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Jane Addams: Die frühe amerikanische Sozialreformerin

Kategorie: Soziales
Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst


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Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Zu den bedeutendsten Sozialreformerinnen und Pazifistinnen der USA gehörte Jane Addams (1860–1935). Mit großem Engagement kämpfte sie für die soziale Gerechtigkeit, das Frauenwahlrecht, die Verbesserung des Jugendschutzes, die Armenpflege und für die Erhaltung des Friedens. Zudem war sie wesentlich am Aufbau von Friedensvereinigungen beteiligt. Als erster Amerikanerin wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen.

Jane Laura Addams kam am 6. September 1860 in dem Dorf Cedarville (Illinois) als eines von fünf Kindern einer wohlhabenden Familie zur Welt. Ihr Vater John Huy Addams war Quäker, Geschäftsmann, acht Wahlperioden lang Mitglied des Staatssenats von Illinois und ein enger Freund des Präsidenten Abraham Lincoln (1809–1865). Die Mutter starb, als Jane erst zwei Jahre alt war.

Nach dem Tod der Mutter kümmerte sich eine Kinderfrau um die Geschwister. Wegen einer frühen Knochentuberkulose litt Jane lebenslang unter Rückenbeschwerden und konnte sich nicht gerade halten. Der Vater heiratete 1862 erneut. Die zweite Frau Anna Haldeman brachte zwei Söhne mit in die Familie. Mit dem jüngeren namens George schmökerte Jane gerne in der Bücherei des Vaters oder spielte mit ihm.

Ab 1877 besuchte die 17-jährige Jane das „Rockford Female Seminary", eine Art Internat für höhere Töchter, in dem sie Klassensprecherin und Herausgeberin der Schulzeitung wurde. Als im August 1881 ihr geliebter Vater im Alter von 59 Jahren starb, verfiel Jane in tiefe Depressionen. Deprimiert begann sie 1881 ein Medizinstudium am „Woman’s Medical College" in Pennsylvania, das sie wegen ihrer Knochentuberkulose und einer Operation wenige Monate später bereits wieder abbrach.

Mit ihrer Stiefmutter reiste Jane Addams 1881 für zwei Jahre nach Europa, wo sie Großbritannien, Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien kennen lernte. In London sah sie großes soziales Elend, das sie nie vergaß. Nach der Europareise lebte sie bis 1887 in Baltimore und widersetzte sich der von ihrer Stiefmutter gewünschten Heirat mit ihrem Stiefbruder George. 1887 kehrte Jane Addams mit ihrer Rockforder Schulfreundin Ellen Gates Starr (1859–1940) nach Europa zurück.

In London besuchte Jane Addams die 1884 von Studenten gegründete „Toynbee Hall", ein Gemeinschaftshaus der Settlementbewegung im East End, das die Not der dortigen Bevölkerung lindern sollte. Sie studierte die dort geleistete Sozialarbeit und beschloss, in ihrem Heimatland eine ähnliche Einrichtung zu schaffen.

Jane Addams und Ellen Gates Starr kehrten 1888 in die USA zurück und ließen sich in Chicago nieder. Mit dem von ihrem Vater geerbten Vermögen gründete Jane am 18. September 1889 im 19. Bezirk von Chicago in einem alterschwachen, von einem Mann namens Charles Hull errichteten Gebäude, das so genannte Nachbarschaftshaus „Hull House".

Diese segensreiche Gemeinschaftseinrichtung befand sich in einer Arbeitergegend, die zunehmend von Einwanderern bewohnt wurde. Im Laufe der Zeit entstanden dort ein Kindergarten, eine Turnhalle, eine Gemeinschaftsküche und ein Speiseraum für berufstätige Frauen. Außerdem wurden Kurse für gesunde Ernährung, Handwerk, Kunst und Musik angeboten sowie eine kleine Theatergruppe namens „Hull House Players" gefördert.

Im „Hull House" arbeiteten Jane Addams und andere Sozialreformerinnen – wie Julia Lathrop (1858–1932), Florence Kelley (1859–1932), Grace Abbott (1878–1939) und Edith Abbott (1876–1957) – für die Verbesserung der Zustände in den städtischen Elendsvierteln. „Hull House" entwickelte sich zum Modell für viele andere Nachbarschaftsheime der Settlementbewegung in den USA, die bald 13 Häuser und ein Sommercamp bei Lake Geneva in Wisconson umfasste.

Ziel der 1869 in Großbritannien gegründeten sozial- und bildungspolitischen Settlementbewegung ist die Entwicklung gemeinnütziger Einrichtungen (Nachbarschaftsheime) in großstädtischen Bezirken. Führende Vertreterinnen der Settlementbewegung in den USA waren Jane Addams sowie die Sozialpolitikerin und Pazifistin Emily Greene Balch (1867–1961). Die beiden Frauen haben sich 1892 in einem Sommercamp kennen gelernt und angefreundet.

