Lotte Lenya: Die berühmte Brecht-InterpretinKategorie: Kultur Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Eine der bedeutendsten Sängerinnen und Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts war die österreichische Künstlerin Lotte Lenya (1898–1981), eigentlich Karoline Blamauer. Die zierliche Frau mit der rauchigen Stimme glänzte vor allem in Stücken des deutschen Schriftstellers und Regisseurs Bertold (Bert) Brecht (1898–1956) und mit Liedern des deutschen Komponisten Kurt Weill (1900–1950), obwohl sie nicht Noten lesen konnte.
Karoline Blamauer kam am 18. Ok-tober 1898 als drittes von fünf Kindern einer Arbeiterfamilie im 18. Wiener Bezirk Penzing zur Welt. Ihr Vater Franz Blamauer arbeitete als Lohnkutscher, ihre Mutter Johanna als Wäscherin. Der Vater konnte den Tod seiner ersten Tochter Karoline, die im Alter von nur zwei Jahren an einer fiebrigen Krankheit starb, nicht verwinden und wurde zum chronischen Trinker.
Auf ausdrücklichen Wunsch des Vaters ist die zweite Tochter zur Erinnerung an die Erstgeborene ebenfalls auf den Vornamen Karoline getauft worden. Im Vergleich mit der früh verstorbenen Schwester konnte die zweite Karoline dem Vater nichts recht machen. Wenn der Vater nachts betrunken heimkehrte, weckte und zwang er sie, ihm vorzusingen und vorzutanzen und schlug sie.
Karoline, die zu Hause „Linnerl" gerufen wurde, wuchs zusammen mit ihren Brüdern Franz (geb. 1897) und Maximilian (geb. 1900) sowie ihrer Schwester Maria (geb. 1906) auf. Im Alter von sechs Jahren trat sie in einem kleinen Wanderzirkus als Tänzerin auf. Sie lernte die Kopfstände der Clowns und tanzte auf dem Drahtseil.
Schon als Elfjährige stand Karoline als Prostituierte auf der Straße. Ob sie dies ohne oder mit Wissen der Eltern tat, ist unbekannt. Nach dem Besuch der Volksschule schickte man sie ab 1908 auf eine Oberschule in Bezirk Hitzing. Im Frühjahr 1912 verließ die 13-Jährige noch vor dem Abschluss die Oberschule. Danach arbeitete sie als Aushilfsnäherin und ging weiter der Prostitution nach.
Im Herbst 1913 wurde Karoline zu ihrer kinderlosen Tante Sophie nach Zürich in die Schweiz geschickt. Weil der Arzt Dr. Zaug, dem die Tante den Haushalt führte, über den neuen Gast wenig begeistert war, zog Karoline nach wenigen Wochen zu einem mit der Tante befreundeten kinderlosen Ehepaar namens Ehrenzweig.
Der auf Gruppenbilder für Theaterschauspieler spezialisierte Fotograf Ehrenzweig war mit der am „Stadttheater Zürich" arbeitenden ungarischen Ballettmeisterin Steffi Herzeg eng befreundet und erreichte, dass diese Karoline unterrichtete. Die monatlichen Kosten von 25 Franken teilten sich Tante Sophie, Dr. Zaug und das Ehepaar Ehrenzweig. Während der Weihnachtszeit 1913 spielte Karoline eine Statistenrolle als Blumenmädchen in der Oper „Orfeo".
Im Sommer 1914 musste Karoline nach Wien zurück, weil Dr. Zaug seinen Anteil nicht mehr tragen wollte und es Gerüchte über einen möglichen Krieg gab. In Wien lebte Karoline bei ihrer Mutter, die von ihrem Mann verlassen worden war und einen netten Lebensgefährten gefunden hatte, der aber bald an Tuberkulose starb. Danach geriet die Mutter wieder an einen gewalttätigen Liebhaber.
Karoline bemühte sich erfolgreich um einen Vertrag am „Stadttheater Zürich" und kehrte noch im Sommer 1914 in die Schweiz zurück. Sie spielte Nebenrollen und Partien in zweiter Besetzung und hatte eine Halbtagsstelle in einem Souvenirladen. Im Frühling 1915 begann sie eine Affäre mit dem schweizerischen Bildhauer Mario Rerrucci, über den wenig bekannt ist.
Von 1916 bis 1920 gehörte Karoline Blamauer fest zum Zürcher Ensemble. Der Schauspieler, Produzent und Regisseur Richard Révy (1885–1965) und Karoline erfanden damals das Pseudonym „Lenja" – die russische Entsprechung des Wiener Spitznamens „Linnerl" –, aus dem sich später – nach dem Wechsel in die USA – die anglisierte Form „Lenya" entwickelte. Bald wurde auch das große schauspielerische Talent der 1,53 Meter kleinen Künstlerin entdeckt.
