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Marie Juchacz: Die Arbeiterwohlfahrt war ihr Werk
Kategorie: Politik
Veröffentlicht von: Ernst Probst


Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Als erste Frau, die in einem deutschen Parlament das Wort ergriff, ging die Politikerin Marie Juchacz (1879–1956), geborene Gohlke, in die Annalen der deutschen Geschichte ein. Die Sozialdemokratin hielt 1919 in der „Deutschen Nationalversammlung“ in Weimar eine Rede. Der Name von Marie Juchacz ist vor allem mit der Arbeiterwohlfahrt verbunden, die 1920 unter ihrer Leitung gegründet wurde.

Marie Gohlke kam am 15. März 1879 in Landsberg an der Warthe (damals Mark Brandenburg, heute Polen) als Tochter des Zimmerermeisters Theodor Gohlke und seiner Frau Henriette zur Welt. Ihr älterer Bruder Otto wurde bereits 1871 geboren, ihre Schwester Elisabeth erst 1888. Vor Marie waren andere Kinder früh gestorben. Sowohl der Vater als auch die Mutter haben die Kinder ohne Schläge erzogen.

An ihre Schulzeit erinnerte sich Marie später weniger gern als an ihr Elternhaus zurück. Sie besuchte acht Jahre lang eine Volksschule, die nur vier Klassen umfasste: Die beiden untersten Klassen mussten je ein Jahr besucht werden, die dritte zwei Jahre und die oberste Klasse vier Jahre. In der obersten Klasse lernten alle Kinder denselben Stoff, der alljährlich wiederholt wurde, was Marie schrecklich langweilte.

Nach dem Verlassen der Volksschule versuchte Marie vergeblich, eine Lehrstelle als Verkäuferin zu finden. Zunächst arbeitete sie als Dienstmädchen, später bei den evangelischen Gemeindeschwestern im Haushalt. Als ihr Bruder einen Berufsunfall erlitt, ihr Vater gleichzeitig an Lungenentzündung erkrankte und das Einkommen der Familie nur noch insgesamt 4,50 Mark betrug, ging die 17-Jährige kurze Zeit in eine Fabrik, die allerlei Netze herstellte.

Anschließend verdiente Marie zweieinhalb Jahre lang als Wärterin in der Provinzial-Landesirrenanstalt zu Landsberg ihren Lebensunterhalt. Der Dienst dort begann um 5 Uhr morgens und endete um 21 Uhr abends. Jeden zehnten Tag folgte der 16-stündigen Dienstzeit noch eine Nachtwache von 21 bis 6 Uhr. Wenn die übermüdeten Wärterinnen am Sonntag mit den Pfleglingen zum Gottesdienst gingen, schliefen sie bei der Predigt ein. Damals erwog Marie ernsthaft, Diakonisse zu werden, folgte dann aber dem Rat der Eltern, das Weißnähen und die Schneiderei zu erlernen.

1901 heiratete Marie Gohlke den Schneidermeister Bernhard Juchacz (gest. 1922). Nach dem Scheitern ihrer Ehe zog sie Anfang 1906 mit ihren zwei Kindern und ihrer neun Jahre jüngeren Schwester Elisabeth (1888–1930) nach Berlin. Dort verdiente sie als Schneiderin durch Heimarbeit ihren Lebensunterhalt. Zusammen mit ihrer Schwester trat Marie Juchacz in den Frauen- und Mädchenbildungsverein sowie 1908 in die „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) ein.

1911 nahm Marie Juchacz als Delegierte bei der Reichsfrauenkonferenz in Jena (Thüringen) teil. Bald hatte sie sich als Politikerin einen so guten Ruf erworben, dass sie im März 1913 in Köln als Parteisekretärin für den Bezirk Obere Rheinprovinz eine Anstellung fand. In Köln wirkte auch ihre Schwester Elisabeth Röhl in der Wohlfahrts- und Kulturarbeit.

Im Frühjahr 1917 holte der SPD-Parteivorstand Marie Juchacz als Frauensekretärin nach Berlin zurück. Ihr oblag nun die Leitung des Referats Frauen und Schriftleitung der Monatschrift „Die Gleichheit“. Ihre Vorgängerin Luise Zietz (1865–1922) hatte sich wegen wegen der Haltung der SPD in der Kriegspolitik der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (USPD) zugewandt.

