Indira Gandhi: Die „Große Mutter Indiens“Kategorie: Politik Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als erste Premierministerin Indiens ging die Politikerin Indira Gandhi (1917–1984), geborene Shrimati Indira Priyadarshini Nehru, in die Geschichte des zweitgrößten Landes der Erde ein. Die Tochter des Staatsmannes Jawaharlal („Pandit") Nehru (1889–1964), dessen einziges Kind sie war, bekleidete im Laufe ihrer politischen Karriere zahlreiche wichtige Ämter. Sie war nicht nur Premierministerin, sondern zuvor auch Informationsministerin und Parteiführerin. Zuweilen bezeichnete man sie als „Große Mutter" oder „Kaiserin Indiens", was manche politischen Beobachter jedoch für übertrieben hielten.
Shrimati Indira Priyadarshini Nehru kam am 19. November 1917 in der Stadt Allahabad am Ganges zur Welt. Ihre Eltern stammten aus Kaschmir, ihre Mutter Kamala tat sich als Freiheitskämpferin hervor. Bereits als Zwölfjährige leitete Indira die „Monkey-Brigade", eine Kinderorganisation, die gewaltlosen Widerstand gegen die britischen Behörden leistete. Sie war 13 Jahre alt, als ihr der Vater seine später in Buchform veröffentlichten „Briefe an Indira" schrieb.
An europäischen Schulen – unter anderem in der Schweiz – erzogen, studierte Indira Nehru am „Somerville College" in Oxford (England) und 1941/1942 an Tagores Vishvabharati-Universität in Santiniketan. Als Jugendliche pflegte sie ihre lungenkranke Mutter, und als junge Frau widmete sie sich zunächst der sozialen Wohlfahrt und der Kinderfürsorge. Sie kümmerte sich um das Erziehungswesen und warb für die Sozialarbeit in den indischen Dörfern. 1929 gründete sie die Kinderorganisation „Vanar Sena".
1937 wurde Indira Nehru Mitglied des „Indian National Congress" (INC) und 1938 Kongressabgeordnete. 1942 heiratete sie ihren Jugendfreund, den Publizisten und Politiker Firoze Gandhi (gest. 1960). In den ersten Monaten ihrer Ehe mussten sowohl Indira als auch Firoze wegen ihres Kampfes für die Unabhängigkeit Indiens ins Gefängnis. Aus der Ehe gingen die Söhne Rajiv (1944–1996) und Sanjay (1947–1980) hervor. Das Paar lebte später getrennt, ließ sich aber nicht scheiden. Ungeachtet ihres Familiennamens waren weder Indira Gandhi noch ihr Mann Firoze Gandhi mit dem legendären indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi (1869–1948) verwandt. Indira lernte den gewaltlosen Widerstandskämpfer aber bei seinen Besuchen im Haus ihres Vaters persönlich kennen.
1946 zog Indira Gandhi zu ihrem Vater, um dessen großem Haushalt vorzustehen. Von 1946 bis 1964 betätigte sie sich als politische Mitarbeiterin ihres Vaters, der in dieser Zeit als Premierminister und Außenminister wirkte. 1955 wurde sie in die Spitze der Kongresspartei berufen. Im Februar 1958 wählte man sie zur Präsidentin des „Indian National Congress". Sie war jedoch nicht in der Lage, die verschiedenen Flügel zu einen und trat schon nach neun Monaten im Dezember 1959 von diesem Amt zurück.
Nach dem Tod ihres Vaters arbeitete Indira Gandhi von 1964 bis 1966 im Kabinett dessen Nachfolgers Lal Bahadur Shastri (1904–1966) als Informationsministerin. In dieser Funktion verstand es die körperlich zarte Frau mit Temperament und Einfühlungsvermögen – beides Eigenschaften, die auch ihr Vater besaß –, die Volksseele anzusprechen und zu beeinflussen. Sie suchte den Kontakt zu den Massen und gewann so die Sympathien breiter Bevölkerungsschichten.
Als Premierminister Shastri im November 1966 nach nur zweijähriger Amtszeit unerwartet an Herzversagen starb, wählte man Indira Gandhi zur neuen Vorsitzenden der Kongresspartei. Am 19. Januar 1967 stieg sie zur Regierungschefin auf. Die zerstrittenen Parteigrößen hatten sich für Indira entschieden, weil sie die kleine, schmächtige Frau mit der hohen zarten Mädchenstimme für eine schwache, naive und leicht manipulierbare Marionette hielten. Doch aus dem Kätzchen entwickelte sich im Nu ein Tiger.
Ab September 1967 leitete die Premierministerin Indira Gandhi zeitweise auch die Ressorts Inneres, Äußeres, Planung, Information und Atomenergie. Als Premierministerin sah sie sich einer Vielzahl von innenpolitischen Problemen gegenüber, vor allem der Hungersnot in Ostindien, der gleichermaßen wuchernden Inflation und Bürokratie, einem Außenhandelsdefizit und dem damit verbundenen Kapitalmangel sowie den ständig wiederkehrenden Unruhen in Assam und Pandschab.
Wegen der negativen weltwirtschaftlichen Einflüsse samt der Ölkrise und der Bevölkerungsexplosion gelang es Indira Gandhi zwar nicht, die Probleme vollends in den Griff zu bekommen. Aber sie schaffte es, dass Indien aus den ärgsten Hungersnöten herauskam und vom Entwicklungsland zu einem Staat wurde, der zwar weiter auf Hilfe der Industrienationen angewiesen war, aber bereits selbst Entwicklungshilfe an noch ärmere Staaten zahlte und mit über die höchsten Einlagen in der „Asiatischen Entwicklungsbank" verfügte.
