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Gro Harlem Brundtland: Die erste Regierungschefin Norwegens
Kategorie: Politik
Veröffentlicht von: Ernst Probst


Leseprobe von "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Norwegens erste Ministerpräsidentin war die Ärztin und Politikerin Gro Harlem Brundtland, geborene Harlem. Sie ist auch die erste Frau gewesen, die Vorsitzende der Arbeiterpartei ihres Heimatlandes und Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation in Genf wurde. Wegen ihres couragierten Eintretens für Europa zeichnete man die forsche und kühl-charmante Politikerin mit dem „Internationalen Karlspreis“ der Stadt Aachen aus.

Gro Harlem wurde am 20. April 1939 als Tochter des Arztes Gudmund Harlem in Oslo geboren. Sie wuchs im Osloer Stadtteil Uranienborg auf und engagierte sich bereits als Schülerin in der Jugendorganisation („Arbeidernes Ungdomsfylking“) der Arbeiterpartei („Det norske Arbeiderparti“, DNA). Später begann sie ein Medizinstudium in der norwegischen Hauptstadt. Ihr Vater war in den 1950-er und 1960-er Jahren in drei Kabinetten des Sozialdemokraten Einar Gerhardsen Sozial- bzw. Verteidigungsminister.

1960 heiratete Gro Harlem den Journalisten und Politikwissenschaftler Arne Olav Brundtland, dem sie im Laufe der Zeit vier Kinder gebar. Ihr Mann steht politisch auf der anderen Seite: Er gehört der konservativen „Høyre-Partei“ an.

Nach dem Staatsexamen als „Doktor der Medizin“ an der Universität Oslo 1963 studierte Gro Harlem Brundtland an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) weiter, promovierte und erwarb 1965 den Titel eines „Master of Public Health“. Dann kehrte sie wieder nach Norwegen zurück und arbeitete von 1965 bis 1967 im staatlichen Gesundheits- und Sozialministerium als Beraterin. 1968 stellte man sie als Gesundheitsbeamtin in der Osloer Stadtverwaltung an. 1970 wurde sie stellvertretende Direktorin an der Schule des Osloer Gesundheitsdienstes.

1974 wählte man Gro Harlem Brundtland in den Vorstand der Arbeiterpartei, wo sie sich vor allem um die Gesundheits- und Umweltschutzpolitik kümmerte. Der Chef des Minderheitskabinetts der Arbeiterpartei, Trygve Bratteli, berief sie 1974 als Umweltministerin in die Regierung. Dieses Amt stellte beim Übergang Norwegens zu einem Erdölland besondere Anforderungen an seine Inhaberin. Die Ministerin nahm ihre Aufgabe fünf Jahre lang mit einer Entschlossenheit wahr, die ihr weder bei der Industrie noch bei den Gewerkschaften viele Sympathien eintrug. Ihre Kritiker bezeichneten sie als schulmeisterlich, ihre Anhänger als willensstark.

1975 stieg Gro Harlem Brundtland zur stellvertretenden Vorsitzenden der Arbeiterpartei auf und wurde bald sehr populär, während die Partei selbst Verschleißererscheinungen zeigte. 1977 wurde sie in das norwegische Parlament (Storting) gewählt. Seit dem Herbst 1979 leitete sie zusammen mit dem 70-jährigen Trygve Bratteli die sozialdemokratische Stortingfraktion. Ab Oktober 1980 war sie Vorsitzende des Ausschusses für Außenpolitik und Verfassung.

Am 3. Februar 1981 löste die 41-jährige Gro Harlem Brundtland den zurückgetretenen Ministerpräsidenten Odvar Nordli ab. Damit war sie die erste Frau und der jüngste Politiker an der Spitze einer norwegischen Regierung. Im April 1981 übernahm sie von Reiulf Steen als erste Frau den Parteivorsitz. Bei den Wahlen am 13. und 14. September 1981 blieb die Arbeiterpartei zwar stärkste politische Kraft, doch 37,4 Prozent der Stimmen genügten nicht, um als Minderheitsregierung mit ausreichender Unterstützung rechnen zu können. Im Oktober 1981 gab es in Norwegen mit dem von Kåre Willoch geleiteteten Kabinett erstmals seit 1928 wieder eine konservative Regierung. Von Oktober 1981 bis Mai 1986 führte Frau Brundtland die Opposition an.

Von 1983 bis 1987 leitete Gro Harlem Brundtland im Auftrag der „United Nations“ (UN) als Vorsitzende die „World Commission for Environment and Development“ („Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“). 1987 sorgte sie mit ihrem Umweltreport „Unsere gemeinsame Zukunft“ weltweit für Aufsehen. Außerdem gehörte sie zu den Initiatoren der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro im Sommer 1992.

