Getrocknete RosenKategorie: eBooks Artikel veröffentlicht von: Bernhard Kramer
MAREK - Wie es beginnt
Genau zwei Tage vor Silvester 1996. Dieser Tag sollte eine Wende in meinem Leben einleiten, von der ich nie für möglich gehalten hätte, dass sie ausgerechnet mich treffen kann. Ich hatte bisher auch kein trostloses oder gar langweiliges Dasein gefristet, aber was in den kommenden Wochen und Monaten so alles auf mich zukommen würde, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erahnen können.
Dieser Tag, ein Samstag, schien eher trüb und öde zu werden. In der vorigen Nacht traf ich einen Typen, den ich kurz zuvor in einem Chat kennen gelernt hatte und ich entschloss mich kurzerhand, die restliche Nacht mit ihm zu verbringen. Trotz der körperlichen Nähe und meinem starken und unbändigen Wunsch nach leidenschaftlichen Berührungen blieb ich kalt. Fast mechanisch absolvierten wir das, was man Lustbefriedigung nennt und ich fühlte mich während des Aktes wie mit einer dicken Eisschicht überzogen. Mir war kalt und ich blieb es auch, als ich am nächsten Morgen meine auf dem Boden herumliegenden Sachen einsammelte und lautlos die Wohnung verließ. Ich wollte einfach nur noch diese Nacht, dieses namenlose und nichts sagende Gesicht hinter mir lassen. Die Tatsache, dass ich mal wieder eine Nacht mit einem mehr als nur gewöhnlichen Typen verbracht hatte, stieß mir bitter auf. Meine Stimmung war angeschlagen und ich verspürte den unbändigen Wunsch, in die Stadt zu fahren um wenigstens ein bisschen Ablenkung und Zerstreuung zu finden. Natürlich fuhr mit mir immer ein kleiner Funken Hoffnung mit. Hoffnung, einen Menschen zu finden, der in mir Gefühle erzeugen konnte, die ich mir sehnlich und schon seit langer, langer Zeit vergeblich wünschte.
Zürich. Ja, Zürich ist eine Stadt, in der man alles erleben kann. Die Hektik einer Großstadt, die kulturellen Schätze, die eine so ergreifende Geschichte erzählen, Hunderte von Touristen, gestresste Menschen, die eiligen Schrittes in der Innenstadt herumlaufen und sich wohl lieber in die ruhige Idylle eines Dorfes zurückziehen würden. Natürlich wird das Stadtbild auch von Tagedieben, Straßenkünstlern und den Menschen geprägt, die, wie ich auch, einfach nur den Drang verspüren, der Einsamkeit zu entfliehen. Man sieht sich, trifft sich; das reinste Sehen und Gesehen werden. Nachdem ich minutenlang einen Parkplatz gesucht und schließlich einen gefunden hatte, stand ich unschlüssig vor meinem Wagen. Ich überlegte, ob ich lieber in eine Bar oder doch in eine einschlägig bekannte Sauna gehen sollte. Ich spürte eine gewisse Unruhe in mir und hatte das Verlangen, nach der ernüchternden Nacht diesen Tag noch irgendwie angenehm ausklingen zu lassen. Ich entschied mich für eine Bar, die ich sonst eher mied, da mir das ewig gleiche Publikum nicht zusagte. Und doch, ich landete im Carussell. Ich wusste nur zu gut, was mich in dieser Bar erwarten würde. Hier sitzen fast ausnahmslos Männer, die sich den Tag vertreiben, nach getaner Arbeit einen Drink nehmen und ganz still und leise hoffen, nicht allein nach Hause gehen zu müssen. Ohne einen Blick nach rechts oder links schweifen zu lassen, steuerte ich die Theke an und bestellte mir ein Ginger Ale. Erst jetzt drehte ich mich gemächlich um und musterte die anwesenden Gäste. Nur langweilige ältere Typen saßen verstreut an den Tischen, nippten lustlos an ihren Gläsern und warfen immer wieder neugierige Blicke zur Eingangstür, sobald sich diese öffnete.
Veröffentlicht von: Bernhard Kramer Web: http://www.getrocknete-rosen.com Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Der Autor Bernhard Kramer wurde am 24.03.1961 in Marthalen geboren und lebt heute in Regensdorf bei Zürich. Nach Abschluss der Schule erlernte er einen Beruf in der Baubranche. Mit ungefähr 30 Jahren widmete er sich intensiver der Malerei und stellte in den folgenden Jahren seine Werke in zahlreichen Ausstellungen aus. Neben der Malerei ist er heute auch als Webdesigner erfolgreich.
2005 schrieb er sein erstes Buch „Getrocknete Rosen“, nach eigenen Erlebnissen zwischen Genuss und Verdruss. |
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