Online-Gruppendiskussion: Gefahr oder Chance für die Forschung?Kategorie: Wissenschaft Artikel veröffentlicht von: Klemens Auinger
Die Rationalisierung und Optimierung macht auch nicht vor der Markt- und Meinungsforschung halt. Wenn man in letzter Zeit die Angebote diverser Marktforscher genauer betrachtet fällt eines besonders stark auf, es gibt immer mehr sogenannte Online-Verfahren, welche schnell und effizient bisherige Methoden ergänzen oder gar ersetzen sollen. Eine Gruppendiskussion dient vor allem der Erfassung von Aussagen in einer Gruppe oder der Kommunikation innerhalb dieser. Oft verpönt als qualitatives Verfahren, welches im Vergleich zu quantitativen Verfahren kostenintensiv und ungenau scheint, hat es in der Praxis dennoch einen wichtigen Platz im Bereich der Produktforschung. So lassen sich Image, Gestaltung und Geschmack eines Produktes gezielter damit untersuchen als mit einem standardisierten Fragebogen. Auch bei „Tabuthemen" ergeben sich viele Vorteile gegenüber einem Fragebogen.
Wie wird und wurde diese Methode nun transferiert zu einem digitalen Online-Verfahren? Bei einigen Anbietern wird es in Form eines Chatrooms gelöst. Die Teilnehmer sitzen dabei zu Hause an ihren Computern und interagieren wie bei einem gewöhnlichen Chat oder Forum. Hier scheint sich schon der erste Ansatzpunkt zu finden an dem ein(e) Sozialwissenschafter(in) skeptisch wird und das Konzept genauer unter die Lupe nimmt.
Worin besteht der grundlegende Unterschied zwischen der „virtuellen" Lösung und der Face-to-Face Situation einer Gruppe? Die verbale Interaktion muss bei einem Chat den Umweg über die Schrift nehmen. Hierbei werden aus verständlich praktischen Gründen andere Wörter verwendet (vor allem in abgekürzter Form) als bei einem direkten Gespräch. Die Reaktion des Gesprächpartners lässt sich nicht durch Gestik und Gesichtausdruck prognostizieren, sondern beschränkt sich auf die Interpretation der vorherergangenen schriftlichen Äußerungen des virtuellen Gegenübers. Die Selbstdarstellung erfolgt hier nur verbal ohne andere Anhaltspunkte. Ein möglicher Vorteil liegt hier in einer kurzzeitigen Reduktion von Vorurteilen aufgrund der Erscheinung des Interaktionspartners, dennoch kann dieser Effekt ins Gegenteil kippen und das Vorurteil an einer Aussage festgemacht werden ohne einen optischen Kontext (Geschlecht, Alter usw.) zu beachten. Sogenannte Kontexthilfestellungen wie Angaben über das Geschlecht oder Beruf bieten nicht immer eine ausreichende Hilfestellung, denn solche Angaben können bekanntlich im anonymen Raum des Internets schnell geändert werden. Eine klassische Gruppendynamik lässt sich mit diesem Verfahren nicht abbilden und es werden die Zweifel stärker, ob hier die Bezeichnung für die Methode falsch gewählt wurde. Bei einer skeptischen Sichtweise lässt sich Argumentieren, dass dasselbe Ergebnis auch mit einer Mailgroup erreichbar wäre und eine Auswertung nach inhaltsanalytischen Gesichtpunkten ein saubereres Bild abgibt.
Welche Vorteile bieten die sogenannte Online-Gruppendiskussion gegenüber der herkömmlichen direkten Version? Eine Stärke ist die Anonymität, die bei besonders sensiblen Themen offenere Antworten ermöglicht (Bsp.: bei Tabuthemen wie Sexualität, usw.). Im Gegensatz zu einer anonymen schriftlichen Befragung ist hier ein Minimum an Interaktion möglich und die Meinung des Einzelnen wächst und ändert sich durch die direkte Konfrontation mit den Inhalten der anderen Teilnehmer. Es lassen sich gruppendynamische Effekte beobachten, welche durch physische Anwesenheit möglicherweise nicht oder nur geringer zu Tage treten. Dieser Vorteil stellt eine große Chance für viele Forschungsbereiche dar bei geringen Kosten heikle Forschungsfragen empirisch zu untersuchen.
Die größte Gefahr geht aber von den niedrigen Kosten aus, denn dieses Argument überwiegt in der Praxis leider nur allzu oft den tatsächlichen Nutzen eines Verfahrens. Es ist für einen Auftraggeber nur bedingt nachvollziehbar, weshalb eine herkömmliche Gruppendiskussion mehrere Tausend Euro kostet und eine Online-Variante, welche faktisch auf Abruf ohne lange Vorlaufzeit verfügbar ist, nur einige Hundert Euro kostet. Hier sind die Sozialwissenschafter(innen) aus dem universitären Bereich und jene aus der wirtschaftlichen Praxis gefordert das Einsatzgebiet einer neuen Methode klar und deutlich zu kommunizieren, um einen Qualitätsstandard von Forschung langfristig und nachhaltig zu sichern.
Veröffentlicht von: Klemens Auinger Web: http://www.sozab.at Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Klemens Auinger, Mag. |
Soziologe aus Linz / Österreich | Geschäftsführender Gesellschafter bei Soz:AB | Herausgeber von Sozialphysik - Magazin für Soziologie |
web: www.sozab.at | www.sozialphysik.at |
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