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Hildegard von Bingen: Die deutsche Prophetin

Kategorie: Religion
Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst


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Leseprobe aus dem Taschenbuch "Superfrauen 2 - Religion" von Ernst Probst:

Als bekannteste Mystikerin des Mittelalters, „deutsche Prophetin" („prophetissa teutonica") und Patronin der Sprachforscher gilt Hildegard von Bingen (1098–1179). Die adlige Nonne wirkte als Naturforscherin, schreibende Ärztin, Heilerin, Komponistin, Malerin, Theologin, Mystikerin, Biologin, Psychologin und Äbtissin. In Chroniken nannte man sie ab dem 13. Jahrhundert eine Heilige.

Hildegard wurde 1098 als zehntes Kind Hildeberts von Bermersheim und Mechthilds von Merxheim in eine edelfreie Familie hineingeboren, die sich nach dem Dorf Bermersheim bei Alzey nannte. Ihr Vater und ihr Bruder Drutwin waren Vasallen der Grafen von Sponheim, und zu ihren Verwandten gehörten Erzbischof Arnold I. von Trier (1159–1183) und Graf Ulrich von Ahr (1143–1197), der Erbauer der Nürburg im oberen Ahrtal.

Sowohl der Geburtsort als auch der genaue Geburtstag von Hildegard sind nicht bekannt. Manche Historiker vermuten, dass sie nicht in Bermersheim – wie immer wieder zu lesen ist –, sondern in Schlossböckelheim zur Welt kam. Von ihrem dortigen mutmaßlichen Domizil ist heute nur noch eine Burgruine inmitten von Weinbergen auf einem Felsvorsprung hoch über einem Flussbogen der Nahe erhalten.

Die sensible Hildegard lieferte schon im Alter von fünf Jahren eine Kostprobe ihrer hellseherischen Fähigkeiten, als sie die genauen Schecken eines noch ungeborenen Kalbes vorhersagte. Nach dem Willen der Eltern sollte das oft kränkelnde Mädchen, das bereits als kleines Kind Visionen hatte, sein Leben im Kloster verbringen.

1106 wurde die achtjährige Hildegard der 14-jährigen Jutta von Sponheim (um 1092–1136) zur Erziehung anvertraut, die ebenfalls Visionen erlebte. Sie war die erste, die das ungewöhnliche Kind und seine Visionen ernst nahm. Sechs Jahre später – 1112 – beschlossen beide, zusammen mit einem dritten Mädchen in eine eigens für sie eingerichtete Frauenklause des 1108 gegründeten Benediktiner-klosters auf dem Disibodenberg am Zusammenfluss von Glan und Nahe bei Odernheim einzutreten. Die feierliche Aufnahme, bei der Hildegard auch die Ordensgelübde ablegte, erfolgte am 1. November 1112. Die weitere Ausbildung der jungen Frau übernahm der Mönch Volmar vom Disibodenberg.

Ungeachtet ihres Beinamens „von Bingen" hielt sich Hildegard übrigens die längste Zeit ihres Lebens auf dem Disibodenberg bei Odernheim auf. Aus der dortigen Klause entwickelte sich allmählich ein Frauenkonvent, den Jutta von Sponheim als Meisterin (Äbtissin) leitete. Auch auf dem Disibodenberg hatte Hildegard weiterhin Visionen, die sie verunsicherten und die sie ihrer mütterlichen Freundin Jutta anvertraute. Nach Juttas Tod am 22. Dezember 1136 wurde die inzwischen 38-jährige Hildegard zur Meisterin der Frauengemeinschaft auf dem Disibodenberg gewählt.

1141 gab eine innere Stimme der 42-jährigen Hildegard den Auftrag, alles, was sie mit ihrem „inneren Auge" sah, zu notieren. Ihre ab 1141 in lateinischer Sprache begonnenen Aufzeichnungen wären vielleicht nie außerhalb der Klostermauern bekannt geworden, wenn sie nicht 1147 dem berühmten Mönch Bernhard von Clairvaux (1090–1153) einen Brief mit der Bitte um seinen Rat geschrieben hätte.