Nach den Wahlen im September 1985 stellte Willoch dank einer Koalition aus Konservativen, Christdemokraten („Kristelig Folkeparti“) und „Zentrumspartei“ („Senterpartiet“), erneut die Regierung, aber die Linksparteien, Arbeiter- und „Sozialistische Partei“ („Socialistisk Venstreparti“), hatten zusammen nur ein Mandat weniger als die Koalition erzielt. Als Willochs Wirtschaftsprogramm am 2. Mai 1986 mit 79 gegen 78 Stimmen abgelehnt worden war und er seinen Rücktritt angeboten hatte, nahm Gro Harlem Brundtland die Einladung des Königs zur Bildung einer neuen Regierung an und stellte am 9. Mai 1986 ihr 18-köpfiges Kabinett vor, dem acht Frauen angehörten.

Nach den Parlamentswahlen am 11. September 1989, die wegen der hohen Arbeitslosenquote für Konservative und Arbeiterpartei zu einem Fiasko wurden, trat Gro Harlem Brundtland mit ihrer Regierung zurück und machte einer Mitte-Rechts-Koalition unter Führung des Vorsitzenden der Konservativen, Jan Syse, Platz.

Als das Regierungsbündnis wegen der umstrittenen Frage einer Mitgliedschaft Norwegens bei der „Europäischen Gemeinschaft“ (EG) nach einem Jahr – 1990 – zerbrach, bildete Gro Harlem Brundtland zum dritten Mal eine Regierung. Im März 1991 waren laut Umfrage der Tageszeitung „Aftenposten“ 75,6 Prozent der Wähler mit der Regierungspolitik zufrieden.

Am 1. April 1992 bekannte sich Gro Harlem Brundtland bei einem Kongress in Ullensvang erstmals offiziell deutlich zur „Europäischen Gemeinschaft“. Dabei erklärte sie, Norwegens Interessen seien am besten durch die EG-Mitgliedschaft gesichert. Dadurch verlor die Arbeiterpartei viele Sympathien. 49 Prozent der Bevölkerung lehnten im Juni 1992 einen EG-Beitritt ab.

Auf dem Parteitag der Arbeiterpartei in Oslo am 6. November 1992 kündigte Gro Harlem Brundtland unter Tränen ihren Verzicht auf den Parteivorsitz an. Sie begründete dies damit, dass ihr die Doppelaufgabe als Regierungschefin und Parteivorsitzende nicht mehr genug Zeit für die Familie lasse. Ende September 1992 hatte sich ihr Sohn Jörgen das Leben genommen. Ihr Nachfolger als Parteivorsitzende wurde Thorbjørn Jagland.

Die verdienstvolle Arbeit von Gro Harlem Brundtland ist mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt worden: „Third World Prize for Work on Environment Issues“ (1989), „Friedensfrau des Jahres 1989“, „Pio Mannzu Centro“ (1989), Indira-Gandhi-Preis (1989), Dag-Hammarskjöld-Medaille (1991), Ehrenpreis der CARE International (1991), Internationaler Onassis-Preis (1992) und Joseph-Bech-Preis (1994). Im Mai 1994 erhielt Gro Harlem Brundtland als zweite Frau nach Simone Veil den „Internationalen Karlspreis“ der Stadt Aachen.

Ende November 1994 erlitt die engagierte Europäerin die größte politische Niederlage ihres Lebens: 52,2 Prozent der Norweger stimmten bei einem Referendum gegen den Beitritt ihres Landes zur EG. Am 23. Oktober 1996 gab Gro Harlem Brundtland ihren Rücktritt vom Amt der Ministerpräsidentin bekannt und schlug den Parteivorsitzenden Thorbjørn Jagland als ihren Nachfolger vor. Zwei Tage später reichte sie bei König Harald V. ihre Demission ein. Im Dezember 1996 kündigte Gro Harlem Brundtland an, sie werde sich aus der Politik zurückziehen und nicht mehr für den Storting kandidieren.

Am 13. Mai 1998 wurde Gro Harlem Brundtland bei der Konferenz der „World Health Organization“ (WHO, Weltgesundheitsorganisation) in Genf als erste Frau zur Generaldirektorin gewählt. Die 1948 gegründete WHO ist eine Sonderorganisation der „United Nations Organization“ (UNO, „Vereinte Nationen“) unter anderem zur Bekämpfung von Seuchen und Epidemien sowie zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung. 1998 stimmten von den Delegierten der 191 Mitgliedsstaaten der WHO 166 für die frühere norwegische Ministerpräsidentin.

Nach ihrer Wahl kündigte die neue WHO-Generaldirektorin größere Transparenz in der WHO und weltweite Verbreitung der Erkenntnis an, dass Investitionen in das Gesundheitswesen auch zu Fortschritten im wirtschaftlichen Bereichen führen. Der Teufelskreis „Krankheit führt zu Armut, Armut führt zu Krankheit“ müsse durchbrochen werden, erkärte sie. Als ihre Hauptziele bezeichnete sie den Kampf gegen die Malaria und gegen den Tabakkonsum sowie eine Reform der Organisation. Am 21. Juli 1998 trat sie ihr Amt als neue WHO-Generaldirektorin in Genf an.

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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler