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Bernadette Devlin: Die irische „Jeanne d’Arc“
Kategorie: Politik
Veröffentlicht von: Ernst Probst


Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Als jüngste Abgeordnete zog am 22. April 1969 – einen Tag vor ihrem 22. Geburtstag – die nordirische Bürgerrechtskämpferin Bernadette Devlin in das britische Unterhaus in Westminster (London) ein. Dort spendeten die Abgeordneten der mutigen jungen Frau donnernden Applaus. Bereits damals bezeichnete man sie respektvoll als irische „Jeanne d’Arc“ oder als „St. Bernadette“.

Bernadette Devlin wurde am 23. April 1947 in Cookstown (Grafschaft Tyrone) als Tochter eines Zimmermanns geboren. Ihre Eltern waren arm, streng katholisch und hatten insgesamt sechs Kinder. Der Vater las den Kindern anstatt Märchen die irische Geschichte vor und trug am Tag des Dubliner Osteraufstands von 1916 zur Erinnerung daran eine Lilie im Knopfloch. Er hasste Großbritannien, obwohl er in Nordirland aus politischen Gründen als unzuverlässiger Bürger galt, dort keine Arbeit bekam und deswegen seinen Lebensunterhalt in England verdienen musste.

Der Vater starb, als Bernadette erst neun Jahre alt war. Von da an musste die Mutter die Kinder mit einer knapp bemessenen Witwenpension ernähren. Da die Mutter weltfremd war, übernahmen bald die Kinder das Regiment in der Familie, die von der öffentlichen Unterstützung lebte. Bernadette Devlin sagte später: „Ich bin nicht Sozialistin auf Grund hochfliegender intellektueller Theorien geworden, das Leben hat mich zur Sozialistin gemacht“.

Bernadette besuchte in Dugannon die „Akademie von St. Patrick“, die von der ehrwürdigen Mutter Benignus, einer resoluten republikanischen Frau, geleitet wurde. Dort glänzte das Mädchen vor allem in gaelischer Sprache und war mehrfach Klassenbeste. Dank eines britischen Stipendiums studierte Bernadette zuerst keltische Sprache und später Psychologie an der Universität Belfast. Bereits damals wollte sie eines Tages das Leben in Nordirland irgendwie verbessern. Als Bernadettes Mutter 1967 starb, ermöglichten die Nachbarn dem Mädchen die Fortsetzung des Studiums.

1968 kam Bernadette Devlin an der Universität Belfast mit der radikal-sozialistischen „People’s Democrazy“ in Berührung und wurde deren Mitglied. Diese verbündete sich mit der Bürgerrechtsbewegung, um eine breitere Aktionsbasis zu erreichen. Im Sommer 1968 nahm Bernadette an Studentendemonstrationen in Belfast teil.

Bei einem Protestmarsch von Belfast nach Londonderry Anfang 1969 erlebte Bernadette Devlin, dass der Schlagstock eines Polizisten nicht ihren Kopf, sondern das Gesicht des neben ihr gehenden Kommilitonen traf. Geschockt und empört darüber stieg sie auf ein Pult und hielt ihre erste Rede.

Danach zog Bernadette Devlin ein Vierteljahr lang als Predigerin der Bürgerrechte durch den ländlichen Wahlkreis Mid-Ulster, der einen neuen Abgeordneten nach Westminster schicken musste. Obwohl sie der diskriminierten katholischen Minderheit angehört, forderte sie Katholiken und Protestanten auf, den alten Hader zu überwinden und sich dem Kampf für soziale Gerechtigkeit zuzuwenden. Bei der Wahl am 17. April 1969 ging sie als Siegerin hervor und fünf Tage später zog sie als jüngste Abgeordnete ins britische Unterhaus („House of Commons“) in London ein.

Im heißen irischen Sommer 1969 beteiligte sich Bernadette Devlin im August an den folgenschweren Demonstrationen im Slum-Distrikt Bogside von Londonderry. Auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen reiste sie in die USA, wo sie auf einer Vortragsreise neben viel Publicity für die Lage in Nordirland auch etwa 100000 US-Dollar sammeln konnte. Nach ihrer Rückkehr verurteilte man sie im Dezember 1969 im Zusammenhang mit den Augustunruhen — unter anderem wegen tätlicher Angriffe auf Polizisten – zu sechs Monaten Gefängnis. Im selben Jahr erschien auch ihre Autobiographie „The Price of my Soul“ (deutsch: „Irland: Religionskrieg oder Klassenkampf“, 1972).

Mitte Juni 1970 wurde Bernadette Devlin mit deutlicher Stimmenmehrheit erneut ins britische Unterhaus gewählt. Eine Woche später lehnte man ihre Berufung gegen ein Urteil wegen Störung einer Gemeinderatssitzung ab und verfügte ihren Strafantritt. Bernadette musste ins Frauengefängnis von Armagh, was Anlass für blutige Unruhen bot. Im Oktober 1970 entließ man sie vorzeitig aus viermonatiger Haft. Ihre Klage bei der Menschenrechtskommission in Straßburg wegen Verletzung ihrer Menschenrechte wurde im Februar 1971 abgewiesen.

Im August 1971 brachte Bernadette Devlin die Tochter Roísín zur Welt. Den Namen von deren Vater verriet sie nicht, woraufhin Boulevardblätter allerlei Gerüchte verbreiteten und bei der ledigen Mutter eine Reihe anonymer Briefe eingingen. Im Januar 1972 erregte sie nach blutigen Unruhen in Ulster großes Aufsehen, als sie den britischen Außenminister Reginald Maudling als „Mörder“ und „Heuchler“ beschimpfte und ihn tätlich angriff. Im Februar 1972 wurde sie wegen der Teilnahme an einem illegalen Protestmarsch erneut zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Im April 1973 heiratete Bernadette Devlin den Lehrer Michael McAliskey. Zur Verwunderung vieler Freunde und Anhänger, die um ihre Popularität bangten, nahm sie den Namen ihres Mannes an. Danach erklärte sie, sie habe ihre politische Karriere vorläufig beendet und wolle neue Kraft für ihren lebenslangen Kampf für den Sozialismus gewinnen. Aus der Ehe ging 1976 die zweite Tochter Deirdre McAliskey hervor.

Bernadette McAliskeys schwangere Tochter Roísín wurde am 20. November 1996 in ihrer Heimat, dem County Tyrone in Irland, verhaftet. Man beschuldigte sie, im Juni jenes Jahres an einem Anschlag auf eine britische Kaserne in Osnabrück beteiligt gewesen zu sein, bei dem erheblicher Sachschaden entstand. Nach Erkenntnissen deutscher Ermittler hinterließ sie Fingerabdrücke in dem Haus, in dem der Sprengsatz für den Anschlag hergestellt wurde. Dagegen verwiesen die Verteidiger Roísíns auf Zeugen, welche die junge Frau zum Zeitpunkt des Anschlages in Osnabrück in Nordirland gesehen haben wollen.

Roísín McAliskey wurde am 9. März 1998 auf freien Fuß gesetzt. Anschließend kam sie mit ihrem acht Monate alten Baby in eine psychiatrische Klinik. Eine Auslieferung an Deutschland lehnte mit Hinweis auf ihre Kindbett-Depressionen ab. Ihre Mutter zeigte sich auf die Nachricht von der Freilassung ihrer Tochter sehr erleichtert.

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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler