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„Paint it black“ - Schwarzmalerei bei der Telekom

Kategorie: Medien & Kommunikation
Artikel veröffentlicht von: Thomas Lenz


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Im derzeitigen Streik der Telekom-Mitarbeiter gegen Umstrukturierungsmaßnahmen mit Mehrarbeit bei geringerer Entlohnung ist soweit kein Ende in Sicht. Von Schwarzmalerei kann jedoch keine Rede sein. Laut einem Interview im Deutschlandfunk vom 29.05. sieht Vorstandschef René Obermann den Konzern bestens vorbereitet, um die gegenwärtige Lage eine ganze Weile durchzuhalten, und Verzögerungen für den Kunden liegen seiner Wertung nach „im Rahmen der >Verträglichkeit<". An den geplanten Maßnahmen jedenfalls führe kein Weg vorbei. Da will man sich keine Steine in den Weg legen lassen.

Welche Steine jedoch hingegen ins Rollen gebracht werden sollten, als sich die Telekom-Marketingexperten dazu entschlossen, das ramponierte Konzernimage ausgerechnet mit dem Rolling-Stones-Klassiker „Paint it black" aufzupolieren, weiß wohl nur die Entscheiderriege selber. Ob der scheidende Bereichsleiter Jens Gutsche seinem ehemaligen Arbeitgeber da augenzwinkernd noch ein schickes Abschiedsgeschenk hinterlassen wollte, oder ob ein in die Jahre gekommenes Vorstandsmitglied in seiner privaten Plattensammlung nach etwas gesucht hat, das ein jüngeres Kundenpotential von Arcor, Base & Co. weglocken soll (sogar Hans Eichel hatte sich ja bei Gelegenheit schon zu Mick Jagger bekannt) – das Ergebnis jedenfalls verursacht nur Kopfschütteln.

Was will uns der rose Riese da mitteilen? Dass das beworbene Produkt „T-Home" gestalterisch auf einem schwarzen Hintergrund stattfindet? Vermutlich. Sofern man hier aber nicht etwa der Lebenssituation streikender Konzernmitarbeiter Tribut zollen will, die derzeit allen Grund zur Schwarzmalerei sehen, muss man schon ignorieren, dass einem Song wie „Paint it black" eine durch und durch ausweglos-depressive Weltsicht zugrunde liegt. Doch wen sollten solche Spitzfindigkeiten schon stören? Denn auch ohne viel inhaltlichen Frohsinn zu verbreiten (denn „with no loving in our souls and no money in our coats you cant say we´re satisfied") hatte mit einigem Staunen im Feuilleton schon ein anderer Titel der unkaputtbaren Rentnerband (wohlgemerkt unter deren Protest) einen vermeintlich erfolgreichen PR-Soundtrack geliefert und gar der Bundeskanzlerin den Wahlkampf musikalisch untermalt. Warum sich also Gedanken über Sinn und Unsinn von Inhalten machen? So jedenfalls wird man wohl gedacht haben – immer vorausgesetzt, da ist überhaupt gedacht worden.

„Paint it black" gehört bekanntlich zu den am fleißigsten gecoverten Titeln der Musikgeschichte, und der damit verbundene hohe Wiedererkennungswert hat den Marketing-Experten fraglos Anlass genug geboten, hier eine deutliche Empfehlung auszusprechen – Inhalte hin oder her. Unabhängig davon hat sich über die Jahre hinweg allerdings auch eine ganz spezielle Assoziation hartnäckig manifestieren können, die dem Stück über seine bloße Popularität hinaus bis heute politische Brisanz verleiht. Als Stanley Kubrick nämlich 1987 die Entscheidung traf, sein Vietnamkriegs-Epos „Full Metal Jacket" mit den Stones ausklingen zu lassen, war das Schicksal des Titels schnell besiegelt und seine Rezeption neu justiert. Aus der drogenlastigen Depressions-Hymne war über Nacht eine Anti-Kriegsballade geworden, und das sollte sie auch für eine ganze Weile bleiben. Derartig Profundes jedoch zur Kenntnis zu nehmen, kann man nun offensichtlich weder von den Telekom-Entscheidern noch von ihren Marketing-Experten verlangen. Denn kulturell-soziologische Rezeptionsästhetik ist ABM für Akademiker, aber nichts für Etatplaner und Budgetverwalter, richtig?

Jetzt sind diese finsteren Zeiten vorbei, und die Telekom setzt uns die rosa (pardon, magentafarbene) Brille auf, wenn wir Mick und seinen Jungs dabei zuhören, wie sie die Welt Zug um Zug schwarz und schwärzer malen. Man fragt sich mit einer gewissen Berechtigung, welche treibenden Kräfte genau man hier vermuten muss. Postmoderne Spielerei, heillose Beliebigkeit oder schlichte Indifferenz? Halten die Entscheider den Konsumenten für so dumm, wie dieser sich wohl fühlen mag angesichts einer solchen Kommunikationsstrategie, oder ist es ihnen einfach egal, was die ohnehin in Scharen davonlaufenden Kunden denken?

Viel ungünstiger jedenfalls hätte der Zeitpunkt zum Start der Kampagne kaum ausfallen und die alles andere als rosa gefärbte Zukunft der streikenden Mitarbeiter schwerlich besser kommentiert werden können. Umso dankbarer muss man dem Konzern wohl für seine weise Entscheidung sein, nicht einfach zu schweigen, sondern sich unfreiwillig selber ein Eigentor zu schießen. Respekt.


Veröffentlicht von: Thomas Lenz
Web: http://www.alienus-mediaconsulting.de
Kontakt: e-mail


Über den Autor:
Thomas Lenz, Alienus Mediaconsulting, Bonn. Der Autor arbeitet als Unternehmensberater und betreut Firmenkunden, Künstler und Medienschaffende in Fragen von PR, Strategie und Marketing.
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