Add to My Yahoo!
RSS Feeds
Deutsch
English

Margarete Steiff: Die Näherin, die eine Weltfirma gründete

Kategorie: Business & Wirtschaft
Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst


E-Mail Article
Print Article

Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Als „Mutter der Kuscheltiere" und als Gründerin einer Weltfirma machte sich die deutsche Näherin Margarete Steiff (1847–1909) international einen Namen. Ihr wirtschaftlicher Erfolg lieferte ein Paradebeispiel dafür, wie man trotz eines körperlichen Gebrechens – sie litt an den Folgen einer Kinderlähmung – ein glückliches und erfolgreiches Leben führen kann.

Appolonia Margarete Steiff wurde am 24. Juli 1847 als drittes von vier Kindern des Bauwerksmeisters Friedrich Steiff (1816–1894) in Giengen an der Brenz bei Ulm geboren. Der Vater besaß ein Baugeschäft, in dem die Mutter Maria (1815–1889) mitarbeitete. Margaretes ältere Schwestern hießen Marie (geb. 1844) und Pauline (geb. 1845), ihr jüngerer Bruder (1849–1900) erhielt den Namen Friedrich (Fritz).

Im Alter von 18 Monaten – kurz nach der Geburt ihres Bruders – bekam die kleine Margarete hohes Fieber, erholte sich nur langsam und erlitt bleibende Gesundheitsschäden: Ihr linker Fuß wurde vollständig und ihr rechter teilweise gelähmt. Außerdem konnte sie ihren rechten Arm kaum bewegen. Weder Bade- oder Bewegungskuren noch Operationen waren erfolgreich.

Ein Ulmer Arzt erkannte im Winter 1851 bei der Untersuchung der Vierjährigen die damals unerforschte Krankheit Kinderlähmung. Ab 1853 besuchte Margarete die Schule. Von klein an machte sie aus ihrem Schicksal das Beste. Bei schönem Wetter spielte sie im Freien – in einem Leiterwagen sitzend – mit ihren Schwestern und Nachbarskindern. Die Kinder versammelten sich um sie als Mittelpunkt, und sie dirigierte ihre Spiele.

Im Frühjahr 1856 versuchte ein Ludwigsburger Arzt in seiner Kinderklinik vergeblich, die Neunjährige zu heilen. Anschließend verbrachte sie in Wildbad ihre erste Kur. Im Sommer 1857 folgten eine weitere Behandlung in Ludwigsburg und ebenfalls eine Kur in Wildbad. Diese ausgedehnten Urlaube vom strengen Zuhause genoss Margarete sehr. Daheim nannte die von ihren älteren Töchtern an Gehorsam gewöhnte Mutter die quirlige Margarete oft „die böse Gret".

Ab 1858 ging Margarete Steiff in die Nähschule. Um 1862 lernte sie das Zitherspielen, das sie bald so gut beherrschte, dass sie Unterricht geben konnte. Mit 17 Jahren absolvierte sie eine Schneiderlehre. Ihre Schwestern arbeiteten nach der Konfirmation jeweils als Dienstmädchen, eröffneten jedoch um 1862/1863 zusammen mit Margarete eine Damenschneiderei.

Für ihr Geschäft kauften die Schwestern eine Nähmaschine, deren Schwungrad Margarete nur mühsam mit dem schmerzenden rechten Arm antreiben konnte. 1866 gründete Pauline ein Putzmachergeschäft, für das vor allem Margarete die Damen- und Kinderkleidung nähte. Nach der Heirat ihrer Schwestern 1870 bzw. 1873 und deren Wegzug ins Ausland fertigte Margarete Aussteuern für Verwandte und Bekannte an.

Um 1877 wagte Margarete Steiff als 30-Jährige den Sprung in die Selbstständigkeit. Ermutigt vom Mann ihrer Kusine Marie, Adolf Glatz, der Fabrikant in der Filzfabrik seines Schwiegervaters war, gründete sie ein Filzkonfektionsgeschäft. Sie beschäftigte mehrere Näherinnen, welche zunächst für die Stuttgarter Firma Chr. Siegle damals in Mode gekommene Unterröcke aus Filz anfertigten und später für zahlreiche Privatkunden arbeiteten.

Weihnachten 1879 bastelte Margarete Steiff nach einem Vorbild im Journal „Modewelt" für Freundinnen fünf kleine Stoff-Elefanten aus Filz, die sie mit Schafwolle ausstopfte. Diese Geschenke waren eigentlich als Nadelkissen für Erwachsene gedacht, gefielen aber auch Kindern und wurden von diesen als Spielzeuge umfunktioniert. Das bewog Margarete, außerdem Affen, Kamele, Bären, Esel, Papageien und Ochsen herzustellen, die sie später mit Holzwolle füllte.

Anfangs war mit den in geringer Stückzahl angefertigten Stoff-Tieren noch nicht viel Geld zu verdienen. Doch allmählich entwickelte sich die Werkstätte von Margarete Steiff zur Filzsachen- und Spielwarenfabrik. 1889 baute ihr Bruder Fritz, inzwischen Baumeister in Giengen, in der Mühlstraße für sie das erste Firmengebäude, das im Erdgeschoß einen Eckladen und im ersten Stock eine behindertengerechte Wohnung enthielt.

Ab 1890 lebten Margarete Steiff und Johanna Röckh, eine Schwägerin des Bruders Fritz, in dem Haus in der Mühlstraße zusammen. 1892 verschaffte der erste illustrierte Steiff-Katalog den Kunden einen Überblick über das inzwischen entstandene Sortiment. In jenem Jahr versuchte das Textil-Unternehmen, beim Patenamt „das Verfahren zur Herstellung von Tier- und anderen als Spielzeug dienenden Figuren" schützen zu lassen, was jedoch abgelehnt wurde.

1893 erfolgte der Eintrag ins Handelsregister als „Margarete Steiff, Filzspielwarenfabrik Giengen/Brenz". Im Frühjahr desselben Jahres wurden die Steiff-Filzspielwaren in Leipzig erstmals auf einer Messe präsentiert. 1895 erfolgte die erste ausländische Geschäftsbeziehung zu Harrods in London.

Der Durchbruch kam 1897, als Margaretes 20-jähriger Lieblingsneffe Richard Steiff (1877–1939), der zweitälteste Sohn ihres Bruders Fritz, in das Unternehmen eintrat und von der Leipziger Messe mit vollen Auftragsbüchern zurückkehrte. Er besuchte später die Kunstgewerbeschule in Stuttgart und zeichnete im „Nillschen Tiergarten" in Stuttgart zahlreiche Skizzen von Tieren, nach denen erstmals Steiff-Kreationen aus dem neuen und wertvollen Material Mohairplüsch entwickelt wurden. Im Laufe der Zeit traten alle sechs Söhne ihres Bruders Fritz in das Unternehmen ein – nach Richard auch Paul, Franz, Otto, Hugo und Ernst.

1902 entwarf Richard Steiff einen Spielbären mit drehbarem Kopf und zotteligem Fell und präsentierte ihn 1903 in Leipzig. Dort wurde das Kuscheltier jedoch von deutschen Händlern wenig beachtet. Erst beim Einpacken bestellte ein Amerikaner, der auf der Messe vergeblich nach Neuheiten Ausschau hielt, den Steiff-Bären. Dieser gefiel dem Einkäufer so gut, dass er alle 3000 Exemplare orderte. 1903 entstand auch eine Stahl-Glas-Konstruktion in Giengen als neues Firmengebäude und beteiligte sich die Firma an der Weltausstellung in Saint Louis im US-Bundesstaat Missouri.

Seinen Namen und seinen Erfolg in den USA verdankt der „Teddy" dem amerikanischen Präsidenten und leidenschaftlichen Bärenjäger Theodor („Teddy") Roosevelt (1884–1962). Der bekannte amerikanische Zeichner Clifford Berryman (1869–1949), schmückte alle Karikaturen Roosevelts mit einem kleinen Bären. „Teddy" Roosevelts Popularität und die Berryman-Karikaturen wurden zur besten Werbung für den „Teddybären".

Bei der Herstellung der Steiff-Tiere achtete Margarete Steiff genau auf einwandfreie Qualität und nähte neue Muster oft selbst. Ihr Motto lautete: „Für Kinder ist nur das Beste gut genug!" Weil der wachsende Erfolg der Steiff-Tiere immer wieder durch Kopien zu Schleuderpreisen gefährdet wurde, mussten häufig Nachahmer vor Gericht verklagt werden. Dies brachte Franz Steiff auf die Idee, alle Steiff-Produkte durch einen Knopf im linken Ohr vor unrechtmäßigen Nachahmungen zu schützen. Ab November 1904 verließ kein Steiff-Tier mehr die Produktion ohne dieses Markenzeichen, das bald auf der ganzen Welt bekannt war.

1907 fertigten bei Steiff in Giengen bereits 400 Arbeiter in der Fabrik und 1800 Heimarbeiterinnen – neben vielen anderen Stoff-Tieren – sage und schreibe 974000 Teddybären an, das sind fast drei Mal soviel, als heute hergestellt werden. 1996 produzierte Steiff mit 1000 Mitarbeitern etwa 1,5 Millionen Puppen und Tiere, darunter 350000 Teddybären.

Margarete Steiff starb am 9. Mai 1909 im Alter von 61 Jahren im Kreis ihrer Familie. Ihre Neffen führten das Unternehmen weiter. Auch in der Folgezeit schrieb die Margarete Steiff GmbH mehrfach Spielwarengeschichte. Immer wieder setzten Steiff-Produkte wichtige Akzente im Spielwarenmarkt. 1909 kam der schwanzlose, zusammenlegbare Stoffdrache „Rolopolan" auf den Markt, 1926 der Teddy-Clown, 1951 die Comic-Figur „Mecki", 1953 der Teddybär „Jackie" zum 50. Teddybär-Geburtstag und 1984 der Kuschelbär „Petsy".

*

Bestellungen von "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" bei:
www.buch-shop-mainz.de


Veröffentlicht von: Ernst Probst
Web: http://buecher-von-ernst-probst.blogspot.com
Kontakt: e-mail


Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler
Dieser Artikel darf von Dritten für die Inhalte von Newslettern oder Websitecontent verwendet werden. Voraussetzung für eine Veröffentlichung durch Dritte ist, die jeweilige Autoreninfo aus 'Über den Autor', unter jedem Artikel vorhanden, unverändert mit zu veröffentlichen. Ein Verstoß gegen diese Regel, verstößt gegen die Copyright-Bestimmung. Es wäre ebenfalls von Vorteil den Verfasser des Artikels per e-Mail zu informieren, wo sein Artikel veröffentlicht wurde.


Weitere Artikel von Ernst Probst: