Hanna Reitsch: Die Pilotin der WeltklasseKategorie: Sport Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst":
Eine der besten, berühmtesten und erfolgreichsten Fliegerinnen der Welt war die Deutsche Hanna Reitsch (1912–1979). Ihr Ruf als Pilotin von Weltklasse beruhte auf mehr als 40 Rekorden aller Klassen und Flugzeugtypen. Unter anderem wurde sie der erste weibliche Flugkapitän, flog als erste Frau einen Hubschrauber und unternahm den ersten Hubschrauberflug in einer Halle.
Hanna Reitsch kam am 29. März 1912 als zweites von drei Kindern des Augenarztes Willy Reitsch und seiner Frau Emy Helff-Hibler von Alpenheim in Hirschberg im Riesengebirge (Schlesien) zur Welt. Ihr Vater leitete eine Augenklinik, die als Privatklinik dem dortigen Diakonissenhaus angegliedert war. Ihr älterer Bruder hieß Kurt (geb. 1908), ihre jüngere Schwester Heidi (geb. 1916).
Im Alter von vier Jahren wollte Hanna mit ausgebreiteten Armen vom Balkon des Elternhauses springen. Als ihre Mutter dies verhinderte und sagte „Kind – dann wärst du ja tot“, fragte Hanna: „Wär ich dann beim lieben Gott? Tät er mich dann fragen: Hannerl, woll’n wir’s hageln lassen?“ Damals imponierte ihr nichts mehr als ein starker Hagel.
Obwohl Hanna gern und leicht lernte, blieb sie eine durchschnittliche Schülerin. Ihr Übermut brachte ihr manchen Verweis ins Klassenbuch ein. Einmal löste sie während des Unterrichts die Jagd auf eine Maus im Klassenzimmer aus, obwohl dort gar keine war. Hausaufgaben erledigte die sportliche und schwindelfreie Hanna oft in der Krone eines Baumes.
Bereits mit 13 oder 14 Jahren wünschte sich Hanna, fliegende Missionsärztin zu werden. Der Traum, fliegen zu können, ließ sie fortan nicht mehr los. In ihrer Freizeit radelte sie oft heimlich nach Grunau/Riesengebirge und sah den Segelflugschülern auf dem Galgenberg zu. 1931 legte die 19-Jährige am Realgymnasium in Hirschberg ihr Abitur ab. 1931/1932 besuchte die 1,54 Meter große und zierliche Hanna die „Koloniale Frauenschule“ in Rendsburg.
Ab 1932 studierte Hanna Reitsch Medizin in Berlin und Kiel, weil sie fliegende Ärztin in Afrika werden wollte. Nebenher erwarb sie 1932 die Flugzeugführerscheine für den Segelflug und für den Motorflug in Grunau/Riesengebirge und Berlin-Staaken. Im selben Jahr gelang ihr der erste Dauer-Segelflugrekord für Frauen, der fünfeinhalb Stunden dauerte.
1933 unterbrach Hanna Reitsch ihr Studium und begleitete den Segelflugpionier Wolfram („Wolf“) Hirth (1900–1959) als Fluglehrerin an die neue Segelfliegerschule auf dem Hornberg bei Schwäbisch Gmünd. 1933 und 1934 nahm sie an einer Segelflug-Forschungsexpedition in Brasilien und Argentinien teil, verschrieb sich ganz der Fliegerei und beendete nach vier Semestern Medizin ihr Studium.
Im Juni 1934 trat Hanna Reitsch als Forschungs- und Testpilotin in die „Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug“ in Darmstadt ein, der sie bis 1945 als Zivilangestellte angehörte. 1936 glückte ihr der Strecken-Segelflugweltrekord für Frauen über 305 Kilometer.
General Ernst Udet (1896–1941) berief Hanna Reitsch 1937 als Versuchspilotin an die „Flugerprobungsschule der Luftwaffe“ nach Rechlin am Müritzsee (Mecklenburg), wo sie Stukas, Bomber und Jäger testete. Udet ernannte 1937 die 25-Jährige als erste Frau der Welt zum „Flugkapitän“, nachdem sie ihm neue Sturzflugbremsen vorführte. Im Oktober jenes Jahres verlieh man auch Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg (1903–1945), geborene Schiller, den Titel „Flugkapitän“.
Als erste Pilotin der Welt überquerte Hanna Reitsch 1937 im Segelflug die Alpen. Zudem flog sie damals als erste Frau den von Professor Heinrich Focke (1890–1979) konstruierten Hubschrauber „Focke Wulf 61“. In der riesigen Berliner „Deutschlandhalle“ wagte sie 1938 mit dem Hubschrauber den ersten Hallenflug der Welt. Im selben Jahr siegte sie beim „Deutschen Segelflug-Strecken-Wettbewerb“ von der Nordseeinsel Sylt nach Breslau (Schlesien).
1939 stellte Hanna Reitsch den Frauen-Segelflugweltrekord im Zielflug auf. Im selben Jahr flog sie den Großsegler „DFS 230“ ein, der für die Luftlandetruppen der Wehrmacht bestimmt war. Außerdem führte sie mit der „DO 17“ und mit der „HE 111“ etwa 150 Ballonseilkappversuche durch. Dabei ging es darum, Stahlseile britischer Ballonsperren mit einem vor dem Bug angebrachten Gerät zu zerschneiden.
Im Oktober 1942 flog Hanna Reitsch in Augsburg bei Messerschmitt das erste Raketenflugzeug der Welt, die „ME 163 A“, und später die „ME 163 B“. Diese von dem Flugzeugkonstrukteur Aleander Lippisch (1894–1976) entwickelte Maschine erreichten bei einem Steigwinkel von 60 bis 70 Grad in anderthalb Minuten etwa 10000 Meter Höhe. Auch an der Erprobung der „V1“, die im August 1943 zu einer unbemannten Rakete umgebaut wurde, wirkte sie mit.
