Philosophie, Biotechnologie und GenforschungKategorie: Wissenschaft Artikel veröffentlicht von: Renate Miethner
Gerade im Zusammenhang von Biotechnologien, insbesondere der „Gentechnik", wird immer wieder der Ruf laut nach Beschränkung der Forschungstätigkeiten, wenn nicht gar nach einem völligen Verbot weiterer Forschungsbemühungen auf diesen Gebieten. Die Frage nach Grenzen des Zulässigen oder Erlaubten wird in den Raum gestellt, wobei erstaunlicherweise ungefragt bleibt, wer oder was denn da grundsätzlich und rechtmäßig Erlaubnis gewähren und Forschung gestatten oder untersagen könnte. Dabei erhält die Gentechnik häufig eine unerklärlicherweise zugewiesene Sonderstellung, die kaum einmal mehr auf ihre Angebrachtheit und Berechtigung geprüft wird.
Menschliches Handeln, Wirken und Tun hat es nun einmal zweifelsfrei an sich, dass es ein Eingreifen in „natürliches Geschehen" darstellt. Forschung im Gebiete der Gentechnik ist da kein Sonderfall, und es lässt sich nicht nachvollziehen oder gar vertreten, weshalb in diesem Gebiet mehr oder weniger Scheu, Hemmung oder Bedenken angebracht sein sollte, als bei sämtlichen anderen Arten menschlichen Handelns. Es ist nicht einzusehen, weshalb gerade den Biotechnologien im weitesten Sinne oder der Genforschung der Status oder das Stigma zugewiesen wird, ein per se unzulässiges Bemühen oder Vorhaben, oder eine außergewöhnliche Anmaßung des Menschen auszumachen. Vergleichbares lässt sich übrigens im Umfeld der Chemie beobachten: da stolpert man immer wieder über Produktanpreisungen, die damit hausieren gehen, „frei von Chemie" zu sein, ohne dass dabei bedacht würde, dass es weder – dem Menschen bislang bekannte - Lebewesen noch Gegenstände gibt, auf die zuträfe, dass sie nicht-chemisch seien oder sein könnten. Zugrunde liegt wohl eine Verwechslung von „künstlicher" und „natürlicher" Chemie - was auf das Gebiet des Erbguts übertragen bedeuten würde, zwischen einerseits „natürlicher", also ohne menschliches Eingreifen oder Zutun, und andererseits „künstlicher" oder „technischer" Genvariation, -veränderung, -umgestaltung, -kombination zu unterscheiden.
Dabei ist es doch zweifellos so, dass die vorrangig zu klärende Frage, ob sich nämlich der für gut befundene Zweck auch „anders" (mit Hilfe und durch Einsatz von anderen Maßnahmen) erreichen ließe, keine Fragestellung ausmacht, die es in exklusiver Dringlichkeit für den Bereich der Erbguterforschung (und deren Anwendung) zu beantworten gälte. Ob dasjenige, was erforscht wurde und sich als möglich (machbar) herausgestellt zu haben scheint, auch tatsächlich zum Einsatz gelangen oder ausgeübt werden muss, ist eine grundlegende Schwierigkeit, die keineswegs speziell oder in besonderem Maße das Feld der Biotechnologien anbeträfe - vor allem in solchen Fällen, bei denen es doch Alternativen zu geben scheint, deren Folgen überschaubarer oder besser abzuwägen sind.
Um ein Beispiel anzuführen: wenn es um die Suche nach geeigneten und wirksamen Maßnahmen zur Bekämpfung (oder zumindest Linderung) des Hungers und der Mangelernährung in weiten Teilen der Welt, und um die Entscheidung für oder gegen ein Ergreifen selbiger geht, wird immer wieder das Einsatz- und Anwendbarkeits-Spektrum und die Nutz- oder Unverzichtbarkeit von Gentechnologien ins Spiel gebracht. Überlegungen dieser Art sehen sich in direktem Widerspruch zu einer horrenden Vergeudung von Nahrungsmitteln, und der Vernichtung von „überflüssigen", bereits im Überfluss hergestellten Lebensmitteln, sowie deren Zweckentfremdung. Da stellt sich dann das Problem des Abwägens ein, ob es nämlich zur Beeinflussung des Hungers in weiten Teilen der Welt tatsächlich des Einsatzes von Gentechnik bedarf, oder ob es sich dabei nicht um den schlichtweg weniger unbequemen (was nicht bedeuten muss effizienteren oder gar einzig effizienten) Ansatz zur Aufgabenbewältigung handelt. Und das ist eine den handelnden endlichen Menschen grundsätzlich vor nicht unerhebliche Schwierigkeiten und möglicherweise Unannehmlichkeiten stellende Herausforderung.
Grundsätzlich gilt es, jedwedes menschliche Denken und Tun als Akte eines endlichen, vernunftbegabten Lebewesens stets der Gefahr dogmatischer Versuchungen und Ansprüche auf Unfehlbarkeit ausgesetzt zu betrachten - und da stellen Gentechnik und Biotechnologien keine Sonderfälle dar. Der Tatsache, dass jedweder Mensch prinzipiell irrtumsfähig und der Möglichkeit einer Täuschung nie gänzlich enthoben ist, muss immer Rechnung getragen werden durch das Bewusstsein, dass bei allen vermeinten Einsichten und allem vermeinten Wissen oder Erkenntnisfortschritt stets hinzugefügt werden können muss: „sofern wir es zu wissen vermeinen".
Mehr oder weniger hysterisches Verhalten und das Ausmalen von düsteren und „beängstigenden" Schreckensszenarien sollte dem Bereich des Fiktionalen vorbehalten bleiben. Was das wissenschaftlich forschende Tätigsein anbelangt, so empfiehlt sich Besonnenheit und Entspanntheit in Verbindung mit neu- und wissbegieriger Aufgeschlossenheit und stetem Hinter-Fragen.
Diese und weitere Überlegungen finden sich in der Juniausgabe des von dem Bonner Beratungsunternehmen Apeiron herausgegebenen „Philosophiemonatsbriefes". Auf der Homepage des Unternehmens lässt sich die digitale Publikation zu philosophischen Themen kostenfrei via Email abonnieren. Behandelt wird jeweils ein klassisches philosophisches Thema anhand aktueller Diskussionen aus Politik und Gesellschaft. Abgerundet wird die Publikation mit einem Literaturtipp. Die aktuelle Ausgabe kann kostenfrei bestellt werden unter http://www.philosophieberatung.de - zusätzlich steht auch noch die Ausgabe Mai unter http://www.philosophieberatung.de/pbf_05-06.pdf zum Download bereit. Alle Vormonate finden sich darüber hinaus im Online-Archiv.
Veröffentlicht von: Renate Miethner Web: http://www.philosophieberatung.de/ Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Apeiron Philosophieberatung, 2005 gegründet von der Bonner Philosophin Renate Miethner, ist ein dezidiert philosophisch ausgerichtetes Beratungsunternehmen. Renate Miethner studierte Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn und arbeitete ausführlich über Kant und die erkenntnistheoretischen Ansätze des deutschen Idealismus. |
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