1969 bootete Indira Gandhi ihren Parteikonkurrenten, den stellvertretenden Premierminister Morarji Desai im Kabinett aus. Nach der Verstaatlichung der Großbanken spaltete sich die Kongresssspartei. Indira blieb Vorsitzende der „Neuen Kongresspartei" (INC) und wurde im Parlament von den moskautreuen Kommunisten unterstützt. Im Dezember 1970 setzte sie nach Auflösung des Parlaments vorgezogene Neuwahlen an, bei denen sie im März 1971 einen großen Sieg errang.
Der im Dezember 1971 ausgebrochene Krieg zwischen dem damaligen West- und Ostpakistan wurde von Indien zugunsten des unter Mujibur Rahman (1922–1975) als Bangladesh unabhängig werdenden Ostpakistans entschieden. Im März 1972 besuchte Indira Gandhi den Ministerpräsidenten von Bangla–desh, Scheich Mujibur Rahman, und unterzeichnete einen auf 25 Jahre abgeschlossenen Freundschafts- und Beistandspakt mit Bangladesh.
Im Juni 1975 verurteilte man Indira Gandhi in Allahabad wegen Wahlkorruption und untersagte ihr sechs Jahre lang die Bekleidung öffentlicher Ämter, weil sie 1971 Beamte für den Wahlkampf eingesetzt hatte. Daraufhin verhängte sie den Ausnahmezustand, änderte rückwirkend die Verfassung, ließ viele politische Gegner verhaften (die Zahlen schwanken zwischen 34000 und 160000 Personen) und Zeitungen zensieren. Das von der „Neuen Kongresspartei" beherrschte Parlament verabschiedete im August 1975 ein Gesetz, das Indira Gandhi in Fragen der Korruption rehabilitierte.
Im Herbst 1976 schlossen sich verschiedene Oppositionsparteien zum Wahlbündnis „Dschanata" („Volkspartei") mit Jayaprakasch Narayan als nominellem Vorsitzenden und Morarji Desai als faktischem Führer gegen Indira Gandhi zusammen. Außerdem trat damals Landwirtschaftsminister Jagjivan Ram, ein Repräsentant der etwa 80 Millionen Angehörigen der früher als „Unberührbaren" bezeichneten untersten sozialen Schicht aus dem Kabinett und der Partei Indira Gandhis aus und gründete den „Kongress für Demokratie" (DC).
Bei den vorgezogenen Neuwahlen vom 16. bis 20. März 1977 erlitten Indira Gandhi sowie deren stark von ihr protegierter und skrupelloser Sohn Sanjay, der massenhaft Zwangssterilisationen hatte vornehmen lassen, eine vernichtende Niederlage. Die Kongresspartei erhielt nur 153 Sitze, „Dschanata" und der „Kongress für Demokratie" dagegen erreichten zusammen 298. Daraufhin trat Indira als Premierministerin und Parteiführerin zurück.
Von 1977 bis 1979 fungierten Indira Gandhis langjähriger Rivale Morarji Desai als Premierminister und Jagjivan Ram als Verteidigungsminister. Die immer stärkere Zerstrittenheit und das ungeschickte Verhalten der neuen Regierung ließen Indira, die kurz inhaftiert wurde, fast als Märtyrerin wirken. Nach einer Spaltung der Kongress-Partei glückte ihr im Januar 1980 die triumphale Rückkehr als Premierministerin. Offenbar hatte sie aus ihren Fehlern gelernt und hielt fortan die Spielregeln der Demokratie ein.
Am 23. Juni 1980 stürzte Indira Gandhis jüngerer Sohn Sanjay bei einem morgendlichen Kunstflug unweit der Residenz seiner Mutter mit dem Flugzeug in den Tod. Danach baute sie ihren älteren Sohn Rajiv, der bis dahin an Politik kein Interesse zeigte, auf und erhielt dabei von Sanjays Witwe Maneka Gandhi unerwünschte Konkurrenz. Ab 1983 war Indira Gandhi Sprecherin der Bewegung der Blockfreien Staaten.
Nach dem zunehmenden Terror radikaler Sikhs, die unter ihrem Führer Bhindranwale nahezu täglich Mordanschläge verübten, gab Indira Gandhi im Juni 1984 den Befehl zum Angriff auf den „Goldenen Tempel" in Amritsar, dem höchsten Heiligtum der Sikhs. Dabei kamen nach offiziellen Angaben 492 Sikhs und 93 Soldaten – nach inoffizieller Zählung sogar mehr als 1000 Menschen – ums Leben.
Am Morgen des 31. Oktober 1984 fiel Indira Gandhi im Garten ihrer Residenz einem Attentat zweier Sihks ihrer Leibgarde, die damit für den Sturm auf den Tempel in Amritsar Vergeltung üben wollten, zum Opfer. Die beiden Männer töteten sie mit insgesamt 30 Schüssen aus einer Pistole und einem Schnellfeuergewehr. Aus Rache sind innerhalb von zwei Tagen mindestens 2300, wenn nicht sogar 4000 Sikhs in Neu Delhi niedergemetzelt worden.
Indira Gandhis erster Sohn Rajiv, der bis dahin als Pilot bei „Indian Airlines" geflogen war, übernahm nach der Ermordung seiner Mutter das Amt des Premierministers und die Führung der Kongresspartei. Er regierte fünf Jahre von 1984 bis zur Wahlniederlage von 1989.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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