Nicole Mouidi-Petignat: Die Schweizer Schiedsrichter-PionierinKategorie: Sport Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
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Als erste Schiedsrichterin für Fußballspiele von Profi-Kickern in Europa lief im Sommer 1996 die damals 30-jährige Schweizerin Nicole Mouidi-Petignat, geborene Petignat, in Baden (Kanton Aargau) auf den grünen Rasen. Der weibliche Referee leitete fortan Spiele in der Schweizer „Nationalliga B", die mit der „Zweiten Fußballbundesliga" in Deutschland vergleichbar ist.
Nicole Petignat und ihre Schwester Dominique wurden am 27. Oktober 1966 als Zwillinge in La Chaux-de-Fonds im schweizerischen Kanton Neuchâtel geboren. Ihr Vater Georges Petignat arbeitete damals als Mechaniker, ihre Mutter Colette als Hausfrau. Nicole und Dominique haben noch eine Schwester namens Marie. Schon als Volksschülerin träumte Nicole davon, neben internationalen Fußballstars wie dem Franzosen Michael Platini als Schiedsrichterin in ein großes Stadion einzulaufen.
Bereits mit 16 Jahren begeisterten sich die Gymnasiastinnen Nicole und Dominique in Alle (Kanton Jura), wo beide an Schülerturnieren teilnahmen, für den Fußballsport. Gerne hätten sie in einer Frauen-Fußballmannschaft mitgespielt, doch im Jura gab es keine solche. Aus diesem Grund besuchten sie als 17-Jährige heimlich, weil sie das Veto ihrer Eltern befürchteten, ihren ersten Schiedsrichter-Lehrgang. Mit den beiden schwarzen Schiedsrichter-Pfeifen, die sie 1983 erhielt, leitete Nicole später all ihre Spiele.
Zwei Jahre später besuchte die 19-jährige in Lausanne das Konservatorium und ergriff nach erfolgreicher Ausbildung den Beruf einer Musiklehrerin. In Lausanne spielte sie Eishockey und Handball, in Prilly Volleyball und in Renens Fußball, wobei sie bis in die höchste Spielklasse aufstieg.
Der Frauenfußball enttäuschte Nicole bald sehr, weil sich die Mitspielerinnen sowohl auf als auch neben dem Platz unfair verhielten. Außerdem störten sie die sexuellen Neigungen (Homosexualität) von Mitspielerinnen. Deswegen stieg sie 1986 aus.
1988 lernte die 21-jährige Nicole Petignat im Schwimmbad den 20 Jahre alten Marokkaner Mohammed Mouidi, kennen der in Montpellier (Frankreich) studierte und im Jura seine Ferien verbrachte. Nach der 1991 geschlossenen Heirat mit ihm lebte sie zunächst in Sigigen (Kanton Luzern) und später in Gossau (Kanton Sankt Gallen).
Anders ihre Schwester Dominique, die nach ihrer 1987 geschlossenen Heirat zwei Kinder zur Welt brachte und ihre Schiedsrichter-Pfeife an den Nagel hängte, entschied sich Nicole Mouidi-Petignat dazu, keinen eigenen Nachwuchs haben zu wollen. Als Schiedsrichterin wurde Nicole zunächst bei Spielen der „Fünften Liga", der „Alten Herren" und der „Junioren" eingesetzt.
Am 22. Juli 1996 leitete die 30-jährige Nicole Mouidi-Petignat beim Spiel von Baden gegen Locarno ihr erstes Match von Profis in der Schweizer „Nationalliga B". Dabei pfiff sie 73 Mal, gab drei gelbe Karten und in der 93. Minute noch Rot, weil der Badener Tormann den Ball außerhalb des Strafraums mit der Hand aufnahm. Obwohl seine Elf 0:1 verloren hatte, lobte der Badener Trainer René Erlachner die Schiedsrichterin: „Sie war der ,beste Mann‘ auf dem Platz!"
Entgegen ihren anfänglichen Befürchtungen, sie könne als erste Frau in „Nationalliga"-Kreisen nicht akzeptiert werden, verschaffte sich Nicole Mouidi-Petignat rasch Respekt. Nach mehr als einem Dutzend von ihr geleiteten Spielen erklärte sie, alle meinten es gut mit ihr, und sie werde von allen Seiten respektiert.
Der Chef der Schweizer Schiedsrichter, Werner Müller, bescheinigte der „Schiedsrichter-Revolutionärin", sie habe sich ihren kometenhaften Aufstieg nicht ermogelt, sondern ehrlich und hart erkämpft. Bei allen Tests im Trainingslager von Gran Canaria behauptete sich Nicole unter erwachsenen Männern in der ersten Hälfte der Teilnehmer. Müller prophezeite der attraktiven Schiedsrichterin, dank ihrer persönlichen Ausstrahlung, ihrer Akzeptanz bei den Spielern, ihrer Kondition und ihrer Cleverness werde sie auch den Weg in die Schweizer „Nationalliga A" finden.
In der Fußballsaison 1996/1997 sammelte Nicole Mouidi-Pétignet erste internationale Erfahrungen. Damals leitete sie die Europameisterschafts-Ausscheidungsspiele Deutschland–Slowakei, Dänemark–Portugal und Kroatien-Italien. Außerdem pfiff sie die „U 16"-Länderspiele Schweiz–Slowakei und Schweiz–Schweden. Beim „Blue-Star-Weltklasse-Juniorenturnier" war der Funktionär Sepp Blatter vom „Internationalen Fußballverband" (FIFA) derart von Nicole begeistert, dass er ihr spontan zu ihrer Leistung als Referee gratulierte und ihr versprach, etwas für sie zu tun.
Die Tricks der Kicker auf dem grünen Rasen sind der 1,65 Meter großen und 55 Kilogramm schweren Nicole Mouidi-Petignat bestens bekannt: Ihr Mann Mohammed Mouidi – genannt „Simon" – spielte als Verteidiger beim FC St. Gallen in der „Nationalliga", bevor er wegen einer Knieverletzung als Trainer-Assistent arbeitete. Nach Nicoles Beobachtungen spielen Männer beim Fußball viel mehr Theater als Frauen, während Frauen öfter meckern als Männer.
Vom 29. Juni bis zum 12. Juli 1997 wurde Nicole Mouidi-Petignat als erste schweizerische Schiedsrichterin zu einer Europameisterschafts-Endrunde für Frauen in Norwegen und Schweden aufgeboten. Diese Ehre fiel in ganz Europa nur acht Auserwählten zu. Am ersten Tag wurde sie in Oslo über zwei Mal 400 Meter, zwei Mal 200 Meter, zwei Mal 50 Meter und im Zwölf-Minuten-Lauf getestet.
Seit 1996 arbeitet Nicole Mouidi-Petignat als Medizinal-Masseuse und Geschäftsführerin der „Sauna+Massage Wilensis" in Wil (Kanton St. Gallen). In der Mittagszeit joggt sie täglich zehn Kilometer lang auf dem Vita-Parcours. Abends erledigt sie daheim die Hausarbeit und findet manchmal noch Muse zum Klavierspielen. Am Wochenende ist meistens ein Fußballmatch zu leiten. Beim Duschen danach gibt es keine Probleme: Meistens geht sie als erste unter die Brause und danach die Linienrichter.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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