Nadeshda Krupskaja: Die Frau an Lenins SeiteKategorie: Personalien Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als führende Theoretikerin der sowjetischen Pädagogik gilt die russische Revolutionärin und Politikerin Nadeshda Krupskaja (1869–1939). Die Frau und Kampfgefährtin des Revolutionärs und Politikers Wladimir Iljitsch Uljanow (1870–1924), genannt Lenin, leistete in den 1920-er und 1930-er Jahren bei der Entwicklung des Volksbildungswesens vorbildliche Aufbauarbeit. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehörten die Beseitigung des Analphabetentums und der Unwissenheit der Arbeiterschaft.
Nadeshda Krupskaja kam am 26. Februar 1869 als Tochter adliger, jedoch verarmter Eltern in Sankt Petersburg (Russland) zur Welt. Ihr Vater war ein ehemaliger russischer Offizier, der wegen seiner Sympathien für die polnische Befreiungsbewegung aus dem Staatsdienst entlassen wurde.
Von ihren Eltern wurde Nadeshda Krupskaja auf ein Gymnasium geschickt. Im Alter von 20 Jahren kam sie im illegalen Studentenzirkel mit dem marxistischen Gedankengut in Berührung. Nach dem Abitur wollte sie als Lehrerin arbeiten, bekam aber keine Anstellung. Ab 1891 unterrichtete sie als Lehrerin an einer Abend- und Sonntagsschule in dem Dorf Smolenskoje bei Sankt Petersburg, wo sie die Fabrikarbeiter zugleich in der marxistischen Lehre unterwies.
Im Herbst 1893 lernte die 24-jährige Nadeshda Krupskaja bei einer Versammlung der Sankt Petersburger Marxisten den 23 Jahre alten Rechtsanwalt Wladmir Iljitsch Lenin kennen. Dank gemeinsamer Interessen und gemeinsamen Kampfes entwickelte sich bald eine Freundschaft. Nadeshda schloss sich dem von Lenin 1895 gegründeten „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse" an. Im Dezember 1895 wurde Lenin verhaftet, einige Monate später auch Nadeshda.
Bevor Lenin im Februar 1897 zu seinen Verbannungsort Schuschenskoje im Gouvernement Krasnojarsk in Sibirien fuhr, schickte er Nadeshda einen Brief mit Mitteilungen in Geheimtinte zwischen den Zeilen ins Gefängnis. In diesem Brief, dessen Geheimtext erst lesbar war, wenn man das Papier erwärmte, offenbarte Lenin seine Gefühle gegenüber Nadeshda.
In einen anderen Brief aus seinem Verbannungsort bat Lenin die von ihm verehrte Nadeshda, sie solle seine Frau werden. Darauf stellte diese bei der Polizeibehörde den Antrag, nicht in Ufa, wie es in ihrem Urteil verfügt worden war, sondern ebenfalls nach Schuschkoje verbannt zu werden. Die Polizei stimmte der Verbannung unter der Bedingung zu, Nadehsda und Lenin müssten umgehend heiraten.
Am 7. Mai 1898 kam die Braut Lenins mit ihrer Mutter, die ihre Tochter nicht allein in die Verbannung reisen lassen wollte, auf einem Pferdefuhrwerk in Schuschenskoje an. Weil von Lenin in der Kreisstadt Minussinsk keine Akte vorlag, die zu einer Eheschließung nötig war, durften beide nicht sofort heiraten.
Die Hochzeit zwischen Nadeshda und Lenin konnte erst am 10. Juli 1898 in Schuschenskoje stattfinden. Da nach damaligen Bestimmungen in Russland eine Heirat nur rechtsgültig war, wenn sie kirchlich vollzogen wurde, mussten die beiden Atheisten von einem Popen getraut werden. Die für diese Zeremonie nötigen Eheringe wurden von einem finnischen Arbeiter und Streikführer aus dem Sankt Petersburger Putilow-Werk aus kupfernen Fünfkopeken-Münzen gefeilt.
Während der Verbannung überstützte Nadeshda ihren Mann Lenin bei seinem illegalen Kampf und verfasste die Schrift „Die arbeitende Frau", mit der sie die werktätigen Genossinnen zum aktiven Widerstand gegen Unterdrückung und Ausbeutung anspornte. Lenins Verbannungszeit in Schuschenskoje endete am 29. Januar 1900. Anschließend musste Nadeshda noch ein Jahr in der Verbannung in Ufa verbringen.
1901 folgte Nadeshda ihrem Gatten in die Emigration nach München. Dort gab Lenin seit dem 24. Dezember 1900 zusammen mit den Revolutionären Georgi Walentinowitsch Plechanow (1856–1918) und L. Martow (1873–1923) die illegale Zeitung der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands" mit dem Titel „Iskra" („Der Funke") heraus. Nadeshda wurde Redaktionsekretär der Zeitung „Iskra" und übte diese Funktion später auch in London aus.
Danach folgte Nadeshda Krupskaja ihrem Mann in die Schweiz, arbeitete für die Partei und führte eine Geheimkorrespondenz mit Leninisten in allen größeren Orten Russlands. Außerdem studierte sie das Schul- und Erziehungswesen der westeuropäischen Länder. In Zeitungsartikeln kritisierte sie die Bildungspolitik des Zarismus.
