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Jiang Qing: Die erste Frau im Pekinger Politbüro

Kategorie: Politik
Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst


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Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Eine der einflussreichsten und umstrittensten Politikerinnen Chinas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist Jiang Qing (1913–1991), nach anderer Schreibweise auch Chiang Ch’ing, gewesen. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte war sie die Frau von Mao Zedong (1893–1976), einem der mächtigsten Männer der Erde. Ende der 1960-er Jahre wurde sie als erste Frau in der Geschichte der „Kommunistischen Partei Chinas" (KPCh) ins Politbüro gewählt. Nach Maos Tod wollte sie die Macht an sich reißen, scheiterte jedoch dabei und musste zuletzt noch froh sein, ihr Leben zu behalten.

Jiang Qing kam 1913 unter dem Namen Li Yunhe als Tochter eines armen Stellmachers in Zhucheng in der Provinz Shandong zur Welt. Als die Ehe ihrer Eltern zerbrach, zog sie mit der Mutter und ihrer älteren Schwester nach Ji’nan. Ab 1929 nahm sie kostenlosen Unterricht an einer Schauspielschule in Taian. 1930 folgte sie dem Leiter dieser Schule, dessen Geliebte sie war, mit nach Qingdao (Tsingtao), wo er an der Universität einen Lehrauftrag wahrnahm.

Angeblich wurde Li Yunhe von Huang Jing, dem Bruder einer bekannten Schauspielerin, dem sie sich zugewandt hatte, dazu bewogen, 1931 der „Kommunistischen Partei Chinas" beizutreten. Später kehrte sie nach Ji’nan zurück, wo sie 1934 den Filmkritiker und Schauspieler Tang Na heiratete, von dem sie 1937 wegen einer Affäre mit einem Filmdirektor geschieden wurde. Tang Na lebte später in den USA und Frankreich, wo er Ende der 1960-er Jahre ein Chinarestaurant in Paris leitete. Bis 1937 trat Li Yunhe unter dem Künstlernamen Lan Ping („Blauer Apfel") in mehreren kleinen Filmrollen auf.

Nach Ausbruch des chinesisch-japanischen Krieges 1937 ging Li Yunhe zusammen mit Huang Jing und anderen Schauspielern zunächst nach Chongqing (Chungking) und später nach Yan’an im Norden Chinas, wo sie als Dozentin in das „Lu Xun-Kunstinstitut" eintrat. In Yanan lernte sie Mao Zedong kennen, der damals noch mit seiner dritten Frau He Zizhen verheiratet war, die den legendären „Langen Marsch" der chinesischen „Roten Armee" vom Oktober 1934 bis Oktober 1935 durch elf Provinzen Chinas mitgemacht hatte. 1937 weilte sie zur Erholung in Moskau.

Die KPCh sträubte sich anfangs gegen die Verbindung zwischen Li Yunhe und Mao Zedong, stimmte aber 1939 einer Eheschließung mit der Auflage zu, Li Yunhe müsse sich auf ihre Rolle als Ehe- und Hausfrau beschränken und dürfte politisch nicht aktiv werden. Nach der Hochzeit nannte sich Maos vierte Frau Jiang Qing („Grüner Fluss").

In der Folgezeit produzierte Jiang Qing Laienspiele für Soldaten und Bauern und führte ein einfaches Leben in Hütten und Höhlen. Politisch trat sie damals noch nicht in Erscheinung. Aus der Ehe mit Mao gingen die Töchter Li Na und Li Min hervor. Außer als Hausfrau betätigte sich Jiang Qing bis zur Gründung der Volksrepublik China 1949 als Maos persönliche Sekretärin.

Zu Beginn der 1950-er Jahre arbeitete Jiang Qing in Bejing im Kulturministerium in einer Abteilung für die Steuerung der Filmkunst, danach war sie längere Zeit krank. Als Mitglied des Kulturministeriums versuchte sie ab 1962, die Pekingoper zu reformieren. Ihr Ziel war es, die klassische Form und den revolutionären Inhalt miteinander zu verbinden, wie es in den Stücken „Die rote Frauenkompagnie", „Das weißhaarige Mädchen" und „Mit taktischem Geschick den Tigerberg erobern" geschah.

1964 wurde Jiang Qing Abgeordnete des „Nationalen Volkskongresses" für die Provinz Shandong. Ab 1965 schaltete sie sich aktiv in die Kulturpolitik ein. Ende jenes Jahres griff sie den Literaten und Kulturfunktionär Wu Han und mittelbar auch das Politbüromitglied Peng Chen an.

Seit November 1966 war Jiang Qing neben Verteidigungsminister Lin Biao (1907–1971) und dem Chefredakteur des Parteiorgans „Rote Fahne", Chen Boda (1904–1989), eine der treibenden Kräfte der „Kulturrevolution", die Millionen von Chinesen Unglück brachte und Mao half, seine Macht zu festigen. Anfangs hatte im Februar 1966 in Shanghai eine „Beratung über die Arbeit in Literatur und Kunst in der Armee" stattgefunden, die auf Veranlassung von Verteidigungsminister Lin Biao von Jiang Qing als Sekretärin der „Gruppe Kulturrevolution" beim ZK geleitet wurde.