Während der Reformsynode von Ende November 1147 bis Februar 1148 in Trier wurden Papst Eugen III. (gest. 1153) Abschriften der bis dahin verfassten Texte Hildegards vorgelegt. Nach dem Vorlesen aus der Visionsschrift trat Bernhard von Clairvaux als Fürsprecher der Nonne auf. Eugen III. bestätigte daraufhin die Rechtgläubigkeit Hildegards, die Übereinstimmung mit Bibel und Kirchenvätern und ermunterte sie, weiter aufzuschreiben, was sie sah und hörte und dies kundzutun.

Nach der Zustimmung des Papstes war der Weg frei für Hildegards erstes Buch „Scivias" („Wisse die Wege"), bei dessen Niederschrift ihr der Mönch Volmar und ihre Lieblingsnonne Richardis von Stade (um 1120–1154) halfen, die später Äbtissin eines Nonnenklosters bei Bremen wurde. Die Rupertsberger Abschrift des 1151 vollendeten Originals ist seit 1945 verschollen, eine moderne, hand-gefertige Kopie davon befindet sich in der Benediktinerabtei Eibingen.

Nach einer anderen Vision trat Hildegard 1147 dafür ein, auf dem Rupertsberg am Zusammenfluss von Nahe und Rhein bei Bingen ein Frauenkloster errichten zu lassen. Dorthin wollte sie mit der immer größer werdenden Frauengruppe des Benediktinerklosters auf dem Disibodenberg ziehen. Gegen dieses Vorhaben wehrte sich der Abt Kuno vom Disibodenberg, weil er dadurch eine Einschränkung seiner Macht und finanzielle Verluste befürchtete. Daraufhin legte sich Hildegard „wie ein Felsblock" krank ins Bett, ließ ihre Beziehungen zu ihrer reichen Adelssippe spielen und setzte sich durch.

Zwischen 1147 und 1152 entstand auf dem Rupertsberg, einem Felsen, unter dem die Nahe in den Rhein mündet, der Bau eines Frauenklosters. Dort zog Hildegard 1150 mit 18 Nonnen vom Disibodenberg ein. 1151 weihte der Erzbischof Heinrich I. von Mainz (gest. 1153) die große dreischiffige Kirche des Klosters ein. Dieses Kloster auf der linken Rheinseite nahm nur Frauen adliger Abstammung auf. Es ist 1632 im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) von den Schweden zerstört worden. Der Felsen, auf dem das Kloster Ruprechtsberg stand, wurde 1857 mit den Ruinen für den Bau der Nahe-Eisenbahn gesprengt.

Auf dem Rupertsberg verfasste Hildegard neben Visionsschriften auch naturkundliche und medizinisch-heilkundliche Werke. Zwischen 1150 und 1160 entstanden der Band „Physica", in dem sie die Wechselwirkung zwischen Pflanzen, Elementen, Steinen und Metallen beschrieb, sowie das Buch „Causae et Curae" („Ursachen und Heilungen"). Das Werk „Liber Vitae Meritorum" („Buch der Lebensverdienste") wurde zwischen 1158 und 1163 geschrieben. Zwischen 1170 und 1174 folgte „Liber Divinorum Operum" („Buch der Gotteswerke"), eine poetische Schau der Werke Gottes für Welt und Mensch.

Obwohl Hildegard nie die Noten oder den Gesang erlernt hatte, schrieb und sang sie Lieder mit Melodien zum Lobe Gottes und der Heiligen. Sie schuf 77 religiöse Lieder, Antiphonen, Sequenzen und ein liturigisches Mysterienspiel „Ordo virtutum" („Reigen der Tugenden").

Die adlige Theologin wurde europaweit um Rat gefragt, unternahm Predigtreisen nach Franken, an den Niederrhein und Schwaben und pflegte eine umfangreiche Korrespondenz mit drei Päpsten, Bischöfen von Mainz bis Prag sowie Herrschern und Laien. Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1122–1190) lud sie an einem heute nicht mehr genau bekannten Datum zu einem Meinungsaustausch in seine Pfalz bei Ingelheim ein. 1163 stellte er ihr einen kaiserlichen Schutzbrief für ihr Kloster aus, der die Sicherung der Besitzungen und die rechtliche Unabhängigkeit garantierte.

