Jekaterina Furzewa: Russlands „rote Zarin“Kategorie: Politik Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
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Die erste Frau, die dem Zentralkomitee (ZK) der „Kommunistischen Partei der Sowjetunion" (KPdSU) angehörte, hieß Jekaterina Furzewa (1910–1974). Unter Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (1894–1971), der von 1953 bis 1964 als Parteichef sowie von 1958 bis 1964 als Regierungschef fungierte, machte sie eine steile politische Karriere und bekleidete zahlreiche wichtiger Ämter. Journalisten nannten sie Russlands „rote Zarin".
Jekaterina Furzewa (nach anderer Schreibweise auch Furtsewa) kam am 7. Dezember 1910 in Wyschnij Wolotschok (Gebiet Kalinin) zur Welt. Sie war die Tochter einer armen Weberfamilie, die in der Zarenzeit in einer Textilfabrik ihren Lebensunterhalt verdiente. Ihr Vater Alexejew Furzew fiel im Ersten Weltkrieg an der deutsch-russischen Front. Nach dem Besuch einer Fabrikschule ließ sie sich zur Weberin ausbilden.
Als 14-Jährige wurde Jekaterina Furzewa Mitglied des kommunistischen Jugendbundes („kommunistitscheski sojus molodjoschi" = Komsomol). In dieser 1918 gegründeten staatlichen Organisation für 14- bis 28-Jährige tat sie sich früh hervor und hielt sich mehrfach mit Jugendabordnungen im Moskauer Kreml auf.
1930 trat Jekaterina Furzewa der „Kommunistischen Partei" (KP) bei. Von 1930 bis 1933 arbeitete sie in Konsomol-Organisationen im Gebiet Kursk, in Feodosija und im Gebietskomitee Krim in leitenden Funktionen. Auf der Krim begeisterte sie sich für den Segelflug, worauf man die eifrige Kommunistin 1933 bis 1935 zu akademischen Hochschulkursen der zivilen Luftfahrt nach Leningrad (heute Sankt Petersburg) schickte.
Ab 1935 fungierte Jekaterina Furzewa als Assistentin des Chefs der Politabteilung des Luftfahrtechnikums der Aeroflot. 1936/1937 betätigte sie sich als Instrukteurin der Abteilung Studentische Jugend des ZK des Komsomol. Zwischen 1937 und 1942 studierte sie am Moskauer Lomossow-Institut für chemische Feintechnologie. Zugleich war sie damals Mitglied des Parteibüros und später Sekretär der Parteiorganisation dieser Hochschule. 1941 legte sie ihr Examen als Chemie-Ingenieur ab.
Von 1942 bis 1950 bekleidete Jekaterina Furzewa das Amt des Parteisekretärs des Frunse-Kreiskomitees der Stadt Moskau. Außerdem nahm sie an Fernkursen der Parteihochschule des ZK der „Kommunistischen Partei" der Sowjetunion teil. Ab 1947 war sie Mitglied des Moskauer Stadt-Parteikomitees, 1950 betraute man sie mit dem Posten des 2. Sekretärs in diesem Gremium, dem Chruschtschow als 1. Sekretär vorstand. Ebenfalls seit 1950 gehörte sie dem Obersten Sowjet an. Im Herbst 1952 kritisierte sie als Rednerin auf dem Parteikongress die technische Intelligenz.
1954 ernannte man Jekaterina Furzewa zur 1. Sekretärin des Moskauer Stadt-Parteikomitees (bis 1957), womit sie Leiterin der Moskauer Parteiorganisation wurde. Damals war sie eine enge Mitarbeiterin Chruschtschows, der Frau Furzewa besonders förderte. Im September 1954 durfte sie als einziges weibliches Mitglied der offiziellen Sowjetdelegation Chruschtschow und Verteidigungsminister Nikolai Alexandrowitsch Bulganin (1895–1975) auf deren Reise nach Peking begleiten.
Als Jekaterina Furzewa bei der Maiparade 1955 an der Spitze des Moskauer Parteikaders über den Roten Platz defilierte, ließ Chruschtschow sie demonstrativ aus der Kolonne holen und an seiner Seite an der Brüstung der Prominententribüne den Ehrenplatz einnehmen. Ende Februar 1956 wählte man Frau Furzewa in das Zentralkomitee der KP, dem sie seit 1952 bereits als Kandidatin angehörte. Damit stieg sie zur Frau mit dem höchsten Parteirang in der Sowjetunion auf. Einige Tage später wurde sie Kandidatin des Präsidiums des ZK und gleichzeitig Sekretär des ZK.
