Lore Lorentz: Die „Kassandra des Kabaretts“Kategorie: Kultur Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Deutschlands profilierteste Kabarettistin war zweifellos Lore Lorentz (1920–1994), geborene Schirmer. Lore und ihr Mann Kay Lorentz (1920–1993) begleiteten kabarettistisch in rund 60 Programmen die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die Devise der beiden war: „Was man angreift, muss angreifbar sein, wie man das macht – unangreifbar." Kay Lorentz war der Kopf eines der erfolgreichsten, besten und langlebigsten deutschen Kabaretts, des Düsseldorfer „Kom(m)mödchens", Lore dagegen das Herz.
Lore Schirmer wurde am 12. September 1920 als einziges Kind des Ingenieurs Roman Schirmer und seiner Frau Grete in Mährisch-Ostrau (Tschechoslowakei) gebo-ren. Nach dem Abitur am Gymnasium von Mährisch-Ostrau studierte sie Geschichte, Germanistik und Philosophie in Wien und Berlin.
Im „Institut für Publizistik" in Berlin lernte Lore Schirmer während eines Seminars des Zeitungswissenschaftlers Emil Dofivat (1890–1969) über „Publizistik in den USA" den Orientalistik-Studenten Kay Lorentz kennen, den sie 1944 in Wittkowiz heiratete. Aus der Ehe gingen die Kinder Constanze (geb. 1945), Kathinka (geb. 1950), Kay Sebastian (geb. 1951) und Christopher (geb. 1955) hervor.
Mit dem Wagemut der Jugend sowie dem Schwarzmarkt-Erlös für eine Leica-Kamera gründeten Lore Lo-rentz und ihr als Regisseur und Autor tätiger Mann 1947 mitten in den Trümmern der Altstadt von Düsseldorf das Kabarett „Das Kom(m)ödchen. Die kleine Literaten-, Maler- und Schauspielerbühne". Die kabarettistische Karriere von Lore begann am 29. März 1947: An diesem Tag sprang sie für eine ausgefallene Diseuse (Vortragskünstlerin) ein. Ihr Debüt feierte sie in der ersten Vorstellung des Kabarettprogramms „Positiv dagegen", das ihr politisches Credo charakterisierte.
Als Angriffsziele der Kabarettisten des „Kom(m)ödchens" dienten Dummheit, Mittelmaß, Korruption, Verlogenheit, Anpasserei, Rückzug ins Private, Missbrauch der Macht und Arroganz der Amtsträger. 1955 erschien das von Kay Lorentz verfasste Werk „Das Kom(m)ödchen-buch". Das Lebensmotto des Ehepaares Lorentz hieß: „Nie resignieren, wütend werden".
1959 wurden auf Wunsch des damaligen Verteidigungsministers und Vorsitzenden der „Christlich-Sozialen Union" (CSU), Franz Josef Strauß (1915–1988), für ein Jahr Fernsehübertragungen aus dem „Kom(m)ödchen" verboten. 1961 gab das Kabarett ein Gastspiel in New York. 1967 fand das „Kom(m)ödchen" ein neues Domizil in der Kunsthalle.
Lore Lorentz stand auch als Schauspielerin auf der Bühne des „Düsseldorfer Schauspielhauses", plauderte mit Werner Höfer (1913–1997) im Rundfunk über „Frauenfragen – Männersorgen" und lehrte ab April 1976 an der „Essener Folkwangschule" Chanson, Song und Musical. Im April 1978 wurden Lore und Kay Lorentz vom nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium zu „Professoren" ernannt.
1981 erhielt Lore Lorentz im „Mainzer Unterhaus" den Ehrenpreis des „Deutschen Kleinkunstpreises". Bis 1983 trat sie im Ensemble des „Kom(m)ödchens" und anschließend in vier Soloprogrammen auf.
Am 28. Januar 1993 starb Kay Lorentz im Alter von 72 Jahren in Düsseldorf an Herzversagen. Im September jenes Jahres stieg die 73-jährige Lore Lorentz bei einer „Kom(m)ödchen"-Premiere für einen kurzen Augenblick auf die kleine Bühne. Das Publikum spendete ihr viel Beifall und nahm damals – unwissentlich – Abschied von einer Legende des Kabaretts.
Lore Lorentz starb am 22. Februar 1994 im Alter von 73 Jahren in Düsseldorf an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Tageszeitung „Rheinische Post" schrieb im Nachruf über sie: „Es war ein ästhetischer Genuß mitzuerleben, wie sie einen Vortrag aufbaute, wie sie ihre Stimme an Konsonanten rieb und aufhellte, wie sie durch Mimik und Gebärdensprache die Worte stützte, zuspitzte oder ihren Sinn unterlief. Brillant und, kein Zweifel, hart erarbeitet, versenkte sie ihre Widerhaken-Gedanken ins Publikum. ... Lore Lorentz war eine Kassandra, die selber hoffen mochte – und uns hoffen machte."
Nach dem Tod seiner Eltern, die 1993 und 1994 innerhalb eines Jahres gestorben waren, übernahm Kay Sebastian Lorentz die Leitung des „Kom(m)ödchens". Er wechselte die komplette Bühnenmannschaft aus, änderte das Autorenteam und die Regieverantwortlichkeiten. 1997 feierte das „Kom(m)ödchen" mit einer Hommage des Kabarettisten Thomas Freitag an Lore Lorentz seinen 50. Geburtstag. Im Jubiläumsjahr traten insgesamt 50 Kabarettkünstler im „Kom(m)ödchen" auf.
Anfang Oktober 1998 erlebte das „Kom(m)ödchen" eine weitere Sternstunde: Auf der rundum erneuerten Bühne spielte eine neue Truppe das von neuen Hausautoren geschriebene neue Programm „Die letzten Tage von Erkrath". Die Handlung: ein Komet rast am
31. Dezember 1999 auf Erkrath zu, und drei Lokalpolitiker – schwarz, rot, grün – bilden einen kleinen Krisenstab, der den heitersten Weltuntergang seit Menschengedenken feiert. Die Tageszeitung „Neue Ruhr-Zeitung" („NRZ") schrieb über diese umjubelte Aufführung: „Kay Lorentz jr. hat sich freigestrampelt. Das Kom(m)ödchen ist wieder das, wo’s hingehört: oben."
*
Bestellungen von "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" bei:
www.buch-shop-mainz.de
Veröffentlicht von: Ernst Probst Web: http://www.antiquitaeten-shop.net Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
Dieser Artikel darf von Dritten für die Inhalte von Newslettern oder Websitecontent verwendet werden. Voraussetzung für eine Veröffentlichung durch Dritte ist, die jeweilige Autoreninfo aus 'Über den Autor', unter jedem Artikel vorhanden, unverändert mit zu veröffentlichen. Ein Verstoß gegen diese Regel, verstößt gegen die Copyright-Bestimmung. Es wäre ebenfalls von Vorteil den Verfasser des Artikels per e-Mail zu informieren, wo sein Artikel veröffentlicht wurde.
| Weitere Artikel von Ernst Probst: |
|
|
|