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Micromelerpeton credneri: Ein Kiemensaurier aus dem Perm

Kategorie: Wissenschaft
Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst


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Das Amphibium Micromelerpeton credneri war einer der Urlurche, die während der frühen Permzeit vor etwa 290 bis 260 Millionen Jahren in den damaligen Seen von Südwestdeutschland lebten. Fossilien dieser Art kamen bisher nur im Saar-Nahe-Gebiet zum Vorschein. Bekannte Fundort sind die Umgebung von Langenthal an der Nahe, Odernheim am Glan, Rehborn am Glan und Gundersweiler. Möglicherweise existierte die Art auch in Autun in Frankreich.

Die frühe Permzeit wird wegen der auffällig rotgefärbten Gesteine aus diesem Zeitabschnitt in Mitteleuropa auch als Rotliegendzeit bezeichnet. Ablagerungen aus dieser Zeit treten beispielsweise auf der linken Rheinseite bei Nierstein und Nackenheim unweit von Mainz und örtlich im Saar-Nahe-Gebiet besonders deutlich zutage.

Der Urlurch Micromelerpeton credneri zählt zu den so genannten Branchiosauriern (Kiemensaurier). Der Name Branchiosaurier fußt darauf, dass diese Tiere zeitlebens seitlich am Kopf Kiemenbündel trugen, mit denen sie im Wasser atmen konnten. An den Kiemen befanden sich auch bei erwachsenen Tieren Kiemenzähne.

Die Branchiosaurier machten keine Metamorphose durch, bei der sich Larven zum fertigen Tier entwickeln – so wie etwa aus Kaulquappen Frösche entstehen. Stattdessen verharrten sie äußerlich im Larvalstadium, entwickelten aber viele Merkmale, die erwachsene Tiere besitzen. Ähnliches gibt es auch in der heutigen Tierwelt unter den Amphibien: So sieht der Molch Axolotl aus Mexiko wie eine ausgewachsene Larve aus.

Micromelerpeton credneri erreichte von der Kopf- bis zur Schwanzspitze eine Länge bis zu etwa 20 Zentimeter. Sein Schädel ist kurz und hat eine kurze Schnauze. Die Augenöffnungen liegen in der vorderen Schädelhälfte. Außer den Zähnen an den Rändern der Kiefer trug dieser Urlurch auch Zähne auf dem Gaumen.

Auf dem Schädeldach von Micromelerpeton credneri ist das rätselhafte so genannte „dritte Auge" (Pinealforamen) im Bereich des Scheitelbeins sichtbar. Früher glaubte man irrtümlich, es habe einmal eine Zeit gegeben, in der bei der Mehrzahl der Wirbeltiere ein „dritter Blick nach oben" üblich gewesen sei. Amphibien und Reptilien hätten mit dem Scheitelauge vermutlich aus ihren Schlammverstecken nach oben schauen und so die Situation beherrschen können. Heute vermuten die Wissenschaftler, dass es sich hauptsächlich um ein thermoregulatorisches Organ handelt, das durch die Aufnahme des Sonnenlichtes die Aktivität, unter anderem die Temperatur, regelt und damit auch für die Lebensdauer der Tiere von ganz entscheidender Bedeutung ist. Zudem beeinflusst es über die Schilddrüse die Fortpflanzung, indem es die Geschlechtsreife, die Fortpflanzungszeit und die Kopulationsfähigkeit steuert. Welche weiteren Funktionen das „dritte Auge" noch ausübt, weiß man nicht.

Micromelerpeton credneri hat ein wenig verknöchertes Skelett. Sein schmaler Schultergürtel verweist darauf, dass seine Vorfahren ursprünglich Landtiere waren, die sich sekundär an das Leben im Wasser angepasst haben. Lediglich die Fortpflanzung (Ablaichen und Larvenentwicklung) erfolgte im Wasser. Früher hielt man Fossilien von Micromelerpeton credneri irrtümlich für Larven unbekannter Landtiere.

Im Wasser gehörten zur Nahrung von Micromelerpeton credneri vor allem Insektenlarven, Krebse und Plankton.

Zu den Feinden von Micromelerpeton credneri zählten die großen Urlurche der Art Sclerocephalus haeuseri. Letztere Räuber verschlangen sogar Jungtiere der eigenen Art, wie ein im Geologischen Museum der Bergschule Saarbrücken aufbewahrter Fund beweist: Im Magen-/Darmtrakt befindet sich eindeutig ein Artgenosse.

Die Rotliegendzeit wird in zwei Abschnitte geteilt: Das Unterrotliegende und das Oberrotliegende. Im Unterrotliegenden war das Klima in Deutschland noch verhältnismäßig feucht und sehr warm. Damals herrschten also ideale Lebensverhältnisse für Amphibien, die sowohl im Wasser als auch an Land leben. Der damalige Äquator befand sich etwa auf der Höhe von Basel.

