Philosophie und AnthropologieKategorie: Wissenschaft Artikel veröffentlicht von: Renate Miethner
Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst, und was weiß er von allen anderen Lebewesen, das ihm die Unterscheidung in Mensch und Tier ermöglicht? Diese Differenz, zu deren Behauptung der Mensch sich in Annahme seines anthropozentrischen Standpunktes berechtigt wähnt, mag zwar plausibel erscheinen, doch lässt sich mit ihr nicht notwendigerweise zugleich auch eine Wertung des Menschen rechtfertigen, nach welcher er eine höherwertige Stellung allen anderen Lebewesen gegenüber einnimmt.
Zu welchen Folgerungen, was das Zusammenleben mit diesen betrifft, darf diese vermeintliche Erkenntnis führen? Ist es dem Menschen gestattet, zur Befriedigung beliebiger Neigungen und kurzzeitigen Lustgewinnung, empfindungsfähigen Lebewesen, die mit dem Menschen das Los der Endlichkeit, der Kontingenz, genauso wie die Sinnlichkeit, die Triebhaftigkeit, die Bedürftigkeit und die Leidensfähigkeit teilen, Leid und Schmerz zuzufügen, sie gar des Lebens zu berauben?
Sei auch die Vernunftbegabtheit des Menschen sein spezifisches Charakteristikum, so rechtfertigt diese nicht unbedingt auch zugleich eine wertende Auszeichnung als Lebewesen von höherer Bedeutsamkeit, mit einem Mehr-Recht auf Leben, Unversehrtheit und Wohlbefinden. Mag man sich auch im Zusammenhang mit seinen Mitgeschöpfen davor scheuen, ihnen „Würde" zuzusprechen, so sollte doch gerade das Ausgezeichnet-Sein des Menschen mit sich bringen, von seiner Fähigkeit des Mit- und Nachfühlens Gebrauch zu machen. Ist es also nicht vielmehr des Menschen unwürdig und ihm als schuldhaft zuzurechnen, wenn er bewusst auf den Gebrauch der ihm zur Verfügung stehenden Fähigkeiten verzichtet?
Verzicht auf Vernunftgebrauch, bloß seinen Trieben gehorchend, ist zum einen ein eklatanter Widerspruch zu gerade derjenigen Wesensbestimmung, die der Mensch sich selbst zuspricht, zum anderen aber auch eine Degradierung und Herabwürdigung seiner selbst. Gerade der sich als vernunftbegabt erachtende Mensch hat keine Ausrede, Entschuldigung oder gar Rechtfertigung, verzichtet er auf entsprechenden Einsatz. Er macht sich schuldig.
Angesichts der weitverbreiteten Überheblichkeit und Vermessenheit, von woher Zweifel und die Möglichkeit einer Täuschung gar nicht mehr zugelassen und einkalkuliert werden, möchte man mit Nietzsche ausrufen: „Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst!" An die grundsätzliche Irrtumsfähigkeit eines jeden Menschen wird kein Gedanke verschwendet.
So sei beispielsweise nur der Mensch der Sprache fähig - doch was wissen wir schon von den Verständigungsmöglichkeiten von Tieren und Pflanzen? Was wissen wir von Körpersprache, von der zumindest nicht auszuschließenden vielfältigen Kommunikation durch Geruchs- oder Duftbotschaften? Sprechen-Können, die Fähigkeit zu Selbstreflexion und zu rationalem, zweckorientierten Handeln - seien dies auch ausschließlich dem Menschen zukommende Begabungen - es sind nichtsdestotrotz ihm zufällig eigene Wesenszüge, die den grundsätzlich bedürftigen Menschen nicht zu einem „wertvolleren" Lebewesen machen.
Es ist trivial und banal, dasjenige, was nicht grundsätzlich unmöglich ist, zumindest für nicht- unmöglich, also für grundsätzlich möglich zu halten. Mehr Bescheidenheit und das stete Einkalkulieren eines möglichen Irrtums stünde dem Menschen, der selbstverständlich nicht anders denn vom Standpunkte des Menschen aus erkennen und urteilen kann und darf, gut zu Gesicht. Denn erst die Einnahme dieser Haltung macht ihn zu einem Lebewesen, dem im vollen Umfang Würde zugesprochen werden darf, kann und muss.
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Veröffentlicht von: Renate Miethner Web: http://www.philosophieberatung.de/ Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Apeiron Philosophieberatung, 2005 gegründet von der Bonner Philosophin Renate Miethner, ist ein dezidiert philosophisch ausgerichtetes Beratungsunternehmen. Renate Miethner studierte Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn und arbeitete ausführlich über Kant und die erkenntnistheoretischen Ansätze des deutschen Idealismus. |
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