Mutter“ – so empfand sie es immer – in ärmlichen Verhältnissen in einer Baracke in Graz-Mariantrost.
Dank der Liebe und Fürsorge ihrer „Mutter“ verbrachte Waltraud Mlinaritsch – allen Geldsorgen zum Trotz – eine „wunderschöne Kindheit“. Als Zehnjährige arbeitete sie an Wochenenden in einem Gasthaus, wo sie Brezln verkaufte, Besteck abwischte und später Salat anrichten durfte. Dabei lernte sie, auch freundlich zu sein, wenn mal nicht alles gelang oder erst drei Mal zu schlucken, bevor sie eine Antwort gab.
Nach dem Besuch der Volks- und Hauptschule begann Waltraud Mlinaritsch 1960 ihr Berufsleben als kaufmännische Hilfskraft für Kinderbekleidung in einem Handelshaus. Damals machte sie erste Erfahrungen mit den Problemen eines Gewerbebetriebes und mit der Führung von Mitarbeitern, da sie bald für die Zusammenarbeit mit den Heimarbeitern zuständig war.
1963 heiratete die 18-jährige Waltraud Mlinaritsch den Angestellten Simon Klasnic und lebte mit ihm in Weinitzen bei Graz. Ab 1966 baute sie mit ihrem Mann ein Transportunternehmen auf und machte sogar den Führerschein für schwere Lastwagen. Aus der Ehe gingen die zwei Söhne Simon (geb. 1963) und Horst-Peter (geb. 1965) sowie die Tochter Michaela (geb. 1969) hervor.
1970 trat die 25-jährige Waltraud Klasnic, die von jeher ein sicheres Gespür für die Sorgen der „kleinen Leute“ hatte, der „Österreichischen Volkspartei“ (ÖVP) bei. Für die ÖVP saß sie von 1970 bis 1975 sowie von 1980 bis 1984 im Gemeinderat ihres Heimatortes Weinitzen.
Ab 1970 engagierte sich Waltraud Klasnic auch in der „Österreichischen Frauenbewegung“ (ÖFB). Am 8. März 1970 gründete sie in Weinitzen eine Ortsgruppe der ÖFB, die sie bis 1973 leitete. Von 1972 bis 1977 fungierte sie als Hauptbezirksleiterin der ÖFB von Graz und Umgebung, ab 1975 als stellvertretende Landesleiterin und von 1977 bis 1990 als Landesleiterin. Außerdem hatte sie von 1974 bis 1993 das Amt der Landesleiterin der „Katastrophenhilfe Österreichischer Frauen“ inne, die sie seit 1993 auf Bundesebene führt. 1975 wurde die vielseitige Frau auch Kammerrat der Wirtschaftskammer Steiermark und Obmannstellvertreterin des „Österreichischen Kinderrettungswerkes“.
1977 zog Waltraud Klasnic in Österreichs zweite Kammer, den Bundesrat, ein. 1981 verließ sie den Bundesrat und wurde Abgeordnete des Steiermärkischen Landtags, in dem die ÖVP nach dem Wahlsieg vom 4. Oktober jenes Jahres mit 30 von 56 Stimmen die absolute Mehrheit besaß. Am 18. Oktober 1983 wurde Waltraud Klasnic zur Dritten Landtagspräsidentin gewählt und mehrte in der Folgezeit dank ihrer Konsequenz und ihres Durchsetzungsvermögens weiter ihr Ansehen.
1988 trat Waltraud Klasnic das Amt der Landesrätin für Wirtschaft und Tourismus in der steiermärkischen Landesregierung an. Diesen verantwortungsvollen Posten übernahm sie als erste Frau in Österreich. Nach den Landtagswahlen am 22. September 1991, bei denen die ÖVP vier ihrer 1986 erhaltenen 30 Mandate verlor, erweiterte man das Schlüsselressort von Waltraud Klasnic noch um das Verkehrsreferat.
1993 wurde Waltraud Klasnic zur „Vizepräsidentin des Österreichischen Wirtschaftsbundes“ gewählt, bei dem sie ab 1990 bereits Landesgruppenobfrau gewesen war. Im Oktober 1993 stieg sie zur Stellvertreterin des steiermärkischen Landeshauptmanns Josef Krainer auf. Einen weiteren Höhepunkt ihrer politischen Karriere erlebte sie auf dem ÖVP-Parteitag am 22. April 1995, als man sie zur Stellvertreterin des Bundesparteiobmanns Wolfgang Schüssel wählte.
Bei den Landtagswahlen am 17. Dezember 1995 erhielt die ÖVP nur noch 36,3 Prozent der Stimmen und lag somit fast gleichauf mit der „Sozialistischen Partei Österreichs“ (SPÖ) mit 36 Prozent. Noch am Wahlabend trat Josef Krainer nach 15-jähriger Amtszeit als Landeshauptmann wegen dieser Niederlage zurück, um einen konstruktiven Neuanfang zu ermöglichen. Einen Tag später nominierte der ÖVP-Landesvorstand in geheimer Abstimmung Waltraud Klasnic als Nachfolgerin von Krainer.
Am 23. Januar wurde Waltraud Klasnic von den 21 Abgeordneten der ÖVP sowie mit den Stimmen der „Freiheitlichen Partei Österreichs“ (FPÖ) mit zehn und des „Liberalen Forums“ (LIF) mit zwei Sitzen zur ersten weiblichen Regierungschefin eines Bundeslandes in Österreich gewählt. Noch am selben Tag legte Josef Krainer auch die Parteiführung nieder, womit Waltraud Klasnic am 9. März 1996 auch Obfrau der steiermärkischen ÖVP wurde. Eine Zeitung druckte daraufhin die Schlagzeile „Die Steiermark wird weiblich“.
In einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“ im Oktober 1997 erklärte Waltraud Klasnic, Dienen sei für sie die wichtigste Tugend. Ansonsten hielte sie Geduld und Güte für wichtig, auch wenn dies viel Kraft erfordere.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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