Die Diskussion in der Reiterei ...Kategorie: Tiere Veröffentlicht von: Karl Schmatelka
Seit Jahren wird in der Reiterei immer wieder das gleiche Thema diskutiert: ist ein Pferd „lang-rund-und-tief“ oder „eng-und-oben-dran“ zu reiten? Wann ist das „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“ korrekt und wann spricht man von Hyperflexion?
Diese Diskussion lässt sich einfach entscheiden: Korrektes „In-die-Tiefe-reiten“ ist der richtige Weg zur Pferdeausbildung, da es sowohl die natürlichen Bewegungsabläufe des Pferdes, sein Gebäude, seine Muskulatur berücksichtigt und – bei korrekter Ausführung – auch die Gesunderhaltung des Tieres fördert.
Es ist jedoch nicht so einfach auszuführen und nicht bei allen Pferden mit der gleichen Methode zu trainieren. Viele Ausbilder und Reiter unterliegen leicht dem Trugschluss, dass die – im Erfolgsfall – Leichtigkeit der Bewegung auch mit der Einfachheit der Ausführung oder des Trainings gleich gesetzt werden kann.
Das regelmäßige Arbeiten des Pferdes „In-die-Tiefe“ umfasst nicht nur das Einüben der erforderlichen Bewegungsabläufe und das Erfühlen durch den Reiter, wann der Bewegungsablauf korrekt und damit gesundheitsfördernd vom Pferd ausgeführt wird. Es geht darüber hinaus auch um den Aufbau der Bauch- und Rückenmuskulatur, um die in der Turniersituation geforderten Lektionen korrekt ausführen zu können.
Gerade dem Aufbau der Bauch-/Rückenmuskulatur kommt dabei eine elementare Rolle zu, denn ein Pferd, dass nicht demgemäß korrekt „In-die-Tiefe“ geritten wird, entwickelt sogenanntes Kompensationsverhalten. Hierbei handelt es sich um die Entwicklung von Bewegungsabläufen, die sich das Pferd zur Vermeidung von Schmerzen oder Angstzuständen angewöhnt. Diese kommen durch falsches Training, falschen Muskelaufbau, fehlerhaften Sitz und Einwirkung etc. zustande. Zu erkennen ist ein solches Kompensationsverhalten – vor allem zu einem späteren Zeitpunkt auch von Laien – an Anzeichen wie z.B.:
· das Pferd ist fest im Rücken und bewegt sich nur steif / hölzern,
· es ist „kitzelig“ beim Putzen,
· widersetzlich beim Satteln (zu erkennen an angelegten Ohren, schlagen mit dem Schweif etc.)
· es ist unwillig beim Trensen, ...
· es verweigert vor dem Sprung,
· es führt verlangte Dressurlektionen nicht aus,
· es buckelt und geht in Stresssituationen durch,
· es beginnt, gegen die Hand und die Einwirkung des Reiters zu arbeiten,
· es kommt im extrem negativen Fall zu aggressivem Verhalten gegenüber Artge-nossen und im täglichen Umgang mit dem Menschen.
Durch dieses widersetzliche Verhalten des Pferdes wird häufig auch der Reiter aggressiv, da er nicht weiß, welche Ursachen dieses Verhalten auslösen und wie er das Verhalten des Pferdes ändern kann.
Für den weiteren Trainingsverlauf bedeutet dies, dass
· dass das Pferd nicht ausreichend gymnastiziert wird /werden kann,
· Hilfengebung, Sitz und Einwirkung des Reiters nicht eindeutig und unkorrekt erfolgen,
· Seine Hilfengebung nicht korrekt „durchkommen“, d.h. vom Pferd nicht verstanden und damit nicht umgesetzt werden können,
· Rücken- und Bauchmuskulatur des Pferdes nicht gefestigt sind und auch nicht trainiert werden, sondern lediglich versteifen.
Von dem Pferd werden ständig Bewegungsabläufe und Leistungen gefordert, die es aufgrund fehlender Muskulatur oder unklarer Hilfengebung gar nicht richtig ausführen kann und deshalb Schmerzen aushalten muss. In der Folge entwickelt das Pferd zuneh-mend psychische und physische Überlastungssymptome. Es versucht ständig, die auf-tretenden Schmerzen zu vermeiden (zu kompensieren) sowie seine Angst vor diesen Schmerz zu beherrschen. Die daraus resultierenden körperlichen Fehlhaltung führen zum Aufbau von Muskulatur an den falschen Stellen. Das Pferd verspannt und verkrampft sich, versucht – gemäß seiner Natur – zu fliehen, seinem Stress Luft zu machen etc. Die langfristigen Folgen sind dann gesundheitliche Probleme wie Reizungen / Entzündungen am Fesselträger, KissingSpines und vieles mehr.