Nach dem Sturz der Gruppe Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow (1890-1986), Georgi Maximilianowitsch Malenkow (1902–1988) und Lasar Moissejewitsch Kaganowitsch (1893–1991) rückte Jekaterina Furzewa im Juni 1957 sogar als Vollmitglied in das Präsidium des ZK auf. Damals war sie die mächtigste Frau in der Sowjetunion und zeigte dies auch nach außen hin: Auf einem Ball im Kreml erschien die blonde und elegante Politikerin nicht im üblichen schwarzen Kos-tüm, sondern im großen Abendkleid. Auf Kremlfesten gehörte sie zu den unermüdlichsten Tänzerinnen. Bei Auslandsreisen besuchte sie teure Lokale und steuerte elegante Autos.
Am 6. Mai 1960 ernannte man Jekaterina Furzewa zur Kulturmi-nisterin der UdSSR. Damit war sie die einzige Frau unter den Kabinettsmitgliedern der Sowjetregierung. Bald danach begann ihr Stern zu verblassen. Chruschtschow, der sie bis zu dieser Zeit unterstützt hatte, enthob sie aller Parteiposten. 1960 verlor sie die Mitgliedschaft im Sekretariat des ZK, 1961 wurde sie nicht mehr in das Parteipräsidium gewählt, 1962 büßte sie auch ihren Abgeordnetensitz im „Obersten Sowjet" ein, wurde aber 1966 wiedergewählt.
Von diesem Verrat gebrochen, fuhr Jekaterina Furzewa auf die Datscha nach Barwicha und schnitt sich die Adern auf. Aber rechtzeitig erwiesene ärztliche Hilfe rettete das Leben dieser ungewöhnlichen Frau.
Ein neuer Schlag traf Jekaterina Furzewa, als sie Ende 1973 nicht zum „Obersten Sowjet" gewählt wurde. Kurz zuvor hatte ihre Tochter Swetlana verlangt, dass die Mutter für sie eine eigene Datscha bauen sollte – bis dahin besaßen die Furzewas nur eine staatliche Datscha. Die Mutter kaufte Baumaterialien ein, jedoch nicht zu Marktpreisen, sondern zu niedrigsten „Staatspreisen". Furzewa wurde ins „Komitee für Parteikontrolle" bestellt und aufgefordert, entweder auf diese Datscha zu verzichten, oder das Parteibuch auf den Tisch zu legen. Diese „Datschengeschichte" zerstörte das Selbstbewusstsein von Furzewa, sie gab die Datscha auf.
Bei den Wahlen zum „Obersten Sowjet" im Juni 1974 nominierte man Jekaterina Furzewa nicht mehr als Kandidatin. Das Amt als Kulturministerin behielt sie 1974 bei, doch sie übte fast nur noch Repräsentationsfunktionen aus. Unter anderem arrangierte sie künstlerische Abende für die Kremlführung und hochgestellte ausländische Besucher.
Jekaterina Furzewa heiratete zwei Mal und brachte zwei Kinder zur Welt. Ihre Tochter Svetlana aus erster Ehe war mit dem Sohn des früheren Personalchefs der Partei, Frol Koslow, verheiratet, ließ sich scheiden und trat in die Presseagentur „Nowosti" ein, bei der früher viele Kinder von sowjetischen Prominenten beschäftigt gewesen sind.
Ihre zweite Ehe schloss Jekaterina Furzewa während ihrer Zeit als 2. Sekretärin des Moskauer Stadt-Parteikomitees mit ihrem Kollegen Nikolai P. Firjubin, der daraufhin seinen Posten als 3. Sekretär verließ, in den diplomatischen Dienst ging, Botschafter in Prag und Belgrad sowie ab 1957 einer der stellvertretenden Außenminister wurde.
Im September 1974 flog Jekaterina Furzewa in Urlaub, Mitte Oktober kam sie nach Moskau zurück. Am 24. Oktober nahm am beim Empfang anlässlich des „Maly Theaters" teil. Dabei wirkte sie sehr lebhaft und angeregt, nichts kündete ein nahes Ende an. Aber in dieser Nacht starb sie im Alter von 63 Jahren. Es ging ein Gerücht um, die Kulturministerin habe sich mit Zyankali vergiftet, doch als offizielle Ursache gab man Herzversagen an. Die nächste Umgebung Furzewas wusste aber von ihrem Selbstmord.
Der Tod von Jekaterina Furzewa wurde von sowjetischen Künstlern und Literaten aufrichtig bedauert, da sie stets bemüht war, im kulturellen Leben des Landes Gegensätze auszugleichen und Konfliktsituationen zu mildern. Ihre Verdienste um die sowjetische Kultur blieben unvergessen. Sie rief das „Internationale Moskauer Filmfestival" ins Leben, setzte die Gründung des „Internationalen Tschaikovskij-Musikwettbewerbs" durch und leitete den Bau des großen Sportstadions in Lushniki, Moskau. Außerdem erleichterte sie die Lage vieler Kunstschaffender.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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