Benazir Bhutto: Die erste Regierungschefin PakistansKategorie: Politik Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als erste muslimische Regierungschefin sorgte von 1988 bis 1990 die pakistanische Politikerin Benazir Bhutto für Aufsehen. Der Amtsübernahme gingen turbulente Jahre voraus. Ihren Vater entmachtete man nach einem Umsturz als Premierminister und richtete ihn später hin. Einer ihrer Brüder starb unter mysteriösen Umständen im Ausland. Sie selbst führte einen erbitterten Kampf gegen die pakistanische Militärdiktatur, stand jahrelang unter Hausarrest und lebte zeitweise im Exil.
Benazir (deutsch: die „Unvergleichliche“) wurde am 21. Juni 1953 als älteste Tochter des späteren Staatspräsidenten und Regierungschefs Zulfikar Ali Bhutto (1928–1979) und dessen zweiter Frau Nusrat Bhutto in der pakistanischen Provinz Sindh geboren. Aus der Ehe ihrer Eltern gingen außer Benzir die beiden Brüder Murtaza und Shah-Nawaz sowie die Schwester Saham Sema hervor
Benazir Bhutto besuchte in Pakistan das „Gordon College“ und studierte von 1970 bis 1977 Politische Wissenschaften und Geschichte am „Radcliffe-College“ in Cambridge (Massachusetts, USA) und in Oxford (Großbritannien). In Oxford wurde sie als erste Ausländerin zur Präsidentin des Studentenverbandes und Vorsitzenden des renommierten „Debattierclubs“ gewählt.
1977 kehrte Benazir Bhutto nach Pakistan zurück, um in den diplomatischen Dienst zu treten. Am 5. Juli 1977 stürzte das Militär wegen Wahlmanipulationen ihren Vater als Premierminister, und General Zia Ul-Haq (1924–1988) wurde neuer starker Mann Pakistans. Benazir unterstützte ihre Mutter bei der Organisation des öffentlichen Protestes gegen die Inhaftierung ihres Vaters.
Am 18. März 1978 verurteilte das Oberste Gericht in Lahore Zulfikar Ali Bhutto wegen Anstiftung zum Mord an einem politischen Gegner zum Tode durch den Strang. Der Verurteilte verbrachte ein Jahr lang in der Todeszelle, bis im Frühjahr 1979 das Todesurteil mit der Mehrheit von nur einer Stimme vom Richterkollegium bestätigt, jedoch eine Begnadigung empfohlen wurde. Die Gnadengesuche führender Politiker aus aller Welt konnten den Machthaber Zia-Ul-Haq jedoch nicht umstimmen: Am 4. April 1979 hat man Bhutto im Distriktsgefängnis von Rawalpindi gehenkt.
Nusrat und Benzir Bhutto wurden nach dem Umsturz mehrfach verhaftet oder unter Hausarrest ge-stellt. Die Söhne Murtaza und Shah-Nawaz versuchten vergeblich, vom Ausland aus den Widerstand zu organisieren und mit Bombenattentaten und Flugzeugentführungen das Militärregime in ihrer Heimat zu stürzen, das im Zuge des Afghanistan-Krieges zum Frontstaat und unverzichtbaren Verbündeten des Westens in der letzten Phase des „kalten Krieges“ geworden war. Als sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter verschlechterte, übernahm Benazir ab 1982 immer mehr die Führungsrolle in der von ihrem Vater gegründeten „Pakistanischen Volkspartei“ („Pakistan People’s Party“ = PPP).
Das Militär hielt Benazir Bhutto fast drei Jahre lang unter Hausarrest, ehe sie 1984 ihrer Mutter und den beiden Brüdern über Frankreich ins Exil nach Großbritannien folgen konnte. Im Juli 1985 fand man Benazirs Bruder Shah-Nawaz in Cannes (Frankreich) tot auf, seine Todesumstände gelten als ungeklärt.
Als Benazir Bhutto im August 1985 nach Pakistan zurückkehrte, stellte man sie eine Woche später erneut unter Hausarrest und schob sie nach London ab. Nach einer weiteren Rückkehr in die Heimat im April 1986 feierte man sie als „Fackelträgerin der Demokratie“, aber die Aktivisten der PPP folgten nur teilweise ihrem harten Konfrontationskurs.