Im Frühjahr 1921 zog Lotte Lenya nach Berlin, wo sie zunächst ein Jahr lang keine Arbeit als Schauspielerin und Tänzerin fand. 1923 trat sie in einer Wandertruppe des Produzenten Otto Kirchner (1890–1950) als Marie in dem Stück „Was ihr wollt" von William Shakespeare (1564–1616) auf. Im Sommer 1924 nahm der Dramatiker Georg Kaiser (1878–1945) sie in sein Haus in Grünheide außerhalb Berlins auf, wo sie gegen Kost und Logis dessen drei Kinder betreute und leichte Hausarbeiten verrichtete.
Kaiser bat Lotte im Herbst 1924, über den See zu rudern und den jungen Komponisten Kurt Weill, von dem er eine Bühnenmusik haben wollte, vom Bahnhof in Grünheide abzuholen und zu seinem Sommerhaus zu bringen. Diese Begegnung zwischen Lotte und Kurt bestimmte das weitere Schicksal der beiden. Sie hingen fortan zusammen und lebten bei „Mutter Haßfurth" in einer Wohnung der Pension am Luisenplatz in Berlin, wo lauter schwarze Möbel und ein Klavier standen.
Am 28. Januar 1926 wurden Lotte Lenya und Kurt Weill im Rathaus Charlottenburg standesamtlich getraut. Auch nach der Heirat führte Lotte sexuell und beruflich ihr eigenes Leben und hatte sowohl Liebschaften mit Männern als auch mit Frauen.
Zum ersten Mal in einem Konzert erschien Lotte Lenya 1927, als Bert Brecht ihrem Mann Kurt Weill für das „Deutsche Kammermusikfest Baden-Baden" einige Gedichte aus seinem Werk „Hauspostille" überließ. Dabei horchten die Besucher zwar auf, aber Lenyas großer Moment kam erst später.
1928 feierte Lotte als „Seeräuberjenny" in Weills „Dreigroscheno-per", zu der Brecht den Text schrieb, ihren ersten großen Erfolg. Obwohl auf dem Programmzettel versehentlich ihr Name fehlte, fragte der Kritiker Alfred Kerr (1867–1948) im „Berliner Tageblatt": „(die Jenny) – wer war die? Die war gut. Die war aber schon sehr gut. Die wird bald an der szenischen Front sein."
Kurz darauf trat Lotte Lenya im „Staatlichen Schauspielhaus" als Mulattin in „Petroleuminsel" von Lion Feuchtwanger (1884–1958) auf und danach als „Ilse" in „Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind (1864–1918). Einen der größten Theaterskandale der 1920-er Jahre löste sie aus, als sie in dem Stück „Pioniere in Ingolstadt" der deutschen Schriftstellerin Marieluise Fleißer (1901–1974) mit dem Schauspieler Peter Lorre (1904–1964) für einen kurzen Liebesakt in den Sarg stieg und diesen kräftig wackeln ließ.
Voller Stolz auf ihre Erfolge lud Lotte Lenya ihre in Wien lebende Mutter nach Berlin ein. Die „bodenständige" Mutter hielt ihrer Tochter daraufhin vor, ob sie den Leuten noch nicht genug den „Wurstl" gemacht habe. Fragen nach ihrer Wirkung auf das Publikum wies Lotte Lenya stets zurück. Dass Besucher ihrer Vorstellungen nicht selten vor Rührung weinten, führte sie auf ihre Stimme zurück.
1930 war Lotte Lenya in Brechts und Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" erfolgreich. Im Sommer 1931 begleitete sie den deutschen Regisseur Erwin Piscator (1893–1966) nach Moskau und Odessa, wo dieser den Film „Der Aufstand der Fischer von Sankt Barbara" nach dem Buch von Anna Seghers (1900–1983) drehen wollte, wozu es jedoch wegen vieler Probleme nicht kam. Der Streifen wurde erst zwei Jahre später ohne Lotte fertiggestellt.
Im März 1932 erfuhr Lotte Lenya in Berlin, sie befinde sich wegen ihrer Ehe mit Kurt Weill, der Jude war und mit dem Kommunisten Bert Brecht zusammenarbeitete, in Gefahr. Am 21. März 1933 verließ sie Berlin in einem Auto, das sie kurz nach der Stadtgrenze anhalten ließ. Lotte stieg aus und fuhr zu ihrem verheirateten Geliebten, dem österreichischen Tenor Otto von Pasetti. Kurt Weill reiste im selben Auto mit dem Bühnenbildner Caspar Neher (1897–1962) und dessen Frau Erika Neher (1903–1962), die seine Geliebte war, nach Paris weiter.
