"Papa, du bist ja der Weihnachtsmann!"Kategorie: Familie Artikel veröffentlicht von: Leilah Lilienruh
Satire über enttarnte Väter, Opas, Nachbarn und andere Kunstbart-Träger
Es ist schon eine verzwickte Sache mit dem Weihnachtsmann und der Elternehre. Beides zusammen kriegt man einfach nicht unter einen Hut. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten, und die sind beide nicht gerade verlockend: Entweder raubt man den Kleinen frühzeitig jegliche Illusion, indem man ihnen verrät, dass niemand auf der Welt so blöd wäre, aus lauter Kinderfreundlichkeit in einem roten Bademantel per Schlitten vom Nordpol anzureisen und mit Geschenken nur so um sich zu werfen. Oder aber man macht genau das, was man dem Nachwuchs dreimal pro Tag unter Androhung strenger Strafen verbietet: Man lügt, dass sich die Balken biegen.
Entscheidet man sich für Variante eins, muss man wiederum mit zwei unterschiedlichen Reaktionen rechnen: Die Romantiker unter den Kindern werden in bittere Tränen ausbrechen und zwanzig Jahre später ihrem Therapeuten erzählen, wie fies die Eltern doch waren.
Die Selbstbewussten dagegen grinsen sich nur einen und erklären Ihnen: „Aber das ist doch Unsinn. Ich hab’ den Weihnachtsmann gestern selber in der Fußgängerzone gesehen. Er hatte so ein witziges Plakat vor dem Bauch." Solche Kinder werden Sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Schließlich haben die ja auch die ganze Kindergartengruppe, die Mehrheit der flunkernden Eltern sowie die gesamte Werbebranche auf ihrer Seite. Dumm gelaufen.
Realistisch gesehen spricht also einiges für die Lügen-Variante. Ein klarer Vorteil dabei ist, dass wir erst in einigen Jahren wie die Deppen vor den Jungen und Mädchen dastehen. Allerdings könnte es passieren, dass sie zwanzig Jahre später ihrem Therapeuten erzählen, wie verlogen die Eltern doch waren.
Ohne den Ergebnissen etwaiger empirischer Untersuchungen vorgreifen zu wollen, können wir wohl getrost davon ausgehen, dass neunundneunzig Prozent aller Kinder zwischen Geburt und drittem Grundschuljahr zu den Angeschmierten gehören.
Wenn man sich nun als Eltern, freimütig oder notgedrungen, für den Herrn in rot entscheidet, steht gleich das nächste Problem ins Haus: Wer macht uns den Weihnachtsmann?
Mütter, Tanten, Omas und sonstige weibliche Verwandte und Bekannte atmen an dieser Stelle spontan auf, da sie das Hauptkriterium - die supertiefe Stimme – nicht erfüllen, womit klar wäre, wer in den roten Schlabberanzug und die weiße Perlonbehaarung zu schlüpfen hat. Ganze Generationen von jungen Vätern, Schwägern und Nachbarsmännern kennen die Prozedur. „Hör mal, du machst doch dieses Jahr bei uns den Weihnachtsmann, oder? Ach, komm schon, die Kinder sind sonst furchtbar enttäuscht!" Wer bringt es da fertig, ein gemeiner Spielverderber zu sein, der die ganze Weihnachtsstimmung und den Familienfrieden auf dem Gewissen hat. Bekanntlich gibt es über die Feiertage den meisten Zoff im trauten Heim.
Der Auserwählte erscheint also zu vereinbarter Zeit im schicken Dress mit dem alten Kartoffelsack auf dem Buckel vor der Wohnungstür und läuft zu laienschauspielerischen Höchstleistungen auf. Peinlich genau sollte er auf den guten Sitz des Kostüms achten. Weder lose Bärte noch heraus fallende Bauchattrappen ernten den Beifall der Jugend. Wohl dem, der textsicher ist und das obligatorische „Ho, ho, Kinder, wart ihr auch alle schön artig?" fließend über die Lippen bringt. Beliebt ist auch der einfallsreiche Einleitungssatz: „Ich bin’s, der Weihnachtsmann!"