Am 19. Januar 1919 konnten deutsche Frauen, die durch die Novemberrevolution von 1918 das Wahlrecht erhalten hatten, erstmals von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen. Unter den 37 Frauen, die in die „Deutsche Nationalversammlung“ in Weimar einzogen, waren auch Marie Juchacz und Elisabeth Röhl. Damals erreichten die 37 weiblichen Abgeordneten – zusammen mit vier Nachrückerinnen - eine Frauenquote von 9,6 Prozent, die erst 1983 wieder erreicht wurde.

In der Nationalversammlung ergriff Marie Juchacz am 19. Februar 1919 als erste Frau das Wort. Sie sagte eingangs: „Meine Herren und Damen! Es ist das erstemal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat. ... Die Frauen besitzen heute das Ihnen zustehende Recht der Staatsbürgerinnen. Gemäß ihrer Weltanschauung konnte und durfte eine vom Volk beauftragte sozialistische Regierung nicht anders handeln, wie sie gehandelt hat.“

Von 1920 bis 1924 saß Marie Juchacz im Reichstag und arbeitete an vielen sozialpolitischen Gesetzen mit. Ihre Schwester Elisabeth Kirschmann-Roehl, die 1922 ihre zweite Ehe mit dem Redakteur, Ministerialrat und Reichstagsabgeordneten Emil Kirschmann (1888–1948) schloss, kam 1921 in den preußischen Landtag und avancierte zur Vorsitzenden des sozialpolitischen Ausschusses.

Die 1920 von Marie Juchacz mit aus der Taufe gehobene Arbeiterwohlfahrt betrieb Fürsorge durch Heime, Kindergärten, Beratungsstellen und Nähstuben. 1933 vernichteten die Nationalsozialisten die Arbeiterwohlfahrt, die als das Lebenswerk von Marie Juchacz gilt. Die SPD-Politikerin entzog sich der Verfolgung durch die Flucht in das damals noch unter dem Völkerbundsstatut stehende Saargebiet. Dort richtete sie auf der Bahnhofstraße in Saarbrücken ein Speisehaus ein, das sich zum Treffpunkt vieler politisch Verfolgter entwickelte.

Nach der Saarabstimmung am 13. Januar 1935, die den Anschluss der Saar an das Deutsche Reich zur Folge hatte, ging Marie Juchacz nach Mülhausen ins Elsass (Frankreich). 1940 flüchtete sie über Paris nach Südfrankreich, von wo aus sie 1941 mit einem Notvisum in die USA reiste. Dort hielt sie sich bis Herbst 1942 in Scattergood, einem Quäker-Heim, auf und lernte Englisch. Danach lebte sie in New York, wo sie sich bald im „Workman Circle“ engagierte, dessen Vorsitzende sie später wurde.

Da sie den Zusammenbruch Deutschlands ahnte, baute Marie Juchacz erneut eine Arbeiterwohlfahrt auf, die überlebenden Sozialisten der befreiten Länder Pakete schickte. Nach Kriegsende bat sie in Reden, Artikeln und Briefen um Hilfe für die hungernden deutschen Kinder. Dank ihres Engagements gelangten zahlreiche Lebensmittelsendungen nach Deutschland.

Marie Juchacz konnte durchsetzen, dass die im besetzten Deutschland 1945 wiedergegründete Arbeiterwohlfahrt mit den konfessionellen Hilfsorganisationen gleichberechtigt war. Nach ihrer Rückkehr Anfang Februar 1949 nach Deutschland nahm sie in Bonn als Ehrengast der SPD-Fraktion an der Hauptausschuss-Sitzung teil. Sie fungierte als Ehrenvorsitzende und wichtige Beraterin der Arbeiterwohlfahrt, wurde jedoch politisch nicht mehr aktiv. Auf vielen großen Konferenzen der Arbeiterbewegung nahm sie als Gast teil.

Die Arbeit von Marie Juchacz stand unter dem Motto „Wir dürfen nicht fragen, was bietet mir die sozialistische Bewegung, sondern was kann ich der sozialistischen Bewegung geben?“ 1955 erschien ihr nach langwieriger Arbeit entstandenes Buch „Sie lebten für eine bessere Welt“, in dem sie das Leben und Werk verstorbener Frauenpersönlichkeiten würdigte. Am 28. Januar 1956 starb Marie Juchacz im Alter von 76 Jahren in Düsseldorf.

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Veröffentlicht von: Ernst Probst
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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler