Happiness Economics? Zur Philosophie des ErfolgesKategorie: Wissenschaft Artikel veröffentlicht von: Renate Miethner
Als ob es erstaunlich sei oder eine neue überraschende Einsicht, begegnen gehäuft Äußerungen - oft unter dem Aufhänger des Stichworts „happiness economics" - in denen „erstaunt" festgestellt wird, dass Geld allein nicht glücklich mache. Oder aber man widmet sich dem Phänomen des Unglücklichseins trotz wirtschaftlichen oder finanziellen Erfolgs. Beiderseits wird das eigene Erstaunen auffällig unreflektiert zum Ausdruck gebracht, denn von einer klaren Sicht der Dinge kann hier keine Rede sein.
„Gück" und „Erfolg" werden dabei häufig als austauschbare, keiner weiteren Erklärung bedürftigen Begriffe behandelt. Es scheint selbstverständlich zu sein, was mit „Erfolg" und was mit „Glück" gemeint ist. Und man gibt sich überrascht und mag es kaum hinnehmen, wenn sich die Suche nach allgemeingültigen hinreichenden Kriterien oder Faktoren, die Glück oder Glücklichsein notwendig mit sich bringen, als grundsätzlich vergeblich und zum Scheitern verurteilt erweist.
Was als „Erfolg" beurteilt wird, ist eine Frage des jeweils eingenommenen Standpunkts. Was schätzt der Einzelne als Erfolg ein, was stellt für andere (und für welche „andere"?) Erfolg dar - und für welche Einschätzung oder Beurteilung entscheidet sich der Einzelne, bevor er diese als maßgeblich wertet?
Die Frage nach den Kriterien, die etwas zu einem Erfolg oder eben zu einem Misserfolg machen, stellt sich dar als eine Frage nach der individuellen Gewichtung, Prioritätensetzung und Schwerpunktlegung - und dies ist letztlich eine Frage der Entscheidung für den einen oder gegen den anderen Standpunkt.
Es ist einerseits zu unterscheiden zwischen Erfolg und Erfolgreich-Sein, und andererseits zwischen Glück und Erfolg, zwischen Glück und Erfolgreich-Sein, zwischen Glücklich-Sein und Erfolg und zwischen Glücklich-Sein und Erfolgreich-Sein.
Glücklich sein und sich glücklich fühlen sind dabei nicht zwangsläufig ein und dasselbe. Wer kennt nicht Redewendungen wie „xy kann sich glücklich schätzen" oder „xy hat Glück (gehabt)"? Damit ist noch lange nichts gesagt und erkannt darüber, ob xy sich selbst auch wirklich glücklich schätzt. Selbst wenn xy von sich selbst behaupten würde, er habe Glück (gehabt), so muss dies nicht bedeuten, dass er sich glücklich fühlt und von sich selbst sagt, er sei glücklich.
Geht es um die Suche nach oder das Bestreben um Glück, so ist der Einzelne dahingehend, was seine Entscheidungsfindung anbelangt, auf sich selbst gestellt: das Entscheidungen-Treffen kann der Einzelperson niemand und nichts abnehmen - auch nicht das Verantworten der getroffenen Entscheidung(en). Zum Anderen ist der Einzelne abhängig von günstigen, „glücklichen" Umständen, die gar nicht seinem Einfluss unterliegen, d.h., was sein Bemühen um Glücklichsein anbelangt, ist er stets grundsätzlich abhängig vom „Zufallsglück".
Es gibt kein Patentrezept, das für alle gleichermaßen und für alle Zeiten garantieren könnte, dass sich so etwas wie Glück, Glücklichkeit oder Glücksempfinden einstellt und einstellen müsste. Und es gibt keinen einforderbaren Anspruch auf Glück (im Sinne eines „pursuit of happiness") oder darauf, sich glücklich zu schätzen oder glücklich zu sein. Glück ist und bleibt letzten Endes etwas, das einem vergönnt ist - oder eben nicht. Glück ist nicht, zumindest nicht umfassend, planbar und kalkulierbar.
Die Jagd nach Geld lässt sich problemlos nachvollziehen: nach Geld lässt sich „jagen", Geld kann man sich aneignen - mit Glück ist das nicht der Fall. Sorge tragen kann man für günstige Umstände, unter denen sich nach Menschengedenken die Wahrscheinlichkeit, dass sich Glück einstellt, erhöht – doch mit Gewissheit voraussagen oder erzwingen wird kein Mensch dies jemals können.
„Glück" bleibt doch stets etwas Unerforschbares und grundsätzlich Rätselhaftes, ein essentiell Mysteriöses, das für den Menschen zumindest verborgen bleibt, und das der „Entschlüsselung" entgeht. Beim „Glück" stößt der Glaube an Beherrschbarkeit und die „Entzauberung der Welt" an ihre unumstößlichen Grenzen – und man möchte hinzufügen: welch ein Glück!
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Veröffentlicht von: Renate Miethner Web: http://www.philosophieberatung.de/ Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Apeiron Philosophieberatung, 2005 gegründet von der Bonner Philosophin Renate Miethner, ist ein dezidiert philosophisch ausgerichtetes Beratungsunternehmen. Renate Miethner studierte Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn und arbeitete ausführlich über Kant und die erkenntnistheoretischen Ansätze des deutschen Idealismus. |
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