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Vigdís Finnbogadóttir: Die erste Staatspräsidentin Islands
Kategorie: Politik
Veröffentlicht von: Ernst Probst


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Erste Staatspräsidentin Islands war ab Sommer 1980 die Philologin und parteilose Politikerin Vigdís Finnbogadóttir. Die ehemalige Gymnasiallehrerin und Theaterdirektorin bekleidete dieses hohe Amt 16 Jahre lang. Im Herbst 1995 kündigte sie vor Ablauf ihrer vierten Amtszeit als Präsidentin ihren Verzicht auf eine weitere Kandidatur an. Sie sagte damals: „Ich höre auf, bevor ich die Lust verliere“.

Vigdís Finnbogadóttir wurde am 15. April 1930 in der isländischen Hauptstadt Reykjavík geboren. Ihr Vater Finnbogi Thorvaldsson war Bauingenieur und Universitätsprofessor. Ihre Mutter Asta Sigridur Eiriksdottir arbeitete als Krankenschwester und hatte 36 Jahre lang das Amt der Vorsitzenden der isländischen Krankenschwesternvereinigung inne. Der Name „Finnbogadóttir“ basiert darauf, dass auf Island die Frauen stets – ob ledig oder verheiratet – den väterlichen Vornamen mit dem Zusatz „dóttir“ („Tochter“) erhalten.

Nach dem Abitur studierte Vigdís Finnbogadóttir ab 1949 Französisch, Literatur und Dramaturgie an den Universitäten Grenoble und Paris (Sorbonne), anschließend Theatergeschichte an den Universitäten Kopenhagen und Reykjavík. Sie absolvierte das Examen und wurde Gymnasiallehrerin in Reykjavík.

Ehemalige Schüler – wie der spätere Bibliothekar Gudjon Jensson – erinnern sich gerne den Französischunterricht der Gymnasiallehrerin Vigdís Finnbogadóttir: „Sie war immer sehr nett, freundlich, für die Schüler ein Vorbild und brachte uns mit einer eindrucksvollen Methode französische Kenntnisse bei. Schon nach einem Monat war Französisch unser Lieblingsfach.“

Vigdís Finnbogadóttir engagierte sich in einer freien Theatergruppe, die sich vor allem der französischen Avantgarde verschrieben hatte. Im isländischen Fernsehen trat sie bei Kulturbeiträgen und Französisch-Kursen auf. Neben den skandinavischen Sprachen und Französisch beherrscht sie auch Englisch und Deutsch.

Am 23. Dezember 1954 heiratete Vigdís Finnbogadóttir den Arzt Dr. Ragnar Arinbjarnar, von dem sie 1963 geschieden wurde. 1961 demonstrierte sie gegen den US-Stützpunkt Keflavík auf Island, was ihr den Ruf einbrachte, „rot“ zu sein. 1974 sammelte sie Unterschriften gegen die andauernde Stationierung amerikanischer Truppen in ihrem Heimatland. Von 1972 bis 1980 leitete sie das Stadttheater von Reykjavík. Gleichzeitig dozierte sie über französische Literatur und Theatergeschichte an der Universität von Rekjavík.

Als Theaterdirektorin und Kennerin der isländischen Geschichte machte sich Vigdís Finnbogadóttir für die Inszenierung einheimischer Werke stark. Außerdem versuchte sie, isländische Literatur im Ausland bekannter zu machen und holte moderne Kunst des Auslands in ihr Heimatland. 1973 adoptierte sie ein Mädchen namens Astridur. Von 1976 bis 1980 war sie Mitglied des beratenden Kulturkomitees des „Nordischen Rates“ und ab 1978 dessen Vorsitzende.

Während des Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahl 1980 fragten konservative Isländer die geschiedene Kandidatin Vigdís Finnbogadóttir, wie sie sich das Repräsentatieren ohne Mann vorstelle. Darauf antwortete sie, sie denke gar nicht daran, sich einen Begleiter für Empfangszwecke zuzulegen, sondern werde diese Rolle allein übernehmen. Als man von ihr wissen wollte, wer bei offiziellen Essen am anderen Ende des Tisches sitzen sollte, meinte sie schlagfertig, das sei kein Problem, sie stelle runde Tische auf.

Die parteilose Vigdís Finnbogadóttir wurde am 29. Juni 1980 als Staatspräsidentin der rund 220000 Isländer gewählt. Sie setzte sich gegen drei männliche und ebenfalls parteilose Mitbewerber knapp durch. Zwischen ihr und dem früheren Universitätsrektor Gudlaugur Thorwaldsson lagen nur 1600 Stimmen oder 1,2 Prozent. Ihre politischen Gegenspieler meinten, ihr sei die Tatsache, dass sie eine Frau ist, sehr dienlich gewesen.

Am 1. August 1980 trat Vigdís Finnbogadóttir als erste Präsidentin in einem europäischen Land ihr Amt an. Sie übernahm damit die Nachfolge des 63-jährigen Kristjan Eldjarn, der früher Museumsdirektor war und nach zwölf Amtsjahren nicht mehr kandidieren wollte.

Danach bezog die mittelblonde 50-Jährige die Präsidentenresidenz auf der meistens sehr windigen Halbinsel Alftanes südlich von Reykjavík.

Als Staatsoberhaupt mahnte Vigdís Finnbogadóttir die Isländer ständig, die Identität der isländischen Sprache und Kultur zu wahren. Zudem machte sie sich für Erziehung und Bildung, die Wiederbegrünung der weitgehend kahlen Insel und für die Gleichberechtigung der Frauen stark. Sie hatte auch keine Schwierigkeiten, mit einfachen Leuten – wie Fischern und Bauern – Kontakt zu bekommen. Denn sie kannte sich bei ihnen aus, weil sie in jüngeren Jahren ihre Ferien häufig in Fischfabriken verbrachte.

Am 30. Juni 1984 ist Vigdís Finnbogadóttirs Amtszeit mangels eines Gegenkandidaten um vier Jahre verlängert worden. Die Präsidentschaftswahl im Juni 1988 gewann sie mit der überwältigenden Mehrheit von 92,7 Prozent der Stimmen gegen Sigrun Thorsteindottír von der „Partei des Menschen“. Im Juni 1992 wurde ihre Amtszeit erneut um vier Jahre verlängert, da sich kein Gegenkandidat fand.

Im Oktober 1995 kündigte Vigdís Finnbogadóttir als 65-Jährige ihren Verzicht auf eine weitere Präsidentschaftskandidatur an. Am 1. August 1996 wurde der ehemalige Finanzminister Òlafur Ragnar Grímsson von der Volksallianz, der bei den Präsidentschaftswahlen 40,9 Prozent der Stimmen erreichte, ihr Nachfolger.

Im Ruhestand befasste sich Vigdís Finnbogadóttir unter anderem mit der Übersetzung von Theaterstücken. Sie ist mehrfach von ausländischen Universitäten und Hochschulen mit dem Ehrendoktortitel ausgezeichnet worden.

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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler