Irene Pivetti: Italiens jüngste ParlamentspräsidentinKategorie: Politik Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
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Mit ihrer Wahl zur jüngsten Parlamentspräsidentin Italiens sorgte 1994 die 31-jährige Politikerin Irene Pivetti europaweit für Aufsehen. Bei ihrer Antrittsrede verkündete sie, sie wolle ihr „Wirken, auch die Geschicke des Landes, Gott anvertrauen, der die Geschicke aller Staaten und der Geschichte lenkt". Die radikalkatholische Parlamentspräsidentin erhielt die Spitznamen „die heilige Johanna der Zweiten Republik" und „Päpstin Irene".
Irene Pivetti wurde am 4. April 1963 als älteste von zwei Töchtern eines Regisseurs von christlichen Theaterstücken und einer Schauspielerin in Mailand geboren. Sie war bereits als kleines Kind sehr dickköpfig. Schon als Vierjährige sagte sie häufig: „Ich will wollen". Ihr spartanisches und stets aufgeräumtes Zimmer nannte man zu Hause „die Mönchszelle".
Zunächst besuchte Irene Pivetti die kirchlich geleitete Schule „Liceo Madri Benedettine" und machte dort das Abitur. Anschließend studierte sie moderne Sprachen und Literatur an der Katholischen Universität in Mailand. Während ihres Studiums lernte sie vier Sprachen, wurde im katholischen Studentenverband „Federazione Universitazi Cattolicy Italiani" (Fuci) aktiv und kämpfte sich dabei resolut nach vorn, was ihr den Spottnamen „Herkuline" einbrachte. Ihr Studium schloss sie mit der Promotion zum „Doktor der Philosophie" ab.
Den Start ins Berufsleben begann Irene Pivetti als Redakteurin eines Lexikons, das ihr Großvater Aldo Gabrielli herausgab. Danach arbeitete sie als Journalistin und Lektorin für verschiedene katholische Medien und Buchverlage der Mailänder Diözese. Sie schrieb mehrere Bücher in italienischer Sprache für die Verlage Mondadori, Reader’s Digest und Motta.
1986 wurde Irene Pivetti Mitglied im italienischen Journalistenverband. Mehrere Jahre arbeitete sie bei dem Radiosender der katholischen Gemeinde Mailand „Radio A" und bei verschiedenen Tageszeitungen. Irene fungierte als Chefredakteurin der Monatszeitschrift „Identia" sowie als Mitarbeiterin bei der Tageszeitung „Indipendente" und der Wochenzeitschrift „Italia Settimanale".
Außerdem engagierte sich Irene Pivetti in der katholischen Kirche. Sie wurde in der Laienbewegung aktiv, gehörte zu den Gründern der Bewegung „Dialogo e Rinnovamento" und war Mitglied des Nationalrates des katholischen Arbeitnehmerverbandes „Associazioni Cristiane Dei Lavoratori Italiani" (ACLI.)
Als 25-Jährige heiratete Irene Pivetti einen linkskatholischen Kommilitonen. Ihre erste Ehe wurde von der Sacra Rota des Vatikans annulliert.
Zu Beginn des Jahres 1990 setzte sie sich in einem Artikel für die „Lega Lombarda" („Lega Nord") ein, bekam Kontakt mit „Lega"-Chef Umberto Bossi und schloss sich seiner politischen Bewegung an. In der „Lega Nord" leitete sie den Katholischen Beirat.
Im Wahlkampf 1992 prägte Irene Pivetti den Aufsehen erregenden Slogan „Deine Seele für Gott, Deine Stimme für Bossi". Bei den Parlamentswahlen im April 1992 erstritt die „Lega Nord" 55 Sitze in der Abgeordnetenkammer, einen davon erhielt Irene Pivetti. Anfangs arbeitete sie vor allem im Sozialausschuss der Kammer mit.
Während der Legislaturperiode von 1992 bis 1994 wirkte die Abgeordnete Irene Pivetti bei der Einbringung von 16 Gesetzentwürfen und mehr als 100 Anfragen mit. Bei Besuchen der verschiedenen Regionen des Landes erläuterte sie die Programme und Ideen der „Lega Nord” auf zahlreichen Wahlveranstaltungen.
Die unter anderem als „lombardische Jeanne d’Arc" und als „verkappte katholische Fundamentalistin" bezeichnete Politikerin sorgte mehrfach für Aufregung. Beispielsweise warf sie dem relativ liberalen Mailänder Kardinal Martini vor, er führe seine Diözese wie eine Industrieholding. Dagegen lobte sie den konservativen deutschen Kurienkardinal Joseph Ratzinger. Außerdem trat sie als strikte Abtreibungsgegnerin auf und meinte, ein guter Katholik könne nicht immer jedem das Recht zugestehen, für seine Religion einzutreten.
Am 27. März 1994 erkämpfte das Rechtsbündnis von Silvio Berlusconis „Forza Italia", der neofaschistischen „Allianz" und der „Lega Nord" bei den Parlamentswahlen mit 366 von 630 Mandaten die Mehrheit in der Abgeordnetenkammer. Außerdem erreichte das Bündnis im Senat 155 von 315 Sitzen. Irene Pivetti wurde für die Wahlbezirke Lombardei/Mailand mit 53 Prozent der Stimmen wieder in die Abgeordnetenkammer gewählt.
Nach der Konstituierung des neuen Parlaments ging Irene Pivetti im zweiten Wahlgang mit 347 von 617 Stimmen als neue Präsidentin der Abgeordnetenkammer hervor. In ihrer Antrittsrede sicherte sie zu, sie wolle neutral über den Parteien stehen, bekannte sich jedoch gleichzeitig zu ihren konservativen religiösen Anschauungen. Auf die im italienischen Parlament übliche Anrede „Onorevole" („Ehrenwerter") verzichtete sie.
Bald nach ihrer Wahl zur Präsidentin der Abgeordnetenkammer sorgte Irene Pivetti mit einer umstrittenen Äußerung für Furore. Sie sagte, der italienische Diktator Benito Mussolini (1883–1945) habe die besten Dinge für die Frauen getan, danach sei nichts mehr geschehen.
In der Öffentlichkeit trägt Irene Pivetti gerne als Halsschmuck das Kreuz der westfranzösischen Landschaft Vendée. Dieses erinnert an die katholisch-monarchistisch inspirierten Bauernaufstände in der Vendée von 1793 bis 1796 und 1799/1800 gegen die Revolutionsregierung. Das Vendée-Kreuz ist ein beliebtes Amulett bei konservativen italienischen Katholiken, denen die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu weit gehen.
Im April 1996 gewann die Mitte-Links-Koalition, das so genannte Ölbaum-Bündnis aus 13 Parteien und Gruppen, knapp die Wahlen in Italien. Die „Lega Nord" erhielt landesweit 10,1 Prozent der Stimmen. Irene Pivetti verlor kurz danach ihr hohes Amt als Präsidentin der Abgeordnetenkammer.
Im Sommer 1996 distanzierte sich Irene Pivetti öffentlich vom Parteichef der „Lega Nord", Umberto Bossi, der für die Abspaltung des reichen italienischen Nordens vom wirtschaftlich schwachen Süden und für eine unabhängige norditalienische Republik namens „Padanien" eintritt. Daraufhin drohte Bossi: „Wir schicken ihre Leiche in den Vatikan!" Die attackierte Politikerin sagte: „Entweder man lacht über Bossi, oder man holt den Arzt."
Im September 1996 schlossen die Abgeordneten der „Lega Nord" die einstige Symbolfigur ihrer Fraktion, Irene Pivetti, aus. Danach plante die 33-jährige Politikerin die Gründung einer neuen Partei der politischen Mitte.
1997 schloss Irene Pivetti ihre zweite Ehe mit Alberto Brambilla. Im September 1998 brachte sie eine Tochter zur Welt.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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