Pferde mit Kompensationsverhalten nutzen demnach nicht ihre volle Leistungsfähigkeit da sie für die Kompensation Energie aufwenden müssen, durch falsche Körperhaltung ihre Muskeln verkrampfen und erforderliche Muskeln nicht einsetzen können. Vielmehr trainieren sie die für die Kompensation benötigten Muskelgruppen und bauen somit unnötige Muskelmasse an den falschen Körperstellen auf. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Muskulatur nahezu immer völlig verkrampft ist. Der Aufbau dieser Kompen-sationsmuskulatur ist somit für die geforderte Leistung kontraproduktiv.
Zum anderen beeinträchtigen kompensierende Bewegungsabläufe die saubere und korrekte Ausführung von Lektionen. Die klare, saubere und korrekte Ausführung eines – an sich dem Pferd angeborenen und damit natürlichen – Bewegungsablaufes wie z.B. dem Trab wird deutlich gestört und behindert durch eine verkrampfte Muskulatur, einer Überlastung von Sehnen und Bändern oder auch des Ilyosakralbereiches (Kreuz-darmbeinbereich). Das Pferd wirkt hölzern, tritt mit den Hinterbeinen kurz oder macht Taktfehler und benötigt zu Beginn des Trainings viel Zeit, um sich „einzulaufen“.
In einer Dressurprüfung führt dieses Verhalten unweigerlich zu schlecht ausgeführten Lektionen und damit zu Punktabzug, respektive sogar zum Prüfungsausschluss.
Im Protokoll stehen dann Bemerkungen wie: „nicht korrekt gerittene Übergänge“, „Widersetzlichkeit bei Paraden“, „nicht durchgesprungener Außengalopp“, „Stellungs- und Biegungsfehler“, „schlechte Serienwechsel“, „ausdruckslose Piaffe“ und andere Fehler.
1 Was geschieht, wenn die Ursachen für das Kompensationsverhalten beseitigt sind?
Ohne die oben angedeuteten Auslöser zeigen Pferde auch kein Kompensationsverhalten, so dass die Aufgabe darin besteht, die auslösenden Faktoren zu identifizieren und zu beseitigen. Als Folgen zeigen sich durchweg positive Veränderungen im Verhalten des Pferdes, die wiederum die Freude des Reiters an seinem Pferd und seinem Reitsport verstärken. Die zu erwartenden Verbesserungen lassen sich wie folgt grob skizzieren:
1. eine bessere Gesundheit des Pferdes
· die Ursachen für körperliche Schmerzen sind beseitigt, kompensierende Kör-perhaltungen oder –bewegungen sind nicht mehr nötig.
· Verkrampfungen der Muskulatur (Kompensationsmuskulatur) werden ver-mieden, Durchblutung der Muskulatur und Muskelaufbau werden verbessert,
· die Verletzungsrisiken für z.B. Fesselträgerentzündungen, Sehnenschaden werden deutlich reduziert,
· die Kosten für tierärztliche Behandlungen sinken spürbar.
2. eine Weiterentwicklung der Fähigkeiten des Reiters
· im Umgang mit seinem Pferd
· in der Beherrschung seines reiterlichen Handwerks
3. eine deutlich höhere Leistungsfähigkeit des Pferdes
· der Aufbau von Kompensationsmuskulatur und der Energieverbrauch durch die Beanspruchung dieser Muskulatur wird vermieden,
· das Training der natürlichen und benötigten Muskelgruppen führt zu deren Stärkung und Entwicklung,
· Kondition und Kraft des Pferdes nehmen zu.
4. eine bessere Ausführung von Lektionen
· die Qualität der Ausführung wird besser, da zum einen störende Bewegungs-abläufe fehlen, zum anderen die Konzentration des Pferdes weniger gestört ist,
· Turniererfolge stellen sich leichter ein.
2 Fazit
Pferde mit Kompensationsverhalten sind nicht in der Lage, alle ihre Fähigkeiten auszuspielen. In vielen Pferden steckt mehr Potential! Wir verlangen unseren Pferden meist ein sehr hohes Leistungsniveau ab. In der wahrscheinlich überwiegenden Zahl der Fälle wollen unsere Pferde das verlangte Niveau auch leisten. Die aufgezeigten Ursachen für Kompensationsverhalten verhindern dies jedoch in (zu) vielen Fällen.
Die skizzierte Situation hat somit Ähnlichkeit mit dem Fahren eines Autos mit gezogener Handbremse: wenn wir sie lösen, sparen wir nicht nur Sprit und Reparaturkosten (z.B. für die Bremse) sondern fahren hinterher auch noch schneller und bequemer.
Der Weg, die „Handbremse“ bei unseren Pferden zu lösen, mag etwas aufwendiger sein als bei unserem Auto. Dennoch lohnt es sich angesichts der erzielbaren Resultate.
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Veröffentlicht von: Karl Schmatelka Web: http://www.reitertipps24.com Kontakt: e-Mail
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