Der Lebensraum von Micromelerpeton credneri in der frühen Permzeit lag im damaligen tropischen Gürtel auf 10 bis 20 Grad nördlicher Breite. Das heißt: Analog zu heutigen tropischen Seen herrschte in den oberen Wasserschichten der damaligen Seen eine Temperatur von ständig mehr als 20 Grad Celsius mit lediglich sehr geringfügigen Schwankungen.

In den Seen der Unterrotliegendzeit lebten Süßwasserfische, darunter bis zu 3 Meter lange Stachelhaie, sowie bis zu 2 Meter lange Urlurche wie Sclerocephalus haeuseri und kleine, unseren heutigen Salamandern äußerlich ähnliche Urlurche von nur wenigen Zentimetern wie Branchiosaurus und Micromelerpeton. An Land bildeten zu jener Zeit baumartige Farne Wälder, in denen viele Insekten existierten.

Die Branchiosaurier, zu denen man Micromelerpeton credneri rechnet, dürften die am häufigsten gefundenen Fossilien von Amphibien aus der Rotliegendzeit sein. Offenbar kam es bei kurzzeitigen Veränderungen der Lebensbedingungen in den Seen zu Massensterben bei Amphibien und Fischen.

Im Oberrotliegenden wurde das Klima merklich trockener. Ehedem ausgedehnte Seen verlandeten oder trockneten aus. Tümpel und kleine Seen entstanden nur noch kurzfristig. Häufig versiegten die Flüsse. Die zu Beginn des Rotliegenden ausgedehnten Farnwälder waren nur noch auf die unmittelbare Nähe der Flüsse und kurzlebigen Seen beschränkt.

Süßwasserseen aus der Rotliegendzeit kennt man in der Gegend von Odernheim am Glan und Jeckenbach bei Meisenheim. Die Fundstelle Odernheim am Glan wurde in den frühen 1920-er Jahren von dem bayerischen Landesgeologen Otto M. Reis entdeckt und ist vor allem durch ihre einzigartigen, mit Hautresten erhaltenen Branchiosaurier berühmt.

Micromelerpeton credneri wurde 1926 von den englischen Wissenschaftlern Oliver M. B. Bulman (1902-1974) und Walter Frederick Whittard (1902-1966) anhand von Funden aus Odernheim am Glan wissenschaftlich beschrieben. Der Artname von Micromelerpeton credneri erinnert an den Leipziger Geologen und Paläontologen Professor Hermann Credner (1841-1913), der die Saurier aus dem Döhlener Becken bei Dresden beschrieb. Er war später Direktor des Sächsischen Geologischen Landesamtes.

Normalerweise besaß Micromelerpeton credneri an den Vorderbeinen vier Finger und an den Hinterbeinen fünf Finger. Vereinzelt wurden aber auch Exemplare dieser Tierart mit fünf Fingern an den Vorderbeinen entdeckt. Der Mainzer Paläontologe Jürgen Boy wertete das spärliche Auftreten von Funden mit vorn fünf Fingern als einen Rückgriff auf altertümliche Merkmale (Atavismus), der belegt, dass die Branchiosaurier von bislang unbekannten Vorfahren abstammen, die ebenfalls ein solches Charakteristikum aufwiesen. Auch andere ausgestorbene Amphibien, die nahe mit Reptilien verwandt sind, verfügen vorn über fünf Finger.

An den Fossilienfundstellen im Nahe-Gebiet in Rheinland-Pfalz darf seit 1986 nicht mehr gegraben oder nach Fossilien gesucht werden. Deswegen gibt es von Branchiosauriern wie Micromelerpeton credneri keine Neufunde mehr. Gelegentlich kommen aber Altfunde aus Privatsammlungen, die vor 1986 geborgen wurden, in den Fossilienhandel.

Altfunde von Urlurchen aus der frühen Permzeit (Rotliegendzeit) sind eine Spezialität des Fossilienhändlers Ernst Probst aus dem Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kostheim, der im Internet die Online-Shops www.urzeit-shop.com und www.antiquitaeten-shop.net betreibt. Teilweise kauft er sogar Urlurche aus anderen Ländern Europas sowie aus den USA und Kanada zurück.

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Literatur:
Boy, Jürgen A.: Die Branchiosaurier (Amphibia) des saarpfälzischen Rotliegenden (Perm, SW-Deutschland), Wiesbaden 1972
Haubold, Hartmut: Die Lebewelt des Rotliegenden, Wittenberg 1983
Lohmann, Ulla: Sclerocephalus haeuseri. Erstrekonstruktion und Lebensweise eines saarpfälzischen Eryopiden aus dem Unter-Rotliegenden – Untersuchung eines Ur-Amphibiums
Probst, Ernst: Deutschland in der Urzeit, München 1986


Veröffentlicht von: Ernst Probst
Web: http://www.antiquitaeten-shop.net
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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler
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