1902 erschien Lenins theoretische Schrift „Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung", in der er sein Konzept von einer Kaderpartei, die die Führung im Kampf um den Sozialismus zu übernehmen habe, entwickelte. Diese Forderung führte 1903 zur Spaltung der russischen Sozialdemokratie in die Menschewiki und in die von Lenin geführten Bolschewiki.
1905 kamen Lenin und seine Frau nach Russland zurück und beteiligten sich an der ersten russischen Revolution (1905–1907), die nicht zum Ziel führte. 1907 musste das Ehepaar erneut in die Emigration und lebte im folgenden Jahrzehnt vor allem in Genf, Paris, Krakau, Bern und Zürich. Auf Lenins Anregung schrieb seine Frau das Buch „Volksbildung und Demokratie" (1917), in dem sie sich für die von den deutschen Philosophen und Politikern Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) geforderte polytechnische Bildung der Arbeiterjugend einsetzte.
Am 12. März 1917 (nach dem in Russland damals gültigen Kalender am 27. Februar) zwang die Februarrevolution die Zarendynastie Romanow zur Abdankung. Im April 1917 kehrten Lenin und Nadeshda nach Russland zurück. Lenin verkündete in seinen „Aprilthesen" sein radikales Aktionsprogramm mit den massenwirksamen Parolen „Frieden um jeden Preis!", „Alles Land den Bauern!" und „Alle Macht den Sowjets!". Seine Frau mobilisierte vor allem Frauen und Jugendliche für Ideen und Ziele der Bolsche-wiki.
Nach einer von den Bolschewiki unterstützten, jedoch gescheiterten Arbeiter- und Soldatenrevolte im Juli 1917 floh Lenin nach Finnland, wo er mit seiner Schrift „Staat und Revolution" (1917) eine marxistische Staatstheorie entwickelte. Auf den gescheiterten Putschversuch des Generals Kornilow Anfang September 1917 folgte am 7. November 1917 (nach dem in Russland damals gültigen Kalender 25. Oktober) der von dem Vorsitzenden des Militärrevolutionären Komitees, Leo Trotzki (1879–1940), vorbereitete Aufstand in Sankt Petersburg. Er brachte den Sieg der Oktoberrevolution in Russland, durch den Lenin als Vorsitzender des „Rates der Volkskommissare" an die Macht kam.
In einem Brief vom Dezember 1922/Januar 1923, der später als „Vermächtnis Lenins" bezeichnete wurde, forderte der kranke Lenin die Abberufung Josef Stalins (1879–1953) vom Amt des Generalsekretärs der Partei. Er konnte dies aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes nicht mehr durchsetzen. Stalin vergaß später nie, dass durch die Krupskaja das „Vermächtnis Lenins" bekannt wurde.
Über den Tod ihres Manns Lenin am 21. Januar 1924 kam Nadeshda Krupskaja schwer hinweg. Geradezu versteinert stand sie im Säulensaal des „Hauses der Gewerkschaften" an seinem Sarg. Auf der Gedenksitzung des II. Sowjetkongresses hielt sie eine viel beachtete Rede, die eine Flut von Briefen und Telegrammen auslöste, die sie in der Zeitung „Prawda" beantwortete.
In einem Brief bat Nadeshda Krupskaja darum, nicht „in äußerliche Verehrung Lenins zu verfallen", ihm keine Denkmale zu setzen und keine Paläste nach ihm zu benennen. Statt dessen sollte man ihm zu Ehren Kinderkrippen, Kindergärten, Wohnhäuser, Schulen, Ambulatorien, Krankenhäuser und Pflegeheime bauen. Das für Lenin errichtete Mausoleum besuchte sie, weil ihr das sehr schwer fiel, nur selten.
Ab 1924 arbeitete Nadeshda Krupskaja im „Volkskommissariat für Volksbildung". 1927 wurde sie Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der „Kommunistischen Partei der Sowjetunion" (KPdSU). 1929 ernannte man sie zum stellvertretenden Volksbildungskommissar.
Nadeshda Krupskaja engagierte sich für die Beseitigung des Analphatentums und der Unwissenheit der Arbeiterschaft, leitete die Vorschulerziehung, errichtete ein ausgedehntes Netz von Schulen, Bibliotheken, Klubs, Dorflesestuben und die „Kommunistische Pädagogische Akademie der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik" (RSFSR). Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski (1875–1933), der erste sowjetische Volksbildungskommissar von 1917 bis 1929, lobte sie als die „Seele seines Ministeriums".
Ab 1931 war Nadeshda Krupskaja Ehrenmitglied der „Akademie der Wissenschaften der UdSSR". Für ihre unermüdliche Tätigkeit zum Wohl der Sowjetheimat wurde sie mit dem Leninorden und dem „Roten Arbeiterbanner" ausgezeichnet.
Die letzten Lebensjahre von Nadeshda Krupskaja fielen in die Zeit des Personenkults um den Diktator Josef Stalin. Obwohl sie im Kreml in derselben Wohnung lebte wie Lenin, empfing Stalin sie nicht und sprach nicht mit ihr.
Einen Tag nach ihrem 70. Geburtstag starb Nadeshda Krupskaja am 27. Februar 1939 in Moskau. Ihre Urne wurde an der Kremlmauer beigesetzt.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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