1903 wurde Jane Addams Vizepräsidentin der „Women’s Trade Union League" („Gewerkschaftliche Frauenliga"). 1907 beteiligte sie sich an einer Kampagne der Frauenbewegung, die für das Wahlrecht der Frauen kämpfte. Ab 1909 fungierte sie als Präsidentin der „National Conference of Charities and Corrections", später „National Conference of Social Work" genannt. Im selben Jahr erhielt sie als erste Frau den Ehrendoktortitel der Yale University. Fast von Anfang an arbeitete sie bei der 1909 gegründeten nationalen „Vereinigung für das Advancement of Colored People" mit.

Zwischen 1911 und 1914 wirkte Jane Addams als erste Vizepräsidentin der „National American Suffrage Association". 1912 unterstützte sie aktiv die Wahlkampagne des Präsidentschaftskandidaten Theodore Roosevelt (1858–1919) für die „Progressive Party", kehrte ihm aber bald enttäuscht den Rücken zu.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 verfiel Jane Addams wieder in tiefe Depressionen. Im Januar 1915 gründete sie zusammen mit der ungarischen Auslandskorrespondentin, Feministin und Pazifistin Rosika Schwimmer (1877–1948) und der britischen Suffragette Emmeline Pethick-Lawrence (1867–1954) die „Women’s Peace Party" (WPP) und wurde deren Vorsitzende. Die WPP forderte das Ende des Krieges und die Beteiligung der Frauen an wichtigen Entscheidungen.

Vom 28. April bis zum 1. Mai 1915 leitete Jane Addams in Den Haag (Niederlande) den „International Congress of Woman". Bei diesem Frauen-Friedens-Kongress erarbeiteten 1136 weibliche Delegierte aus zwölf Ländern ein Grundsatzpapier, das die kriegsführenden Staaten dazu bringen sollte, einer Konferenz der neutralen Länder über das Ende des Krieges zuzustimmen.

Über den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg im April 1917 war Jane Addams sehr verzweifelt und deprimiert. Wegen ihrer Schilderungen über Kriegsgräuel in Europa wurde sie in der Öffentlichkeit heftig angegriffen und als „gefährlichste Frau der USA" bezeichnet.

1919 beteiligte sich Jane Addams an der Gründung der „Women’s International Leage for Peace and Freedom" (WILPF), deutsch: „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit"). Die Teilnehmerinnen wählten die 59-Jährige zur Präsidentin. 1920 hob Jane die „American Civil Liberties Union" mit aus der Taufe.

Als literarische Hauptwerke von Jane Addams gelten „Democracy and Social Ethics" (1902), „Newer Ideals of Peace" (1907), „Twenty Years at Hull House" (1910, deutsch: „20 Jahre soziale Frauenarbeit in Chicago") und „The Second Twenty Years at Hull House" (1930).

Für ihre Tätigkeit in der internationalen Friedensbewegung seit 1915 sowie als Mitbegründerin und Präsidentin (1919–1935) der Women’s International Leage for Peace and Freedom erhielt Jane Addams 1931 zusammen mit dem amerikanischen Philosophen und Publizisten Nicholas Murray Butler (1862–1947) den Friedensnobelpreis. Butler fungierte von 1925 bis 1945 als Präsident der Carnegiestiftung für den internationalen Frieden und attackierte Jane während des Zweiten Weltkrieges als Pazifistin heftig.

Jane Addams war die zweite Frau, der man den Friedensnobelpreis verlieh. Vor ihr hatte 1905 bereits die österreichische Schriftstellerin und Pazifistin Bertha von Suttner (1843–1914) diese hohe Auszeichnung entgegengenommen. Jane Addams konnte allerdings nicht zur Preisverleihung nach Oslo reisen, weil ihr Darmkrebs damals schon zu weit fortgeschritten war. Ihren Anteil am Preisgeld von 16000 US-Dollar stiftete sie der WILPF.

Die Sozialreformerin und Pazifistin blieb unverheiratet. Mehr als 40 Jahre lang war Mary Rozet Smith (1868–1934) ihre Lebensgefährtin.

Am 21. Mai 1935 starb Jane Addams im Alter von 74 Jahren in Chicago an Krebs. Sie wurde im Familiengrab in Cedarville beigesetzt. Die von ihr mitbegründete „Women’s International League for Peace and Freedom" existiert heute noch und unterhält in Genf ein Internationales Sekretariat. Bei der Gründung des Campus der University of Illinois in Chicago wurden 1963 die meisten Baulichkeiten des „Hull House" abgerissen. Aber die Residence selbst blieb zur Erinnerung an Jane Addams erhalten.

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Veröffentlicht von: Ernst Probst
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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler
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