Marianne von Werefkin: Der „russische Rembrandt“Kategorie: Kultur Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
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Zu den genialsten Malerinnen ihrer Zeit gehörte die aus Russland stammende Künstlerin Marianne von Werefkin (1860–1938), die auch in Deutschland und in der Schweiz lebte. In ihrer Heimat wurde sie als „russischer Rembrandt" bezeichnet. Über sich selbst sagte sie einmal: „Ein Leben ist viel zuwenig für alle die Dinge, die ich in mir spüre".
Marianne von Werefkin wurde am 29. August 1860 als Tochter eines Barons und einer Ikonen malenden Mutter im Gouverneurs-Palais von Tula bei Moskau geboren. Im Auftrag des Zaren zog die Familie acht Jahre später nach Wilna (Litauen) um. Marianne wuchs auf dem Gut Blagodat im litauisch-russischen Department Kowno auf und erhielt Zeichen- und Malunterricht.
In ihrer Jugend hielt sich Marianne von Werefkin zeitweise in Sankt Petersburg auf. Der ukrainische Realist Ilja Repin (1844–1930) erteilte ihr Privatunterricht. 1888 durchschoss sie sich bei einem Jagdunfall die rechte Hand. Um weiter zeichnen zu können, konstruierte sie eine Bleistiftkrücke.
Durch Ilja Repin lernte Marianne von Werefkin 1891 den 27-jährigen Alexej von Jawlensky (1864–1941), der durch seinen Militärdienst nach Sankt Petersburg gelangt war, kennen und lieben. Gemeinsam mit Jawlensky, der seinen Militärdienst quittierte, verließ die Baronin 1896 Russland, zog nach München und schloss sich dort der russischen Künstlerkolonie an. Zunächst hatte sie eine Doppelwohnung in der Giselastraße 23 von Schwabing. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie mit einer von ihrem Vater geerbten zaristischen Pension von jährlich 7000 Rubel.
Bis 1899 besuchten Marianne von Werefkin und Jawlensky die „Azbé-Schule", wo sie 1897 den russischen Künstler Wassily Kandinsky (1866–1944), dem Begründer der abstrakten Malerei, begegneten. 1901 haben sich die Werefkin und Jawlenski einander stark entfremdet. Der Maler hatte mit der 15-jährigen Helene, die zur persönlichen Bedienung der Baronin mit nach München gekommen war, eine intime Beziehung begonnen. Nachdem Helene auf Schloss Anspacki in Russland heimlich den Sohn Andreas zur Welt gebracht hatte, wandte sich Jawlenski fortan der jungen Mutter und deren Sohn so stark zu, dass die Werefkin vereinsamte.
1907 schloss sich Marianne von Werefkin im Alter von 47 Jahren in Paris der Gruppe „Fauves" von Malern um Henri Matisse (1869–1954) an. Damals begann sie, einen neuen Weg in der Kunst zu suchen. Sie verstand, dass sie nicht das malen musste, was sie sah, sondern nur das, was in ihrer Seele lebte. Die Natur, die vor ihr war, soufflierte ihr nur. Ebenfalls 1907 wurde die Werefkin Mitglied der „Münchner Sezession" und der Künstlergruppe „Der Sturm".
1909 gehörte die Malerin zu den Gründungsmitgliedern der „Neuen Künstlervereinigung München". Später stellte sie immer wieder zusammen mit der Expressionistengruppe „Der blaue Reiter" aus, deren Name auf einem 1903 von Wassily Kandinsky gemalten Reiterbildnis basiert. Die übrigen Gründungsmitglieder waren – neben Kandinsky – Gabriele Münter (1877–1962), Alfred Kubin (1877–1959) und Franz Marc (1880–1916).
Außerdem beteiligte sich die Werefkin an der Gründung der Künstlervereinigung „Sankt Lukas". Ihre Gemälde stellte sie in Schweden, den Niederlanden, Russland, Österreich und in der Schweiz aus.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 wurden alle Russen aus Deutschland in die Schweiz abgeschoben. Damals ist auch die Künstlergruppe „Der blaue Reiter" zerbrochen. Marianne von Werefkin reiste über Saint Prex nach Zürich, wo sie unter anderem dem Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926), dem Bildhauer Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) und dem Pianisten und Komponisten Ferruccio Busoni (1866–1924) begegnete.
In Ascona im schweizerischen Kanton Tessin fand Marianne von Werefkin 1914 ein ärmliches neues Zuhause. Weil sie aus Russland keine Pension mehr erhielt, arbeitete sie vorübergehend als Pharmavertreterin. Obwohl sie bettelarm war, wollte sie ihre Gemälde nicht verkaufen.
1924 schloss sich die Baronin Werefkin der Künstlervereinigung „Der große Bär" an, 1920 beteiligte sie sich an der Biennale in Venedig. Am 6. Februar 1938 starb Marianne von Werefkin im Alter von 77 Jahren in Ascona. Die Feierlichkeiten am Grab wurden von einem aus Mailand kommenden Priester in russischer, französischer und italienischer Sprache zelebriert.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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