Der noch etwas ungeübte Darsteller macht häufig den Fehler, mit der Stimmlage oder dem Tonfall zu übertreiben, was bei jüngeren Kindern dann manchmal zu kurzfristigen Angstattacken und Weinkrämpfen führt. Auch das allzu energische Wedeln mit der Weidenrute und sonstige Drohgebärden sind bei modernen, antiautoritär erzogenen Kindern nicht zu empfehlen, da sonst zwanzig Jahre später der Therapeut erfährt, wie aggressiv der Weihnachtsmann war.
Bei guter Vorbereitung und ausreichendem Rollenstudium funktioniert die Geschenkübergabe im Allgemeinen reibungslos, vorausgesetzt „der Weihnachtsmann" hat die richtigen Geschenke in den Spielzeug- und Multimediaabteilungen der großen Kaufhäuser beschafft. Sobald die Kleinen den begehrten Inhalt vom lästigen Geschenkpapier - das Mama zwei Stunden lang liebevoll drumherum drapiert hat- befreit haben und Mama dabei ist, das Altpapier einzusammeln, wird der Weihnachtsmann sowieso unwichtig beziehungsweise lästig.
Aber seien wir einmal ehrlich: So richtig lustig und zum langjährigen Weitererzählen geeignet sind doch eigentlich mehr die „Weihnachtsmann-Pannen". Da können Erwachsene ja so kreativ werden! Was sagt man denn der Vierjährigen, die steif und fest behauptet, dass „der Weihnachtsmann genauso riecht wie Papi" oder dem Steppke, der partout die Handschuhe vom Onkel Stefan am Weihnachtsmann wieder erkennen will. Eine besonders häufig gestellte Frage lautet: „Warum hat denn der Weihnachtsmann unter seinen Haaren noch andere Haare?" Na, warum hat er denn? Natürlich, weil der Herr Nachbar beim Perücke aufsetzen nicht in den Spiegel geguckt hat!
Wir können also zusammenfassen: Wer lügt, sollte dabei die Stimme anständig verstellen, Ausreden parat haben, das Sofakissen gut festschnallen und auf verräterische Attribute verzichten.
Ansonsten könnte es dem Weihnachtsmann so ergehen wie dem Herrn Vater der Autorin, der einst von seinem empörten dreijährigen Töchterchen zu hören kriegte: „Aber Papa, du bist ja der Weihnachtsmann!"
Leilah Lilienruh
Veröffentlicht von: Leilah Lilienruh Web: http://www.wortquelle.de Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| -Geboren am 1.4.1963 in Offenbach a. Main
-verheiratet, drei Kinder, wohnhaft in der Nähe von Kassel
-Nach dem Abitur Ausbildung zur Zeitungsredakteurin, anschließend Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen
-Während des Studiums und später langjährige Tätigkeit als Freie Journalistin, Schwerpunkte Frauenpolitik, Reise und Kultur
-Als Ghostwriterin für Verlage, Unternehmen und Privatpersonen tätig
-Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Gedichten in Zeitungen
-Seit 2000 maßgebliche Mitwirkung als Texterin, Komponistin und Zeichnerin bei der Realisierung von Hörbüchern, Hörspielen und Gedichtheften in Horatio Hudls Projekt „Atelier Wortquelle“. www.wortquelle.de
-Aus Gründen künstlerischer Freiheit und zur Wahrung der Privatsphäre der Familie ausschließliche Arbeit unter Pseudonymen, im Lyrik –und Prosabereich Leilah Lilienruh.
-2005 Aufnahme in die „Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen
Gedichts“ durch die „Brentano-Gesellschaft & Cornelia Goethe Akademie“ zu Frankfurt a. Main. Das ausgewählte Werk entstammt der Lyriksammlung „Gezeitenlos“, die von „Atelier Wortquelle“ als Hörbuch realisiert wird.
-Das Manuskript zu einem sozialkritischen Roman wurde kürzlich vollendet. |
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