Hildegard ging bei anderer Gelegenheit mit Barbarossa scharf ins Gericht, als er mit der Berufung von Gegenpäpsten eine 18 Jahre dauernde Kirchenspaltung (Schisma) herbeiführte. Erzürnt hielt die mutige Nonne dem Kaiser entgegen: „Gib acht, dass der höchste König (Gott) dich nicht zu Boden streckt wegen der Blindheit deiner Augen".

1165 übernahm Hildegard als 67-Jährige ein weiteres Kloster auf der rechten Rheinseite in Eibingen bei Rüdesheim, ein 1148 gebrandschatztes Augustinerkloster. Hildegard fuhr zwei Mal in der Woche in einem Boot über den Rhein, um in Eibingen nach dem Rechten zu sehen.

Gemessen an ihrer Zeit war Hildegard eine moderne Frau: An Festtagen durften ihre klösterlichen „Töchter" für den Gottesdienst die engen Hauben abnehmen, ihre frisch gewaschenen Haare lang herabfallen lassen, sich schmücken, schöne Kleider anziehen, singen und tanzen. Zudem betrachtete sie Körperhygiene als Tugend und behandelte in ihren medizinischen Werken offen sexualmedizinische Probleme.

Gegen Ende ihres Lebens hatte Hildegard einen ernsten Konflikt mit der Amtskirche, weil sie auf dem Friedhof ihres Klosters einen exkommunizierten Adligen beisetzen ließ, der sich allerdings mit der Kirche ausgesöhnt und Absolution erhalten hatte. Als die Kirchenbeamten im Erzbistum Mainz anordneten, der Leichnam müsse exhumiert und vor den Klostermauern verscharrt werden, weigerte sich die Äbtissin. Daraufhin verhängte das Bistum über das Kloster das so genannte Interdikt. Dabei handelt es sich um ein Verbot des Gottesdienstes, des Spendens der Sakramente und des Singens des Gotteslobs für ein Institut oder ein Territorium.

Die greise Äbtissin, für die Musik eine Quelle des Lebendigen und Teilhabe am himmlischen Gotteslob der Engel bedeutete, kämpfte energisch gegen dieses Verdikt. Sie setzte sich schließlich dank des Eingreifens des Erzbischofs erst in ihrem Todesjahr durch.

Hildegard von Bingen starb am 17. September 1179 im Alter von 81 Jahren in ihrem Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen. Während ihrer Begräbnisfeier ereignete sich ein Wunder: Zwei Schwerkranke, die ihren Leichnam berührten, wurden geheilt.

Man bestattete Hildegard zunächst im Kloster Rupertsberg. Im 13. Jahrhundert leitete man ihre Heiligsprechung ein, die entsprechenden Akten liegen noch heute im Landesarchiv Koblenz, jedoch wurde das Verfahren nicht zu Ende geführt.

1636 brachte man Hildegards sterbliche Überreste in die Eibinger Klosterkirche, heute Pfarr- und Wallfahrtskirche Sankt Hildegard, wo man die Gebeine 1929 am 750. Todestag in einen neuen Schrein umbettete. Das Behältnis stellt auf der Mitte der Schauseite die vier Kardinaltugenden dar und bildet die Heiligen Benedikt (den Ordensgründer der Benediktinerinnen), Petrus (als Fels der Kirche), Johannes den Täufer (den ersten Kirchenpatron Eibingens) und Rupert (den Patron des Klosters Rupertsberg) ab.

Reliquien der Volksheiligen werden noch heute auch im Hildegard-Schrein der neuen Klosterkirche Sankt Hildegard in Eibingen aufbewahrt. Das Gotteshaus ist am Gedenktag Hildegards, dem 17. September, das Ziel von Wallfahrern, die zur Reliquienprozession kommen. Eine Rippe von Hildegard und ein Stück ihres Ordensgewandes befinden sich im Altar der Rochuskapelle über Bingen am Rhein.

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