Philosophie der Chancengleichheit: Gleich ist nicht immer gleichKategorie: Wissenschaft Artikel veröffentlicht von: Renate Miethner
Sich bequem zurücklehnen, die Forderung nach Hilfestellung erheben und aus Gründen vermeintlicher Benachteiligung an „Solidarität" appellieren, auch und obwohl man selbst in der Lage und imstande und somit verpflichtet ist, sich entsprechend zu engagieren und Leistung zu erbringen, ist eine immer weiter verbreitete und akzeptierte Einstellung der unbegründeten Selbstgerechtigkeit, der man in den unterschiedlichsten Bereichen gesellschaftlichen und menschlichen Lebens begegnet, und die in immer unerträglicheren Auswüchsen gipfelt und letztlich menschliches Miteinander in einer Gesellschaft konterkariert.
Diesen Verzerrungen zu Grunde liegt eine Verwechslung von „Gleichheit" und „Gleichberechtigung. Da wird stillschweigend und „klammheimlich", in der Hoffnung und Erwartung, dass es selten einmal auffällt, von der Gleichheit, Chancen und Möglichkeiten anbetreffend, übergegangen zur Gleichheit aller Menschen, von der vernünftigerweise nicht geredet werden kann. Denn die Einzigartigkeit und Besonderheit eines jeden Menschen bringt eben genau verschiedene, unterschiedlich ausgestaltete Arten der Begabtheit, der Fähigkeiten und Eignungen, sowie der Interessen mit sich, womit untrennbar eben unterschiedliche und vielgestaltige Grade und Abstufungen der Leichtigkeit oder Mühsal - das Verfolgen und Erreichen selbstgewählter Zwecke anbetreffend - verbunden sind.
Der Ruf nach Gleichberechtigung kann vernünftigerweise nur bedeuten, eingehend zu prüfen, ob es sich um das Verwehrtsein des Erreichens oder des Zugangs handelt, oder um unterschiedliche Grade der Leichtigkeit oder der Erschwernis - und genau diese Überlegung wird unterlassen.
Stattdessen beharrt man überwiegend auf einer Verwechslung von Un-Gleichheit einerseits - im Sinne von individueller persönlicher Verschiedenheit und Unterschiedlichkeit, von Einzigartigkeit, die vor dem Hintergrund der beliebigen Austauschbarkeit und Ersetzbarkeit einzig sinnstiftend sein kann - und fehlender Gleichberechtigung, d.i. Benachteiligung andererseits.
Zuhauf werden Ansprüche erhoben, nur selten jedoch wird auch einmal nach der Rechtmäßigkeit derart erhobener Ansprüche gefragt - erstaunlicherweise nicht nur von den Fordernden selbst nicht, sondern auch nicht von denjenigen, an welche die unterschiedlichen Forderungen herangetragen werden. Anspruchsdenken tritt an die Stelle von Leistungs- und Einsatzbereitschaft, von (Selbst-)Motivation und Engagement. Mit Erwartungen tritt man beinahe ausschließlich an „die anderen", und zwar bevorzugt, so scheint es, an ein abstraktes solidarisches Gemeinwesen heran, um ja nicht selbst in die Verantwortung und Pflicht genommen zu werden. Als ob der Einzelne völlig unbeteiligt an seiner eigenen Lebensgestaltung oder –führung wäre, wird die Zuständigkeit („Bringschuld") und Verantwortung bevorzugt an „andere" überantwortet – und das unter Verkennung der Tatsache, dass der Preis dafür der Verzicht auf Mündigkeit ist.
Geradezu prädestiniert ist dabei die Tatsache, dass solcherart gestützte Hoffnungen und Erwartungen enttäuscht werden (müssen), was zum Kreislauf von wachsender Frustration und Unzufriedenheit, weiterer Steigerung der Ansprüche und Erwartungen, zu einer Haltung und Stimmung der Vorwürfe, der Ablehnung, des Neides und der Missgunst führt - und letztlich zu selbstverschuldeter Unmündigkeit und Unzufriedenheit (gerade auch mit der eigenen Person, wenn auch gerne und oft verdrängt).
Der an sich völlig berechtigte und vernünftigerweise erhobene Ruf nach „Gleichberechtigung" wird somit zur sinnleeren Ideologie verunstaltet, was ineins geht mit einem zunehmend inflationären Missbrauch des Begriffs der „Gerechtigkeit". Und dass eine Inflation der Begriffe langfristig auch mit einer Inflation ihrer Inhalte einhergeht, das liegt bedauerlicherweise auf der Hand.
Diese und weitere Überlegungen finden sich in der Maiausgabe des von dem Bonner Beratungsunternehmen Apeiron herausgegebenen „Philosophiemonatsbriefes". Auf der Homepage des Unternehmens lässt sich die digitale Publikation zu philosophischen Themen kostenfrei via Email abonnieren. Behandelt wird jeweils ein klassisches philosophisches Thema anhand aktueller Diskussionen aus Politik und Gesellschaft. Abgerundet wird die Publikation mit einem Literaturtipp. Die aktuelle Ausgabe kann kostenfrei bestellt werden unter http://www.philosophieberatung.de - zusätzlich steht auch noch die Aprilausgabe unter http://www.philosophieberatung.de/pbf_04-06.pdf zum Download bereit. Alle Vormonate finden sich darüber hinaus im Online-Archiv.
Veröffentlicht von: Renate Miethner Web: http://www.philosophieberatung.de/ Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Apeiron Philosophieberatung, 2005 gegründet von der Bonner Philosophin Renate Miethner, ist ein dezidiert philosophisch ausgerichtetes Beratungsunternehmen. Renate Miethner studierte Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn und arbeitete ausführlich über Kant und die erkenntnistheoretischen Ansätze des deutschen Idealismus. |
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