Als Testpilotin war Hanna Reitsch furchtloser und tollkühner als viele ihrer männlichen Kollegen. Für ihre Leistungen als Testpilotin, bei denen sie einige schwere Verletzungen erlitt, erhielt sie während des Zweiten Weltkrieges hohe Auszeichnungen. Man verlieh ihr das „Eiserne Kreuz II“ („EK II“) und das „EK I“ – Letzteres nahm sie als erste und einzige Frau der deutschen Geschichte entgegen – sowie das „Goldene Militärfliegerabzeichen mit Diamanten“.
Am 26 April 1945 flog Hanna Reitsch zusammen mit Generaloberst Robert Ritter von Greim (1892–1945) in das bereits von den Russen eingeschlossene Berlin. Der Grund für dieses gefährliche Unternehmen war, dass der nationalsozialistische Diktator Adolf Hitler (1889–1945) darauf bestanden hatte, Greims Ernennung zum Nachfolger von Hermann Göring (1893–1946) als Oberbefehlshaber der Luftwaffe persönlich vorzunehmen.
In der Nacht bat der „Führer“ in der Reichskanzlei Hanna Reitsch zu sich und erklärte, die große Sache, für die er gelebt und gekämpft habe, scheine nun verloren, sofern nicht die Armee des General Wenck, die schon nahe sei, den Ring der Belagerer durchbreche und Entsatz schaffe. Er gab der Fliegerin eine Phiole mit Gift. Nur mit Mühe kam Hanna Reitsch aus Berlin wieder heil heraus. Hitler beging am 30. April 1945 Selbstmord.
Hanna Reitsch geriet mit dem „Stab Kesselring“ in Zell am See (Österreich) in Gefangenschaft. Von Mai 1945 bis November 1946 war sie amerikanische Kriegsgefangene in Deutschland.
Als einzige teilnehmende Frau errang Hanna Reitsch 1952 bei den Segelflug-Weltmeisterschaften in Spanien unter den besten 40 Fliegern der Welt den dritten Preis. Ab 1954 arbeitete sie als Forschungspilotin bei der „Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt“ (DVL) in Darmstadt.
1955 wurde Hanna Reitsch bei den nationalen deutschen Segelflugmeisterschaften deutscher Segelflugmeister. 1956 stellte sie im freien Streckenflug mit 370 Kilometern den deutschen Frauen-Segelflugrekord auf. 1957 gelang ihr mit 6848 Metern der deutsche „Frauen-Höhensegelflugrekord“ und gewann sie den „1. Diamanten“ („Höhen-Diamanten“) zur „Gold-C“. 1958 konnte sie nicht an den Segelflugweltmeisterschaften in Polen teilnehmen, weil ihr das Visum für die Einreise verweigert wurde.
1959 baute Hanna Reitsch den Leistungssegelflug in Indien auf. Sie war persönlicher Gast von Premierminister Jawaharlal (Pandit) Nehru (1889–1964) und ist mit ihm gesegelt. 1960 erflog sie im 300 Kilometer-Dreiecksflug den „2. Diamanten“ zur „Gold-C“. 1961 lud man sie in die USA ein, wo Präsident John F. Kennedy (1917–1963) sie im „Weißen Haus“ empfing.
1962 errichtete Hanna Reitsch mit zwei Fliegerkameraden eine Segelflugschule in Ghana, die sie bis 1966 leitete. 1970 gelangen ihr ein neuer deutscher Frauen-Segelflugrekord, der Gewinn des „3. Diamanten“ (500 Kilometer Strecke) zur „Gold-C“ und der Sieg in der Damenklasse im „Deutschen Segelflug-Wettbewerb“. Im September 1971 war sie bei den ersten „Hubschrauber-Weltmeisterschaften“ Erste in der Damenklasse.
Im Mai 1972 stellte Hanna Reitsch im Geschwindigkeitsflug über die 300 Kilometer-Dreiecksstrecke einen deutschen Frauen-Segelflugrekord auf, 1977 einen weiteren deutschen Frauen-Segelflugrekord (Ziel–Rückkehr über 644 Kilometer) und 1978 den Frauen-Segelflug-Weltrekord. Im September 1972 ernannte die „Society of Experimental Test Pilots“ in Kalifornien Hanna Reitsch zum Ehrenmitglied. Einen Monat später wurde sie in Arizona vom „International Order of Charakters“ zum „Pilot des Jahres 1971“ gewählt. 1975 verlieh man ihr die „Internationale Kette der „Windrose“.
Von Hanna Reitsch stammen die Bücher „Fliegen – Mein Leben“ (1951), „Ich flog für Kwame Nkrumah“ (1968), „Das Unzerstörbare in meinem Leben“ (1975) und „Höhen und Tiefen – 1945 bis zur Gegenwart“ (1978). Bei Vorträgen sprach sie selten in der Ich-Form, sondern redete von „wir“ und meinte damit die Flieger aller Nationen. Als sie 1978 gefragt wurde, wie lange sie noch fliegen wolle, antwortete sie „so lange ich lebe.“ Und dies tat sie auch.
Am 24. August 1979 starb Hanne Reitsch nach kurzer Krankheit im Alter von 67 Jahren in Frankfurt am Main an akutem Herzversagen. Ihrem Wunsch entsprechend, wurde sie in aller Stille auf einem Friedhof in Salzburg ab der Seite von Vater und Mutter bestattet.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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