Alison Hargreaves: Die erste Besteigerin des Mount EverestKategorie: Sport Veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Die erste Frau, die den höchsten Berg der Erde, den 8848 Meter in den Himmel ragenden Mount Everest (Chonmolungma) in Nepal ohne Scherpas und ohne Sauerstoffgerät bezwang, war die Schottin Alison Hargreaves (1962–1995). Die zierliche Frau sagte über sich: „In den Bergen fühle ich mich weniger einsam als auf den belebten Straßen Londons. Ich habe das Gefühl, dass dort jemand auf mich schaut.“ Sie starb auf tragische Weise beim Abstieg vom zweithöchsten Berg der Erde, dem „K-2“.
Alison Hargreaves wurde am 17. Februar 1962 in Belper (Grafschaft Derbyshire) geboren. Ihre Liebe zu den Bergen entstand bei Ferien mit ihrer Familie. Bereits im Alter von zehn Jahren machte sie ihren ersten Kletterkurs. Mit 15 Jahren begann sie – inspiriert von ihrer Lehrerin an der „Belper High School“, Hillary Collins, der Frau des Bergsteigers Peter Boardman, – mit dem Bergsteigen.
Zu Beginn ihrer Karriere als Bergsteigerin unternahm Alison Hargreaves schlecht abzusichernde so genannte Bröckelrouten im Sommer und gefährliche Eistouren im Winter. Danach wandte sie sich dem Sportklettern zu.
Später beteiligte sich Alison Hargreaves am ersten Treffen der weiblichen Kletterelite Großbritanniens und 1983 am ersten „Internationalen Klettermeeting“ in Frankreich. 1983 begann ihre Vorliebe für das Montblancgebiet und für Westalpentouren. Ab 1983 unternahm sie zahlreiche Touren um Chamonix, Zermatt und Grindelwald.
1986 und 1987 folgten Expeditionen mit Touren im Himalaja. 1988 kam Alison Hargreaves Sohn Tom zur Welt. Ihn trug sie im Mutterleib, als sie im sechsten Schwangerschaftsmonat zum ersten Mal die Eigernordwand bezwang. 1991 folgte ihre Tochter Kate.
1992 beschlossen Alison Hargreaves und ihr Mann Jim Ballard, das Bergsteigen beruflich auszuüben. Sie kletterte und er – ebenfalls ein passabler Kletterer – kümmerte sich um die Sponsoren. Gemeinsam betreuten sie die beiden Kinder.
Auf Menschen, die Alison Hargreaves zum ersten Mal sahen, wirkte diese nicht wie eine „Heldin der Berge“, sondern eher wie eine unscheinbare Nachbarstochter, hieß es in der Zeitschrift „Alpin“. Sie trug blonde, lockige Haare, hatte ein rosig-rotes Gesicht ohne Sommersprossen, schmale Schultern, eine Wespentaille, wirkte zierlich, besaß aber hornhautüberzogene Hände, in denen die normalproportionierten Greifwerkzeuge eines 1,85 Meter großen Mannes regelrecht verschwanden.
Im Sommer 1993 bestieg Alison Hargreaves in zusammengerechnet weniger als 24 Stunden alle sechs klassischen Nordwände der Alpen solo und in unglaublichen Begehungszeiten. Damals stand sie auf den „Grandes Jorasses“ (Montblancgruppe), dem Matterhorn (Walliser Alpen), Eiger (Berner Alpen), „Piz Badile“ (Bergell), der „Petit Dru“ (Montblancgruppe) und „Große Zinne“ (Dolomiten). Das hatte vor ihr noch kein Mensch geschafft. Im November jenes Jahres kam noch eine Winterbegehung des „Croz Couloir“ an den Jorasses in sechs Stunden dazu.
1994 unternahm Alison Hargreaves eine Kletterreise durch die USA. Sie führte vom tiefsten Punkt der Vereinigten Staaten, dem 86 Meter unter dem Meeresspiegel liegenen „Death Valley“ („Tal des Todes“), zum höchsten, dem Mount McKinley (6196 Meter).
Im Herbst 1994 stand für Alison Hargreaves die Besteigung des Mount Everest im Himalaya auf dem Programm. Der an der nepalesisch-chinesischen Grenze liegende Berg ist nach dem britischen Geodäten George Everest (1790–1866) benannt, der unter anderem den Mount Everest vermessen hat. Seine Erstbesteigung ist 1953 dem Neuseeländer Edmund Hillary und Tenzing Norgay geglückt.
1954 kämpfte sich Alison Hargreaves bis 8500 Meter Höhe auf den Mount Everest und musste dann aufgeben. Klirrende Kälte, starke Stürme und erste Anzeichen von Erfrierungen hatten sie gezwungen, ins Tal zurückzukehren. Nach einjähriger intensiver Vorbereitung schaffte die 32-Jährige am 13. Mai 1995 das für unmöglich gehaltene: Sie bezwang den Mount Everest ohne Sauerstoff und im Alleingang. Vom Gipfel aus sandte sie den Funkspruch: „An Tom und Kate, meine lieben Kinder, ich bin auf dem Dach der Welt, und ich liebe Euch von Herzen!“
Nach dem Abstieg vom Mount Everest entging Alison Hargreaves bei der Fahrt nach Kathmandu um Haaresbreite dem Tod: Auf der Straße zwischen Tibet und Nepal ging eine Lawine nieder und begrub den Jeep, in dem sie gesessen hatte; sie konnte gerade noch herausspringen.
Der nächste Gipfel, den Alison Hargreaves bezwang, war der Kanchenjunga im Himalaya. Er ist mit 8586 Metern nach dem Mount Everest der dritthöchste Berg der Erde.
Zum Schicksalsberg wurde für Alison Hargreaves der zweithöchste Berg der Erde, der 8611 Meter hohe „K-2“ im Himalaya. Beim Abstieg vom „K-2“ wurde die 33-Jährige am Sonntag, 13. August 1995, zusammen mit ihren Begleitern von einer Lawine in den Tod gerissen. Zum Zeitpunkt der Katastrophe hatte ein Sturm getobt.
Außer der Gruppe von Alison Hargreaves, zu der noch der Neuseeländer Bruce Grant, der Kanadier Jeff Lakes und der Amerikaner Rob Slater gehörten, kamen damals auf dem „K-2“ auch drei Mitglieder eines spanischen Teams – Javier Escarin, Lorenzo Ortiz Monson und Javier Olivar – ums Leben.
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| Über den Autor: |
| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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