Im August 1966 verkündete die bis dahin der Öffentlichkeit kaum bekannte Jiang Qing bei einer Veranstaltung der „Kulturrevolution" in Peking, dass Lin Biao nun der zweite Mann hinter Mao wäre. Danach sah man sie immer wieder bei öffentlichen politischen Anlässen in vorderster Reihe. In jener Zeit griff sie häufig in scharfer Form bislang führende Parteigrößen an.

Im Januar 1967 wurde bekannt, dass Jiang Qing von der Militärkommission des ZK der KPCh zum Ratgeber für kulturelle Arbeit in der Volksbefreiungsarmee ernannt worden war. Beim 9. Parteikongress 1969 ging der 76-jährige Mao Zedong als unumschränkter Führer Chinas hervor. Seine Gattin Jiang Qing wurde als erste Frau zum Mitglied des Politbüros der KPCh gewählt. Nach der Ausschaltung des Vorsitzenden der Kulturrevolutions-Gruppe des ZK, Chen Boda, 1970 und dem Tod von Verteidigungsminister Lin Biao bei einem Flugzeugabsturz am 5. Dezember 1971 distanzierte sich Jiang Qing von den gestürzten Idolen der „Kulturrevolution". In der Folgezeit verlor sie an Einfluss.

In der Zeit nach dem 10. Parteikongress von 1973 ist Jiang Qing vorübergehend in der Außenpolitik aktiv gewesen. Damals betreute sie vor allem ausländische Gäste.

Am 7. Februar 1976 wurde der stellvertretende Ministerpräsident und Minister für öffentliche Sicherheit, Hua Guofeng, zum amtierenden Ministerpräsidenten der Volksrepublik China ernannt – und nicht der rehabilitierte frühere Generalsekretär Deng Xiaoping (Teng Hsiao-ping, 1904–1997). Man vermutet, dass Jiang Qing, die Deng ablehnte, dessen Berufung verhinderte. Auch Deng machte aus seiner Ablehnung gegen die Kulturpolitik Jiang Qings kein Geheimnis.

Anfang April 1976 kam es zu Zusammenstößen von Demonstranten mit Einheiten der Miliz auf dem Tian’anmen-Platz in Peking. Die Ausschreitungen begannen, nachdem Demonstranten Kränze zum Gedenken an den verstorbenen Zhou Enlai (1896–1976) niedergelegt hatten und diese entfernt worden waren. Jene Vorfälle wurden von Maos Witwe genutzt, um Deng wieder zu stürzen. Er verlor alle seine Funktionen, verweigerte aber Selbstkritik. In der nachfolgend vom Protokoll veröffentlichten Rangliste der Pekinger Führung rangierte Jiang Qing auf Platz 4 hinter Hua Guofeng, Wang Hongwen und Zhang Chunqiao.

Nach dem Tod von Mao Zedong am 9. September 1976 kam es zur Auseinandersetzung zwischen den Vertretern eines pragmatischen Kurses und der radikalen Gruppe um Jiang Qing. Am 7. Oktober 1976 bestätigte das Politbüro Hua Guofeng in seinem Amt als Re-gierungschef und bestimmte ihn zum Nachfolger Mao Zedongs als Vorsitzender des ZK der KPCh. Gleichzeitig gab man die Verhaftung der so genannten „Viererbande" sowie deren Ausstoßung aus der Partei bekannt. Neben Jiang Qing gehörten Wang Hongwen, Zhang Chunqiao und der Schwiegersohn Yao Wenyuan zur ultralinken „Viererbande". Offenbar war es zu dramatischen Vorfällen gekommen, sogar von Schießereien war die Rede.

In den folgenden Monaten gab es Anzeichen von Unruhe in den Provinzen und anscheinend sogar Kämpfe zwischen den Anhängern Huas und Jiang Qings. Gegen die „Viererbande" wurden fortan Vorwürfe aller Art erhoben.

Am 6. Oktober 1976 wurde Jiang Qing von Gardetruppen des neuen Vizevorsitzenden der KPCh, Wang Dongxing, der früher Chef der Leibwache Maos war, verhaftet. Mit dem Sturz Jiang Qings begann der Wiederaufstieg Dengs, der auf dem 11. Parteitag im August 1977 in seine alten Ämter zurückkehrte. Maos Witwe wurde im November 1980 als Haupt der so genannten „Viererbande" vor Gericht gestellt, 1981 zum Tode verurteilt, 1983 jedoch zu lebenslanger Freiheitsstrafe begnadigt.

Jiang Qing beging am 14. Mai 1991 in Peking Selbstmord. Ihre Lebensgeschichte ist in dem Buch „Die großen Chinesen der Gegenwart" (1985) von Wolfgang Bartke nachzulesen.

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Veröffentlicht von: Ernst Probst
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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler
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