Am 14. August 1986, dem Tag der Unabhängigkeit Pakistans, wurde Benazir festgenommen und sollte wegen Umsturzversuches angeklagt werden. Aus Furcht vor einer Neuauflage des militanten „Bhuttoismus“ vor allem beim Mittelstand spaltete sich ein Flügel der PPP unter Führung von Mustafa Jatoir ab und gründete die „National People’s Party“ (NPP). Die Streitigkeiten im Oppositionslager bewirkten, dass das Regime von General Zia Ul-Haq nicht ernsthaft gefährdet wurde.
Im Dezember 1987 heiratete Benazir Bhutto den Sohn eines der reichsten pakistanischen Industriellen, Asif Ali Zardari. Aus dieser Ehe gingen zwischen 1988 und 1993 der Sohn Bilawal und zwei Töchter hervor.
Eine neue politische Lage entstand, als Staatschef Zia Ul-Haq am 17. August 1988 überraschend bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Der Interimspräsident Ishaq Khan hielt an dem Wahlversprechen seines Vorgängers fest, und am 16. November 1988 wurde die PPP bei den Parlamentswahlen mit 92 von 237 Mandaten stärkste Fraktion. Damals bezeichneten PPP–Anhänger Benazir Bhutto als „die aufsteigende Sonne“.
Staatspräsident Ishaq Khan ernannte im Dezember 1988 Benazir Bhutto zur Regierungschefin. Nach ihrer Amtsübernahme hob sie den vom Diktator Zia Ul-Haq verhängten Ausnahmezustand in Pakistan auf, verkündete eine Amnestie für 1100 politische Häftlinge und schaffte die Todesstrafe ab.
Im Oktober 1989 überstand Benazir Bhutto nur knapp einen Misstrauensantrag der Opposition, die ihr Nepotismus (Vetternwirtschaft) und Ungeschick bei der Behandlung politischer Gegner vorwarf. Zum Beispiel mussten 70 hochqualifizierte Beamte vorzeitig in Pension gehen, während man etwa 20000 Bhutto-Anhänger mit lukrativen Verwaltungsposten belohnte. Zudem sorgten Unruhen in Benazirs Heimatprovinz Sindh und Militäreinsätze für Streit mit Generälen.
Benazir Bhutto war stets ein Kind des Orients. Dies verriet ihre Autobiographie „Daughter of the East“, die unter dem Titel „Tochter der Macht“ (1989) auch ins Deutsche übersetzt wurde. Darin las man, dass sie während eines Londonaufenthaltes Ende 1985 Geräusche in der Küche und auf dem Flur ihrer Wohnung dem Geist des damals hingerichteten Arbeiterführers und PPP-Anhängers Ayaz Samoo zuschrieb.
Einen Tag vor einem erneuten Misstrauensantrag setzte Präsidentin Ishaq Khan am 6. August 1990 Benazir Bhutto und ihre Regierung unter dem Vorwurf der Korruption und des Amtsmissbrauchs ab und ernannte den früheren PPP-Politiker Jatoi zum Übergangsministerpräsidenten. Gegen Benazir Bhutto wurde ein Prozess eingeleitet. Bei den Neuwahlen am 14. Oktober 1990 erlitt ihre PPP eine deutliche Niederlage.
Am 19. Oktober 1993 wurde Benazir Bhutto erneut zur Regierungschefin gewählt. Auch während ihrer zweiten Amtszeit vom Oktober 1993 bis zum November 1996 gab es immer wieder politische Affären und Skandale. Im September 1996 wurde ihr Bruder Murtaza, der 1993 gegen seine Schwester kandidiert hatte, in Karachi (Pakistan) bei einer Polizeikontrolle erschossen. Seinen Tod lastete man der Premierministerin an.
Am 4. November 1996 machte Präsident Faruk Ahmad Khan Leghari von einem Verfassungdekret aus Militärzeiten Gebrauch und entließ die Premierministerin, der er vorwarf, sie habe die Unabhängigkeit der Justiz untergraben. Am 19. November 1996 lehnte das höchste Gericht des Landes ihre Klage gegen die Absetzung als Ministerpräsidentin ab. Und am 3. Februar 1997 erlitt ihre PPP eine vernichtende Niederlage.
Mitte April 1999 wurden Benazir Bhutto und ihr Mann wegen Korruption zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ein pakistanisches Gericht sprach sie schuldig, von Schweizer Firmen Bestechungsgelder angenommen zu haben.
*
Bestellungen von "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" bei.
www.buch-shop-mainz.de
Veröffentlicht von: Ernst Probst Web: http://www.antiquitaeten-shop.net Kontakt: e-Mail
| Über den Autor: |
| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
|