Kim Campbell: Die erste Regierungschefin KanadasKategorie: Politik Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
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Als Kanadas erste Premierministerin sorgte im Sommer 1993 die 46-jährige Politikerin Kim Campbell, geborene Avril Phaedra Campbell, für Schlagzeilen. Zuvor war sie bereits Staatsekretärin, Justiz- und Verteidigungsministerin gewesen. Kanadische Journalisten gaben der Politikerin wegen ihres flotten Mundwerks den Spitznamen „Kim Fast Lipp" („Kim Schnelle Lippe").
Avril Phaedra Campbell kam am 10. März 1947 als Tochter eines Rechtsanwalts und einer Sekretärin in Port Alberni (British Columbia) zur Welt. Ihre Mutter verließ später ihren Mann und ihr Kind und arbeitete als Skipperin auf den Segeljachten reicher Leute. Damals änderte die zwölfjährige Avril Phaedra ihren Vornamen in „Kim" ab und besuchte eine Klosterschule. Als Erwachsene sagte sie über die Frau, die ihre Familie im Stich ließ: „Meine Mutter war für mich die erste richtige Feministin."
Kim Campbell studierte Politische Wissenschaften an der Universität von British Columbia und erwarb den akademischen Grad „Bachelor of Arts". Von 1970 bis 1974 setzte sie ihr Studium mit den Schwerpunkten Jura und Wirtschaftswissenschaften an der „London School of Economics" fort. 1972 hielt sie sich ein Vierteljahr in der Sowjetunion auf, wo sie in Moskau die russische Sprache lernte. Sie kehrte mit der Erkenntnis nach London zurück, dass „alles, was nach politischem Dogma riecht, nicht meine Sache sein kann."
1972 heiratete Kim Campbell den 20 Jahre älteren Mathematikprofessor Nathan Divinski. Nach dem Studium arbeitete sie als Dozentin für Politische Wissenschaften an der Universität von British Columbia. Zwischen 1975 und 1978 lehrte sie Politische Wissenschaften und Geschichte am „Vancouver Community College" und von 1978 bis 1981 am „Langara Campus". 1982 wurde ihre erste Ehe geschieden. 1983/1984 wirkte Kim Campbell als Anwältin in einer renommierten Kanzlei und danach als Beraterin des Premiers von British Columbia.
Kim Campbells erster Ausflug in die Politik ging schief: Als sie für die konservative „British Columbia Social Credit Party" (BCSCP) kandidierte, landete sie nur auf dem letzten Platz. Doch beim zweiten Anlauf kam sie im Oktober 1986 in den Landtag und avancierte bald zur Vorsitzenden der BCSCP auf. Später wandte sie sich von der BCSCP wegen deren zu repressiver Haltung in der Abtreibungsfrage ab. Danach wurde sie Mitglied der „Progressive Conservative Party" (PCP) in Ottawa, für die sie im November 1988 überraschend den Parlamentssitz für den Wahlbezirk Vancouver-Centre gewann.
Die Ausdauer, Hartnäckigkeit und Rhetorik von Kim Campbell imponierten dem kanadischen Regierungschef Brian Mulrony. Aus diesem Grund berief er sie am 21. November 1988 zur Staatssekretärin für Indianerangelegenheiten und die Entwicklung des kanadischen Nordens. Am 23. Februar 1990 stieg Kim Campbell als erste Frau Kanadas zur Justizministerin auf. In diesem Amt zeigte sie auch bei der Durchsetzung unpopulärer Ziele großes Stehvermögen. Unter anderem setzte sie gegen starken Widerstand ländlicher Kreise das Verbot, Schusswaffen zu tragen, durch.
Großes Aufsehen erregte Kim Campbell als Justizministerin im Herbst 1992 bei einem Millionenpublikum, als sie sich schulterfrei hinter einer vorgehaltenen Richterrobe für einen Prominenten-Bildband fotografieren ließ. Eine kanadische Boulevard-Zeitung bezeichnete sie daraufhin als „Madonna der kanadischen Politik". Schlagfertig konterte sie darauf: „Kein schlechtes Kompliment für eine alte Jungfer".
Am 4. Januar 1993 wurde Kim Campbell – als erste Kanadierin – neue Verteidigungsministerin. Militärs begrüßten ihre Wahl, nachdem sie erklärt hatte, sie halte es für verfrüht „unsere Schwerter in Pflugscharen umzuschmieden". Schon damals galt sie als mögliche Nachfolgerin von Premierminister Brian Mulroney, dessen Popularität drastisch schwand.
Kim Campbell erregte als Politikerin öfter durch deutliche Worte großes Aufsehen in der Öffentlichkeit. Unter anderem beschimpfte sie politikverdrossene Bürger als „hochnäsige Hurensöhne", betitelte Gegner ihres Sparprogramms als „Feinde Kanadas" und bezeichnete Kanadier, welche die anglikanische Kirche der Politik vorzogen, als „üble Dämonen der Papstherrschaft".
Auf dem Parteitag der PCB in Ottawa entschied sich die Mehrheit der Delegierten am 13. Juni 1993 für Kim Campbell als neue Premierministerin. Auf sie entfielen 1817 Stimmen, auf ihren Konkurrenten, Umweltminister Jean Cahrest, nur 1630. Am 25. Juni 1993 trat Kim Campbell ihr Amt als Regierungschefin des zweitgrößten Landes der Erde an, das sie nicht lange bekleidete. Bei der Wahl am 25. Oktober 1993 erlitt ihre Partei eine vernichtende Niederlage. Neue Premier wurde der liberale Politiker Jean Chrétien.
Kim Campbell plante zunächst die Erneuerung der PCB unter ihrer Führung, stieß damit aber offenbar auf wenig Gegenliebe. Mitte Dezember 1993 erklärte sie ihren Rückzug aus der Politik.
Im Dezember 1993 wurde Kim Campbell Mitglied der „London School of Economics". Das „Chatelaine Magazin" wählte sie 1993 zur „Frau des Jahres", und im Mai 1994 erhielt sie den „Woman of Distinction Award" in Vancouver.
1994 wurde Kim Campbell Mitglied der „John F. Kennedy School of Government" an der Harvard University. Während des Frühlingssemesters war sie Mitglied am ”Institut of Politics". Im September 1994 kehrte sie zur „Kennedy School" zurück als Mitglied des „Joan Shorenstein Center on the Press, Politics and Public Policy". Im April 1994 übernahm Kim Campbell die „Cohen Lecture on International Affairs" an der Lehigh University, Bethlehem, in Pennsylvania.
Kim Campbell ist Mitglied des „Committee to Visit the Center for International Affairs" an der Harvard University. Außerdem war sie vom 22. bis 24 Juni 1994 Vizepräsidentin der Konferenz in Talloires (Frankreich) sowie 1996 und 1997 deren Sprecherin. Im Oktober 1997 wurde Kim Campbell „Senior Fellow" an der „UCALK School of Public Policy and Social Research".
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