Am 23. Juni 1933 reichte Lotte per Post die Scheidung von Kurt Weill ein und wurde am 18. September 1933 in Potsdam geschieden. Im Juni 1933 wirkte sie in Paris an der Uraufführung von „Die sieben Todsünden" von Bert Brecht mit.
1935 fanden Lotte Lenya und Kurt Weill in Paris wieder zueinander und emigrierten gemeinsam in die USA. Anfang 1937 wurden Lotte und Kurt bewusst, wie stark sie noch miteinander gefühlsmäßig verbunden waren. 1937 heirateten beide erneut in dem Dorf North Castle, Westchester County. Auf dem Weg zur Trauung vor einem Friedensrichter hatten sie in einem Woolworth-Laden für 50 Cents zwei billige Ringe gekauft. Auch nach der zweiten Heirat hatten beide immer wieder Affären.
Bert Brecht wollte nach Kriegsende sowohl Lotte Lenya als auch Kurt Weill mit nach Berlin nehmen, um noch einmal den Traum vom gemeinsamen Theater zu verwirklichen, doch die beiden gingen nicht mit.
Als Kurt Weill 1950 nach einem Herzinfarkt im Sterben lag, zog ihm seine Frau den Lieblingspullover und die Arbeitshose an, weil sie es ihm so bequem wie möglich machen wollte und meinte, er werde dort oben viel zu tun haben. Der Einfluss Weills auf das Leben seiner Frau war so stark, dass sie noch lange nach seinem Tod nur als „die Witwe Weills" bezeichnet wurde. Erst Jahre später konnte sie befreit sagen: „Endlich bin ich nur ich selbst".
1951 heiratete Lotte Lenya ihren zweiten Mann, den Lektor und Schriftsteller George Davis (1906–1957), der im Alter von 51 Jahren einem Herzinfarkt erlag. 1955 kam sie zu Schallplattenaufnahmen mit Liedern von Kurt Weill nach Berlin zurück. In den USA gab sie eine Rei-he von Weill-Gedächtniskonzerten.
In dem Film „The Roman Spring of Mrs. Stone" (1961, deutsch: „Der römische Frühling der Mrs. Stone") verkörperte Lotte Lenya eine verruchte Kupplerin namens Contessa Magda Terribili-Gonzales. Für diese Rolle erhielt sie den „Oscar".
Am 2. November 1962 ließ sich die 64-jährige Lotte Lenya mit dem 37 Jahre alten amerikanischen Maler Russel Detwiler (1925–1969) im Standesamt City of Westminister, Greater London, trauen. Ihr Hochzeitsgeschenk für den homosexuellen Bräutigam, der stark dem Alkohol zusprach, war eine hohe Geldsumme an dessen frühere Frau zur Abgeltung ihrer Unterhaltsansprüche.
1964 war Lotte Lenya als sadomasochistische, lesbische Spionin Colonel Rosa Kleb in dem Streifen „From Russia with Love" („James Bond – Liebesgrüße aus Moskau") zu sehen. Im Juni 1965 spielte sie mit Riesenerfolg bei den „Ruhrfestspielen" in Recklinghausen die Titelrolle der „Mutter Courage" von Bert Brecht. 1966 trat sie in New York als Fräulein Schneider im Musical „Cabaret" auf.
1969 starb Lotte Lenyas dritter Gatte Russel Detwiler, den sie von allen Ehemännern am meisten liebte, weil er sie am meisten brauchte. Er lag tot auf der Auffahrt vor der Garage und dem Atelier. Eine Autopsie ergab, dass Alkohol und Tablettenkonsum einen Anfall ausgelöst hatten. Beim Zusammenbrechen hatte der Aufprall des Kopfes auf den Betonboden den Tod bewirkt. Am 27. Juni 1969 wurde Lotte Lenya mit dem „Großen Bundesverdienstkreuz" ausgezeichnet.
In dem Footballfilm „Semi-Tough" (1976, deutsch: „Zwei ausgebuffte Profis") spielte Lotte Lenya die Masseurin Clara Pelf. Dabei knetete sie den amerikanischen Schauspieler Burt Reynolds durch. Am 27. November 1981 erlag Lotte Lenya im Alter von 83 Jahren in New York einem seit längerem mit Schmerzen verbundenen Krebsleiden.
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Veröffentlicht von: Ernst Probst Web: http://www.antiquitaeten-shop.net Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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